Alte Orchesterschocker und neue Elektronikwelten

Neue Musik in neuen Aufnahmen, rezensiert von Max Nyffeler


(nmz) -
Musik von Helmut Lachenmann, Mark Polscher, Gérard Grisey, Bernd Alois Zimmermann, Alexander Brincken und Salvatore Sciarrino
Ein Artikel von Max Nyffeler

Als Geburtstagsgeschenk zum 75. von Helmut Lachenmann hat Wergo eine längst vergriffene CD von 1985 wiederveröffentlicht. Sie enthält drei Knüller aus der für Lachenmann entscheidenden Phase der späten sechziger und der siebziger Jahre, als er, wie Clytus Gottwald im Originaltext von damals anmerkt, seine „Klangrealistik“ entwickelte: das erfindungsreiche Orchesterstück „Kontrakadenz“ unter der Leitung von Michael Gielen, „Consolation I“ für Stimmen und Schlagzeug mit Gottwald und der Schola Cantorum Stuttgart sowie „Accanto“ für Klarinette und Orchester mit Eduard Brunner, das nach seiner Saarbrückener Uraufführung vom 30. Mai 1977 (das Booklet nennt den 20. Mai) noch jahrelang für Verstörung beim Publikum sorgte. Bis heute hat die Musik nichts von ihrer Frische eingebüßt. Happy birthday! (Wergo 6738 2)

Der 1961 in Dortmund geborene Mark Polscher, der viel als Jazzer, Studiomusiker, Theater- und Filmmusikkomponist gearbeitet hat, legt mit einer schön edierten Doppel-CD eine reine Lautsprecherkomposition namens „Anakoluth“ vor, die als eine Summe seiner musikalischen Erfahrungen gelten kann. Rein elektronische Klänge, kunstvoll verfremdete Alltagsgeräusche und Instrumentalklänge sind darin auf fantasievolle Weise zu einer vielfach gebrochenen Großform verschmolzen. Eine unaufdringliche, aber präzis gearbeitete Musik, die das Ohr schärft und mit ihren wechselnden Assoziationsfeldern und Raumperspektiven in keinem Moment langweilig wirkt. Für eine Komposition von 105 Minuten Dauer will das etwas heißen. (marc aurel MA 20043)

Die Viola ist wie der Kontrabass längst aus ihrem Aschenputteldasein als begleitendes Orchesterinstrument herausgetreten, und viele der Solowerke, die für sie in den letzten Jahrzehnten geschrieben wurden, haben heute einen hohen Repertoirewert. Einige von ihnen hat die schweizerische Bratschistin Anna Spina auch für ihre Solo-CD ausgewählt: Die bis heute Maßstäbe setzende Sonate von Bernd Alois Zimmermann von 1955, den „Prologue“ aus Gérard Griseys spektralistischem Zyklus „Les espaces acoustiques“ und einige der schattenhaften, obertönig-flirrenden Stücke von Salvatore Sciarrino. Jüngstes Werk ist „Volte-Face“ (2001) von Georges Aperghis. Die Aufnahmen beeindrucken durch den enorm wandlungsfähigen Ton und die Sicherheit, mit der sie den Charakter der extrem unterschiedlichen Stücke erfassen. (Neos 10920).

Und zum Schluss noch eine CD mit Chormusik, die vom üblichen Neue-Musik-Standard zwar etwas abweicht, aber trotzdem erwähnt werden soll – nicht nur, weil bald Weihnachten ist, sondern auch, weil sie auf eine ganz andere Tradition verweist: Die „Russisch-orthodoxen Gesänge“ von Alexander Brincken. Der 1952 geborene Komponist mit deutsch-russisch-georgischen Vorfahren ist in St. Petersburg aufgewachsen und lebt heute in der Schweiz. Seine Chorsätze, die sich eng an den Gesangsstil der orthodoxen Liturgie anschmiegen, zeichnen sich durch leuchtende Intensität und kraftvolle Rhythmik aus, und auch der schwarze russische Bass kommt unüberhörbar zu Ehren. Für die authentische slawische Intonation sorgt der Chor der St. Nikolai-Kirche „W Tolmatschach“ in Moskau. (Ars 38 487)

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