Ange-Messen?

Theo Geißler über die Buchmesse Leipzig und ihre Musik


(nmz) -
Von rechts stürmt eine Dreier-Kohorte Jedi-Ritter mit blinkenden Laserschwertern durch einen Glas-Gang. Auf der Rolltreppe etliche „Supermen“, die ihre Kostümierung muskelprotzend vergleichen. Auf dem Freigelände haben sich Elfen und Trolle zu einem rituellen Tanz zusammengefunden. Die Musik liefert eine Boombox. Karneval in Leipzig? Falsch: Buchmesse.
Ein Artikel von Theo Geißler

Jede Menge Jugend strömt zur „Manga-Comic-Con“, einem höchst erfolgreichen Ableger der traditionsreichen Literatur-Ausstellung, die längst nicht mehr nur Bücher präsentiert. In der Halle Vier haben sich fast alle namhaften Musikverlage aufgestellt. Nicht mit Monster-Ständen, eher mit überschaubaren, informativen Kojen, besetzt mit freundlichem, kompetentem Personal. Wer will, kann den ersehnten Wälzer, die gewünschte Note auch gleich kaufen. Ein „Musik-Café“ samt üppiger Bühne ermöglicht den Verlagen gegen kleines Geld klingende Präsentationen ihrer Exponate. Und zwischen die fachlich offensichtlich engagierten Besucher mischen sich immer wieder Jedi-Ritter, Supermen, Elfen und Trolle, die durchaus neugierig auch mal Blicke in den „Trockenstoff“ von Notenheften und Komponisten-Biografien werfen.

Wir hatten uns gemeinsam mit dem Deutschen Kulturrat dieses Jahr erstmals entschieden, statt auf der Frankfurter Musikmesse in Leipzig präsent zu sein – und waren sehr angetan vom ganz anderen „Klima“. Hier wehte ein kultureller „Duft“ durch die Hallen, sicherlich begünstigt von der städtischen Ausstrahlung dank hunderter Veranstaltungen der Initiative „Leipzig liest“. Während Frankfurt sich offensichtlich aufgrund erkennbaren Abwindes in einer Phase der Neubesinnung befindet, kann Leipzig sich über jährlich wachsende Besucherzahlen freuen. Erstaunlich die Menge an jungen Gesichtern, die sich teils durch die Gänge quetschen. Erstaunlich auch die Medienpräsenz. Was sich im öffentlich-rechtlichen Äther bewegt, ist vor Ort – im Verein mit Tageszeitungen und Zeitschriften. Diese Präsenz sorgt für Berichterstattung, Öffentlichkeit und Wahrnehmung.

Wer geunkt hatte, in Zeiten der digitalen „Gesellschaft 5.0“ seien solche „körperlichen“ Sammel-Präsentationen überholt und überflüssig, dürfte sich getäuscht sehen. Ein Buch, ein Notenheft in die Hand zu nehmen, durchzublättern, ein Instrument anzuspielen im Ambiente einer überwältigenden Auswahl, hat einen ganz anderen Reiz als die hübschen Bildchen bei Amazon & Co trotz elektronischer Lupe. Ganz entscheidend dürfte auch die Melange der Aussteller-Kojen samt ihren Exponaten mit einem spürbar kulturhaltigen Umfeld sein. Dazu trägt der Mix aus Mangas und Urtext-Ausgaben, Kriminalromanen und bibliophilen Lyrik-Bändchen ebenso bei wie ein erstaunlich gemischtes Publikum, für das der Begriff „Kultur“ – wie oft von Marketing-Fexen behauptet – eben keine Zugangsschwelle bedeutet. Es wäre erfreulich, wenn auch Frankfurts Musikmesse seinem „Point of Sale“ ein viel deutlicheres „Center of Culture“ beigesellte. Und sich neben „Leipzig liest“ ein kräftiges „Leipzig musiziert“ etablierte.

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