Babylon

Theo Geißler zu Glück und Unglück der Kulturfinanzierung


(nmz) -
Der Medien-Hype in Sachen Eröffnung Hamburgs recht hochpreisiger Elbphilharmonie (Seite 3) scheint den erhabenen Künsten höchst Positives zu signalisieren. Zur Optimierung ihrer Präsentation scheuen Kommunen und Bundesländer, geschweige denn wir Steuerzahler, keine Kosten und Mühen. Wenn man dann die Schlangen von Honoratioren, Politikern, Wirtschaftsfürsten, Stars und Sternchen – viele vermutlich mit Freikarten versehen – in den schicken Musentempel wallen sieht, fühlt man sich vor der heimischen Glotze als Kulturmensch fast stolz. Gibt es ein intensiveres Signal gesellschaftlicher Anerkennung schöpferischer Potenz, allumfassender Herzensbildung als eine cheops-pyramidonale Heimat aus Glas und Beton, deren akustische Qualität dann auch von einschlägigen Koryphäen des Taktstockes maximal gepriesen wird? Soweit – so fragwürdig.
Ein Artikel von Theo Geißler

Etwas schaler gerät das Glücksgefühl nämlich angesichts der Tatsache, dass solch ein Prunkbau wohl eher einer im Verhältnis zu unserer Gesamtbevölkerung numerisch bescheidenen Elite zum Ohrenschmaus gereicht. Die Kluft zwischen sattgewappelten oder gut gebildeten Nutznießern und dem Teil des Volkes, das weder Konzertgenüsse noch die Pomp-Architektur samt Luxus-Hotelsuiten sich zu Gemüte führen kann, ist ähnlich tief wie die Schlucht zwischen Arm und Reich hierzulande. Was für Emotionen lösen solche Monumente bei all jenen aus, die ohnedies regelmäßig draußen vor der Tür bleiben? Genügen – längst nicht nur von den „TV-Privaten“, sondern auch öffentlich-rechtlich und dank Web von YouTube bis YouPorn – in die Massen geworfene Industrie-Brötchen mit immer dementer geratenden Brutalo-Spielchen zur „Befriedung“ eines Großteiles unserer Bevölkerung?

Wir (Möchtegern?-)Intellektuelle wundern uns über einen Riss, der statt eines Ruckes durch Deutschland geht. Hemmungslose aber zielstrebige Populisten erringen satte zweistellige Wahlergebnisse mit reaktionären, trump-fahlnationalistischen Hetzparolen. Uns erfassen vage Ängste, wenn wir uns demnächst in Europa umzingelt sehen von Staaten, die durch vom frustrierten Volk bestimmte Führer/-innen in den blanken Eigennutz gelenkt werden.

Unbestritten: Eine allerdings immer kleiner werdende Schar sogenannter anständiger Bürger stemmt sich in vielen – oft kleinteiligen – Aktionen gegen diese Entwicklungen. Mit mäßigem Erfolg. Demonstrationen samt flockigen Parolen auch aus wählerheischenden Politikermündern werden nicht weiterhelfen. Zu lange haben wir schon auf rein materielle Befriedigung als „Leitkultur“ gesetzt, statt uns um sicherlich teure umfassende Bildung, um der ökonomischen Wohlfahrt gleichwertiges und gleichgestelltes Kulturbewusstsein hierzulande zu kümmern. Für die Kreativen aller Künste ist es allerhöchste Zeit, ihre oft genug auch stark egoistischen Partikular-Interessen hintanzustellen und sich auf ein gemeinsames Ziel hin zu orientieren: den Erhalt und die Verbesserung unserer demokratischen Verfassung. Dazu bedarf es eines Schulterschlusses aller Engagierten, ein Studium unseres Grundgesetzes statt Verbands-Eigenbrötelei. In Dekadenz versinkende Gesellschaften haben sich oft genug in der Geschichte mit Protzbauten zu verewigen versucht. Die sind dann bestenfalls als Mausoleen erhalten.

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