Auf geht’s Sommer

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Aktuelle Ausgrabungen mit Musik von: Tom Walker, Tom Walker, Giant Rooks, Melissa Etheridge und Anderson .Paak.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Tom Walker ist ein typischer, aber damit nicht austauschbarer Singer/Songwriter unserer Zeit. Sein Debut­album „What A Time To Be Alive“ ist nicht nur wegen des Erfolgshits „Leave A Light On“ aller Ehren wert, sondern weil er stets die richtige Balance findet. Nicht zu viel Pop, aber doch gerade so viel, um es einem größeren Hörerkreis einfach zu machen. Nicht zu schmonzettige Gefühle, aber gerade noch so emotional, dass auch Männer damit klarkommen. Schöne Harmonien, die gerade nicht mehr als Kitsch durchgehen, aber exakt so heimelig, dass man sich zu „What A Time To Be Alive“ schon mal ausheulen könnte. Mit dieser Herangehensweise von Tom Walker als Songwriter kann man definitiv leben. Das Wichtigste: man nimmt ihm das alles ab. Seine Melodien, seine Ernsthaftigkeit, seine Stimmung. Gut gemacht. Bleibt zu hoffen, dass er sich nicht glatt bügeln lässt. Anspieltipps: Blessings, My way, Fade away (Relentless Records).

The Tallest Man on Earth ist der schwedische Folkrock-Musiker Kristian Matsson. Matsson hat das Album „I love you. It’s a fever dream“ im Alleingang gestemmt. Die Songs geschrieben, produziert und aufgenommen. Alles in seinem New Yorker Appartement. Wenn man so möchte, ist Kristian Matsson das krasse Gegenteil zum Kollegen Tom Walker (siehe oben). Wo Walker fröhliche Auswege präsentiert, führt uns Kristian Matsson direkt in die Tiefe. Ja, Ausgänge und Fluchtmöglichkeiten scheint er zu kennen. Sie blitzen hier und da durch. Ob es Kristian Matsson ernst meint, bleibt fraglich. Doch genau diese Unsicherheit macht „I love you. It’s a fever dream“ zu einem genialen Irrsinn. Die Songs wühlen auf, stiften Verwirrung und machen unendlich sehnsüchtig. So ganz weiß man nie, welcher Sehnsucht man hinterher­rennt: Leben. Glück. Alter. Familie. Chancen. Kristian Matsson macht das geschickt. Es gibt zumindest keinen anderen Ausweg als dieses Album zu mögen. Anspieltipps: There’s a girl, I’m a stranger now, The Running Styles of New York (Rivers / Birds Records).

Unfassbar. Giant Rooks ist eine deutsche Band. Das hört man nicht. Und warum sollte man das hören? „Wild Stare“ nennt sich ihre aktuelle EP. Warum EP? Keine Ahnung. Diesen Jungs Anfang 20 sollte man LPs geben. Richtige. Lange. Was einem – ohne den deutschen Ursprung und das Alter zu kennen – sofort auffällt, ist eine aufgeräumte Art der Musik. Irgendwie zwischen Indie-Pop und latentem Alternative Rock (der leisen Art). Giant Rooks klotzen mit Präzision im Songwriting und der Instrumentierung. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Man hat den Eindruck eine gereifte Band präsentiert das sechste Album, das zur Abwechslung in den Bergen Kanadas entstanden ist, weil man sich das dann einfach erlauben kann. Nein, Giant Rooks sind erst am Anfang. Die Songs sind dabei stets zweideutig einsetzbar. Im kleinen Klub, aber auch im großen Stadion. Weil sie intim und kraftvoll genug sind, auf beiden Bühnen zu bestehen. Anspieltipps: King thinking, Cara declares war (Irrsinn Tonträger).

Bunt wird es mit Anderson .Paak und seinem Album „Ventura“. Der amerikanische R&B-Sänger, Schlagzeuger, Rapper und Musikproduzent lebt sich als Künstler völlig aus. R&B, Soul, Jazz, Swing, Rock, Pop, Rap, HipHop und sonstige Stile treffen aufeinander. Werden sogar verbunden. Nicht mit dem Holzhammer. Sondern listig, gewitzt und unendlich charmant. Jede Zeile, jeder Refrain, jeder Schnipsel ist griffig, beeindruckend, warmherzig und bleibend. Unaufdringliche Beats bilden das Grundgerüst, darüber oder darunter entwickeln sich Songs, die in ihrer Schlichtheit eine gewisse Perfektion nicht kaschieren können. Anspieltipps: Yada Yada, King James (Aftermath Entertainment).

Die Reibeisenstimme, die rockig gespielte Akustikgitarre. Zwei eindeutige Wiedererkennungsmerkmale für Melissa Etheridge. Ihr 15. (!) Album „The Medicine Show“ braucht wenig Wort der Beschreibung. Wer Melissa Etheridge will, der bekommt sie hier. Knackige Rocksongs, die im Refrain ihre Entfaltung finden. Eine unaufgeregte Interpretation des Rock ’n‘ Roll, der Melissa Etheridge seit 1988 folgt und der sie einen eigenen Stempel aufdrückt. Es tut einfach manchmal gut, auch diese handgemachte Musik wieder zu hören. Einfach nur Musik. Anspieltipps: Love will live, Suede (MLE Music). 

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