Alter Glanz, neue Substanz: Argentinien kommt zurück

Meisterkurse geben jungen Musikern in Südamerika wieder Perspektiven


(nmz) -
„Das vergisst man nicht“, sagt Ingrid Zur. Ein sechsjähriger Knirps, mit einer Geige, die viel zu groß für ihn ist, schläft in der Probenpause auf seinem Instrument ein. Er stammt aus einem der Elendsviertel der argentinischen Metropole Buenos Aires. Abends und bis tief in die Nacht geht er mit seinen Eltern, die „Cartoneros“ sind, Papier und Pappdeckel sammeln, um so zu einem mehr als mageren Lebensunterhalt der Familie beizutragen. „Sein weiteres Leben hängt davon ab, ob er das Probespiel besteht oder nicht.“ Seit 2002 gibt Ingrid Zur zusammen mit ihrem Mann, dem deutschen Bratschisten Jörg Heyer, Musikkurse für junge Musiker in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern, vor allem in ihrem Heimatland Argentinien, um sie fit zu machen für Wettbewerbe, Probespiele, Aufnahmeprüfungen an Musikhochschulen in Europa oder überhaupt für ihre Karriere als Musiker.
Ein Artikel von Josef Oehrlein

Auslöser für diese Initiative des deutsch-argentinischen Ehepaars war die Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holstein-Musikfestival bei der Orchester-Akademie, für die sie als Dozenten und Juroren tätig sind. So kamen sie nach Südamerika, zunächst nach São Paulo, Rio de Janeiro, Santiago de Chile. In Chile gibt es mehr als dreihundert Jugendorchester nach dem Vorbild des venezolanischen „Sistema“ von José Antonio Abreu, dessen bedeutendster Absolvent der Dirigent Gustavo Dudamel ist. In Santiago veranstalteten Heyer und Zur Kurse zusammen mit dem Goethe-Institut. Selbst wenn die Erfolge des „Sistema“ politisch missbraucht würden, sei die Grundidee wichtig, sagten die beiden bei ihrem jüngsten Arbeitsaufenthalt in Argentinien. 

Ein Vorspiel junger Musiker im Operntempel von Buenos Aires, dem Teatro Colón, fiel nach dem Urteil Heyers und Zurs „erbärmlich“ aus. „Wir fragten uns, weshalb fahren wir um die halbe Welt, um dann sechs Leute zu hören, von denen einer schlechter ist als der andere.“ Bei Gesprächen mit Einheimischen wurden ihnen die Probleme und Defizite in Argentinien bewusst: Die Kinder, und oft selbst erfahrene Musiker, haben Angst, vorzuspielen, weil sie nicht wissen, ob sie internationalem Standard genügen. Sie haben oft altes Notenmaterial, sind stilistisch unsicher, können ihr Niveau nicht einschätzen. Es fehle an Professionalität und vor allem an Kontinuität. Das pädagogische System mit rigiden Drill-Methoden sei noch immer sehr von Lehrern aus Russland und anderen Ostblockstaaten beherrscht, stellte Jörg Heyer fest. 

Die argentinischen Konservatorien bilden nach wie vor Musiker in großer Zahl aus. Der „Ausstoß“, vor allem an ausgezeichneten Sängern, ist gewaltig. Viele von ihnen finden den Weg in den internationalen Konzert- und Opernbetrieb. Man merkt es nur oft nicht, dass sie aus Argentinien kommen, weil sie je nach Herkunft ihrer Eltern italienische, deutsche oder spanische Nachnamen haben. 

Der Bertelsmann-Wettbewerb, für den Jutta Ohlson vom Teatro Colón Jahr für Jahr eine Gruppe trainiert, war für etliche von ihnen ein wichtiges Sprungbrett an renommierte Bühnen in Europa und anderen Erdteilen. Bei den Musikern sieht es nicht so rosig aus. „Wir suchen nach dem Potential der angehenden Musiker, das zweifelsohne vorhanden ist“, sagen Ingrid Zur und Jörg Heyer. „Wir wollen erreichen, dass sie so gut spielen, wie sie eigentlich könnten. Dazu müssen wir Blockaden, Hemmungen, Bühnenängs-

te abbauen.“ Aufnahmefähigkeit und Wissbegier seien enorm, bestätigen sie, bei den Kursen herrsche eine „Mordsstimmung“, auch Lehrer kämen zu ihnen mit Fragen. 

