Äppelkonto


(nmz) -

Wenn ich früher frische Musik in meinen Besitz bringen wollte, musste ich das Haus verlassen und einen Schallplattenladen aufsuchen. Die Öffentlich-Rechtlichen (andere gab es noch nicht) verließen fast nie den Mittelstreifen, und die Aufgabe von Radio und Fernsehen war schon damals, die Konsumbereitschaft der Hörer und Zuschauer zu fördern. Witzigerweise funktionierte das damals fast ganz ohne Werbung.

Ein Artikel von Redunzl Semmelmann

Die Welt hat sich seitdem nicht nur weitergedreht – nein – es ist eine völlig andere Welt geworden. Musste ich früher, wie bereits erwähnt, zum Musikeinkauf einen Plattenladen aufsuchen, funktioniert das heute ganz anders. Ganz anders. Und man kann dabei sogar sitzen bleiben. Alles, was man braucht, ist ein Internetzugang und eine Kreditkarte. Letzteres habe ich schon lange nicht mehr. Macht aber nix, dann nehme ich eben die meiner Frau. Was nur fair ist: Ich habe den Internetzugang, sie die Kreditkarte.

Flugs klicke ich mich in mein mp3-Programm und trete von dort aus durch die digitalen Pforten des Apple iTunes Music Store. Und wie vor 30 Jahren schnüffle ich sofort in den Regalen herum, nur eben virtuell. Ich bin nämlich der felsenfesten Überzeugung, dass ich in diesem Laden all die Songs finden werde, die ich noch gerne auf meinem iPod hätte. Doch weit gefehlt.

The Doors: Absolutely live? Fehlanzeige
The Tubes: Young and Rich? Fehlanzeige
Pere Ubu: Cloudland? Fehlanzeige

Ich suche nach The Jam, finde Pearl Jam. Nix gegen Pearl Jam, aber ich meinte The Jam. Erst nach mehreren Klicks durch den quälend langsamen Laden finde ich sie dann. Es ist fast wie früher, wenn dumme Kaufhausverkäufer John Mayall bei J statt bei M einsor-tiert haben. Irgendwann komme ich auf die völlig absurde Idee, nach der legendären englischen Punkband Crass zu suchen. Und was soll ich sagen, was mir die Musikfrüchtchen vom Appleshop um die Ohren hauen? Bittschön: „Zurück, Elsa! Nicht länger will ich dulden!”
Anja Silja, Astrid Varnay, Chor der Bayreuther Festspiele, Franz Crass, Jess Thomas, Orchester der Bayreuther Festspiele & Wolfgang Sawallisch, Wagner: Lohengrin

Ja, spinn’ ich denn? Bayreuther Festspiele? Schon wieder? Franz Crass? Ich mache kurz die Gegenprobe bei der Konkurrenz von musicload.de …

Franz Crass (Bass) & Münchener Bach-Orchester (Orchestra) & Karl Richter (Conductor)
Bach, J.S.: Sacred Masterpieces – 10 CDs
No. 47 Aria (Bass): „Erleucht auch meine finstre Sinnen”

Dir erleuchte ich gleich was anderes, Freundchen. Ausgerechnet Bach. Da höre ich sofort die Bratschen quälend in meinem Oberstübchen kratzen und zirpen, und es läuft mir eiskalt den Buckel runter. So richtig verärgert klicke ich einfach ein paar Songs in meinen Einkaufskorb, denn das eine oder andere habe ich dann doch gefunden. Dann gehe ich – nein – klicke ich mich zur Kasse durch. Hier kommt die Kreditkarte meiner Frau ins Spiel, denn bevor ich die Songs auf die Festplatte runterladen kann, muss ich ein Äppelkonto einrichten. Und das geht nur mit Kreditkarte. Auch diese Hürde nehme ich bravourös, lade endlich die 10 Songs auf meine Platte und tilge den Debit bei meiner Frau sofort und in bar. 9 Euro und 90 Eurocent. Für 10 Songs aus der guten, alten Zeit. Alles in allem hat mir dieser Einkauf sehr wenig Spaß gemacht. Doch so ist das eben, wenn man in einer Kleinstadt wohnt, in der es schon seit vielen Jahren keine Plattenläden mehr gibt. Sehr traurig.

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: