Abwarten, zuhören und reagieren

Face to face – „Das ganz normale Leben“: Uraufführung von Moritz Eggert in Kaiserslautern


(nmz) -
Schülerinnen und Schüler performen gemeinsam mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern Orchestermusik des 21. Jahrhunderts. Moritz Eggerts neues Werk „Das ganz normale Leben“ für Performer-Gruppe, Schlagzeugensemble und großes Orchester entstand als ein Kompositionsauftrag von Spektrum Villa Musica im Rahmen des Netzwerks Neue Musik, eine groß angelegte Fördermaßnahme der Kulturstiftung des Bundes, für ein Projekt der AG Neue Musik Grünstadt.
Ein Artikel von Magdalene Melchers

Unter dem Titel „face to face“ begegneten Schülerinnen und Schüler vom Landesmusikgymnasium Montabaur und der AG Neue Musik vom Leininger Gymnasium Grünstadt dem Komponisten Moritz Eggert und Orchesterprofis. Bei der Uraufführung wurden auf der Bühne Spiegeleier gebraten, es wurde geboxt, Fahrrad gefahren, telefoniert, gerannt, gestritten. Die Auswahl und Aufbereitung der elektronisch ergänzten Geräuschpalette war das Arbeitsergebnis des jugendlichen Technikteams. Fabian Maul erzählt schmunzelnd, dass einige Arbeitsaufgaben abgewandelt wurden, da es nicht so einfach gewesen wäre, in der ländlichen Idylle Grünstadts Autobahnen, Stadtleben und Fußballstadien aufzunehmen, doch das Internet sei eine zuverlässige Quelle. 

Das Stück bietet auf der Basis eines traditionell verankerten Orchesterklanges eine unüberschaubare Fülle von Eindrücken, die akustisch keine Rolle zu spielen scheinen und dennoch im Gesamtgefüge bedeutsam sind. Weder das Öffnen und Schließen eines Regenschirms noch das Laufen auf der Stelle sind beliebig. Roland Böer, Dirigent der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern, betont die taktgenaue Verknüpfung von Klangelementen und Bewegung, so ertönten Trommeln, und drei Schülerinnen liefen mit erkennbarer Konzentration in dem exakt vorgesehenen Zeitfenster auf der Stelle. Die Zusammenarbeit sei nach den Worten von Roland Böer weitaus mehr als unterhaltsame Spielerei. „Worauf ich wirklich Wert gelegt habe, um das nicht nur in ein Happening ausarten zu lassen, ist, dass die Schüler lernen, sich im kammermusikalischen Sinn mit den Klängen des Orchesters zu verbinden, die Klänge Bestandteil ihrer Aktion werden zu lassen, beziehungsweise darauf zu reagieren. Es ist alles genau gestaltet in der Partitur, und wenn die Schüler Aktionen einbringen, zum Beispiel boxen oder auf dem Trainingsfahrrad fahren, können sie nicht nebenher eine Partitur lesen. Das bedeutet, sie müssen intensiv ihre Ohren aufsperren, sie müssen genau wissen, was passiert im Orchester, was die nächste Aktion ist. Und insofern ist es schon eine gute Übung, das zu lernen, was die Basis der Musik ausmacht: die Konzentration auf die eigene Beteiligung, das geduldige Abwarten, das respektvolle Zuhören und Reagieren, Aktion – Reaktion.“

Schon bei den Proben wurde deutlich, dass die Teilnehmer der AG Neue Musik des Leininger Gymnasiums Grünstadt souverän mit den Anforderungen zeitgenössischer Komponisten umzugehen verstehen. Während das verstärkende Schlagzeugensemble des Landesmusikgymnasiums Rheinland-Pfalz, instrumental durchaus überzeugen, sich eher zögernd und kichernd auf erforderliche Übungen einließ, widmeten sich die Schüler von Silke Egeler-Wittmann mit nötiger Konzentration Atem- und Bewegungsübungen. 

Längst hat sich die vor 16 Jahren gegründete AG Neue Musik überregional einen Namen gemacht und prägt mittlerweile auch kompositorische Ideen. Es hat sich herumgesprochen, dass sich diese Schülerinnen und Schüler kompetent den Wünschen zeitgenössischer Komponisten wie Moritz Eggert widmen. „Die sind so erfahren, dass ich von denen auch rhythmisch präzise Elemente verlangen kann und vom Timing her auch mal einen Taktwechsel. Das ist wirklich ein gehobener Anspruch, was die auf der Bühne gezeigt haben, damit würden sich auch manche Profis schwer tun.“ 

Moritz Eggert gab den Performern ihre Einsätze und Roland Böer dirigierte das zehnminütige Stück, das zu viel bot, um alles gleichzeitig wahrnehmen zu können. Das Zusammenspiel von Taktgefühl, Klanggestaltung oder darstellerischen Akzenten war das beeindruckende Ergebnis einer Fülle von Einzelleistungen. Der Dirigent hätte sich mehr Zeit gewünscht, um sich den vielen Details widmen zu können. „Das ganz normale Leben“ bietet Aspekte, die Musik der Gegenwart zu bündeln vermag. Es stellt musikalische Strukturen in Frage, erhebt Alltägliches zu ästhetischen Elementen einer Komposition und spiegelt den heutzutage gängigen Anspruch auf konzentrierte Aufmerksamkeit für Details in der Flut gleichzeitiger Ereignisse.

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