Musikalische Aufbauarbeit

Am ersten Tag eines Kurses werden bei einem Vorspiel acht junge Musiker für die Kurswoche ausgewählt. Sie erhalten dann Einzelunterricht, der grundsätzlich öffentlich ist. Im Abschlusskonzert können die Musiker zeigen, was sie dazugelernt haben und selber feststellen, „dass es funktioniert“. Barocke Spieltechnik, Bogenhaltung, zum Beispiel bei Bachsuiten, Fingersätze, Lagenwechsel, Bindungen, Phrasierung, Vibrato, all das sind Themen, aber für viele der angehenden Instrumentalisten auch Fremdworte. Die musikalische Aufbauarbeit in lateinamerikanischen Elendsvierteln hält das deutsch-argentinische Musikerehepaar nicht nur kulturpolitisch für wichtig, sie gebe den jungen Menschen auch eine neue Perspektive. Die Kinder können nur während des Unterrichtes spielen, da sie die Instrumente nicht mit nach Hause nehmen dürfen und eigene natürlich nicht besitzen. Aus diesem Grund haben Heyer und Zur auch schon Instrumente gespendet. Venezuela ist mit seinem „Sistema“ noch immer Vorreiter in der Bewegung der Kinder- und Jugendorchester in lateinamerikanischen Elendsvierteln. Doch auch in Argentinien gibt es bemerkenswerte Ansätze. 

In der „Villa 31“, einem berüchtigten Elendsviertel mitten in der Hauptstadt Buenos Aires, bringt ein Orchester erstaunliche Leistungen zustande.

In den Kursen Heyers und Zurs sind Musiker der verschiedensten Instrumentengattungen vertreten, auch Sänger und Dirigenten, denn „es geht vor allem um die Balance zwischen Kopf und Körper, da ist das Instrument egal“, sagt Jörg Heyer. Entsprechend groß ist auch die Altersspanne. Die jüngsten sind vierzehn, die meisten sind Studenten zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die am Anfang des Berufslebens stehen und eine andere Auffassung haben als jene, die schon seit Jahrzehnten im Orchester sitzen und sich nicht pensionieren lassen können, weil das Geld nicht reicht. Streicher überwiegen „aus praktischen Gründen“, damit kann man am leichtesten in einem Orchester unterkommen. Außerdem können Zur und Heyer, die über lange Jahre als Bratschisten in renommierten deutschen und israelischen Orchestern Berufserfahrungen gesammelt haben, vor allem Streichern zusätzlich technische Hinweise geben.

Inzwischen betreut das Ehepaar 45 bis 50 Musiker aus Kursen in Lateinamerika, die auch untereinander in Kontakt stehen, sich austauschen über mögliche Stipendien, Instrumente, Notenmaterial, stilistische Fragen, Lehrerempfehlungen, Vorspiele oder freie Stellen. Manche Musiker begleiten Zur und Heyer bereits seit zehn Jahren, einige studieren in Europa. Und viele von denen, die sich auf dem Alten Kontinent ausbilden lassen, bleiben auch dort. Aber einige von ihnen hängen doch an ihrem Heimatland und anderen fällt es schwer, in Europa heimisch zu werden, so dass immer wieder nach europäischen Standards ausgebildete Musiker nach Argentinien zurückkehren. Die jungen Instrumentalisten sollen ja auch ihre Erfahrungen, die sie in Europa gesammelt haben, zu Hause an ihre Kollegen weitergeben und damit die künstlerische Substanz der Berufsorchester wie des Musiklebens überhaupt verbessern helfen.

In Argentinien gibt es zwar zahlreiche Orchester, doch keines reicht an die von europäischen Spitzenorchestern gewohnte Qualität heran. Ein einziges Trauerspiel bieten vor allem die beiden Orchester des Teatro Colón in Buenos Aires, der Orquesta Estable und der Orquesta Sinfónica, das immer noch vom Glanz vergangener Zeiten zehrt, als die Musiker von Erich Kleiber, Arturo Toscanini oder Wilhelm Furtwängler dirigert wurden und bei legendären Opernaufführungen mit der Callas, der Nilsson, der Sutherland, mit Kipnis, Caruso oder Schaljapin mitwirkten. Beamtenhafte Behäbigkeit, Schlendrian und der Konkurrenzkampf zweier Gewerkschaften haben das Niveau jedoch derart absinken lassen, dass manches mittlere deutsche Stadttheater-Orchester im Vergleich dazu weit besser dasteht.

Alte Konflikte brechen auf  

Das Teatro Colón ist umfassend renoviert worden und war deshalb von 2006 bis 2010 geschlossen. Es ist im alten Glanz wiedererstanden, ohne dass es „überrestauriert“ worden wäre. Vor allem die hochgerühmte Akustik ist erhalten geblieben. Die lange Phase der Schließung hat jedoch auch zum weiteren Niedergang der Orchesterkultur an dem Haus beigetragen. Denn statt die vier Jahre zu nutzen, um die beiden Klangkörper zu verjüngen und neu aufzubauen, brachen nach der Wiedereröffnung im Mai 2010 sogleich wieder die alten Konflikte aus. Schon nach wenigen Wochen war das Colón wieder geschlossen – wegen Gewerkschaftsquerelen, die bis weit in die Spielzeit 2011 hineinwirkten. Die Saison wurde wegen des Orchesterstreiks mit einer als Probe deklarierten Aufführung von Ligetis „Le Grand Macabre“ in einer Fassung für zwei Klaviere und Schlagzeug eröffnet. Dem Tenor Plácido Domingo verwehrten die Colón-Musiker einen öffentlichen Auftritt in dem Haus, bei einem Freiluftkonzert auf der Avenida 9 de Julio wurde er von einem ad hoc zusammengestellten Orchester begleitet.

Domingo hat persönlich in dem Gewerkschaftskonflikt zu vermitteln versucht – vergeblich. Allerdings brachte er für die Forderungen der Colón-Musiker Verständnis auf. Sie verlangten unter anderem eine Gehaltserhöhung von 40 Prozent. Das ist die Differenz zu ihren Kollegen am Teatro Argentino in La Plata, der zweitgrößten und – bedeutendsten Opernbühne in Argentinien, die derzeit die besseren und spannenderen Musiktheateraufführungen im Land zuwege bringt. 

In der gegenwärtigen Saison hat sie etwa eine köstliche Inszenierung von Rossinis „Reise nach Reims“ herausgebracht, unter Leitung des italienischen Dirigenten Sergio Monterisi blitzsauber, beschwingt und beseelt gespielt. Zudem gelang es der Bühne problemlos, die 16 Solopartien nahezu ausschließlich mit argentinischen Sängern zu besetzen, und das nicht nur einmal: Es stand auch eine vollwertige Zweitbesetzung zur Verfügung. Das Teatro Argentino in La Plata hat zuletzt sogar Richard Wagners „Tristan“ gestemmt, was am Teatro Colón derzeit nahezu unmöglich erscheint.

Das Teatro Colón bezeichnet sich seit der Wiedereröffnung zwar als „autonom“, doch im Grunde ist es nach wie vor das Städtische Theater von Buenos Aires, das es immer war. Damit ist es ein Spielball der Politik. Angesichts seines in alten Zeiten erworbenen Renommees und seiner Rolle als kultureller Werbeträger für das ganze Land, müsste es eigentlich auch von der Nationalregierung und anderen öffentlichen Einrichtungen nachhaltig unterstützt werden. Doch die Regierung der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat es zur Wiedereröffnung des Teatro Colón sogar auf einen Eklat ankommen lassen. Wegen eines kleinlichen Streits mit dem Oberbürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri, ist die Staatschefin nicht bei der Feier erschienen.

 

Am Teatro Colón herrschte bislang eine Art Erbhofdenken bei der Besetzung von Musikerplanstellen. Vor- und Probespiele gab es so gut wie nicht, einziger Leistungsnachweis war das Diplom im entsprechenden Instrumentalfach. Wer eine Stelle ergattert hatte, gab sie nicht mehr wieder her oder versuchte, sie einem Verwandten oder einem Amigo zu vermachen. Das beginnt sich allmählich zu ändern, weil nun doch immer mehr jüngere Musiker mit Auslandserfahrungen Einlass finden und weil nach dem biologisch bedingten Ausscheiden älterer Musiker bei der Neubesetzung nun allmählich doch auf Qualität geachtet wird. Hoffnungsvoll ist auch, dass in anderen Städten und Landesteilen Argentiniens Orchester entstehen oder bestehende Orchester nach höheren Weihen streben, etwa in den Provinzen Neuquén, Mendoza oder Salta. Zum einen profitieren diese Klangkörper von den jugendlichen Instrumentalisten, die in den Armenvierteln zur Musik gefunden haben, zum anderen gleichfalls von den im Ausland ausgebildeten „Heimkehrern“. 

Ingrid Zur und Jörg Heyer wollen ihren Teil zur Professionalisierung des Musikerberufs in Argentinien und in anderen lateinamerikanischen Ländern beitragen. Sie glauben fest daran, dass es möglich ist, in der „Nachfolgegeneration“, die Erfahrungen im Ausland und im Kontakt mit Fachleuten wie ihnen gesammelt hat, „neue Substanz“ zu bilden und jene musikalische Infrastruktur wiederaufzubauen, die Argentinien in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bis in die siebziger Jahre zu einem der wichtigsten Länder der internationalen Konzert- und Opernkultur gemacht hatte. „Andernfalls könnten wir einpacken“, beteuert das deutsch-argentinische Musikerehepaar. 

Das argentinisch-deutsche Ehepaar Ingrid Zur und Jörg Heyer. Foto: privat

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