Barockige Orchesterklänge im Jumpstyle

Schulkonzert und Education mit den Wuppertaler Sinfonikern


(nmz) -
Wuppertal, 10. Juni. – Einer dieser Tage, die kommen und gehen wie die Regenwolken, die an diesem Vormittag im Eiltempo über die Stadt ziehen. Schauer, Sonne. Das übliche Programm. Ein gewöhnlicher Mittwoch also? – Nicht unbedingt. Vor allem nicht für die Schulklassen, die vor der Historischen Stadthalle, dem prachtvoll hergerichteten Konzerthaus und ganzen Stolz der Stadt, Aufstellung genommen haben. Grob geschätzt harrt ein halbes Bataillon Schüler im Umfeld der Pubertätsschwelle aufs 4. Schulkonzert der Wuppertaler Sinfoniker. Ein Versprechen soll eingelöst werden: „Barock rockt!“
Ein Artikel von Georg Beck

Die Stimmung ist gut. Mag das Thema auch irgendwie gewöhnungsbedürftig klingen, hier hält man sich ans Etikett: Wo Rock draufsteht, muss auch Rock drin sein! Andererseits ist klar: Morgens um 10 geht es nicht ums Abhängen, sondern um die musikalische Bildung. Ein „Unterrichtsgang“ steht an, weswegen die Cleveren Lunte riechen und vorsichtshalber auf der Trennung der Sphären beharren: Schule ist Schule, Barock (was immer das sein soll) Barock und ein Rockkonzert ist ein Rockkonzert. Kann man das mischen?

Man kann!  – meint jedenfalls Martin Schacht. Im Hauptberuf ist Schacht Solopaukist beim Städtischen Sinfonieorchester. Zusammen mit einer Handvoll Kollegen (samt und sonders Holzbläser, die Avantgarde der Orchestermusiker?) bildet Martin Schacht das „Education-Team“ der Wuppertaler Sinfoniker. Dass in dieser Richtung Bedarf besteht, hat man hier schon vor Jahren erkannt, längst bevor die entsprechenden Signale („Kinder, Ihr müsst vermitteln!“) unüberhörbar geworden sind.

Was man zur Education braucht, hat man sich von den Kollegen aus Luxemburg besorgt, die wiederum mit englischen Distributoren in Verbindung stehen. Organisatorisch-stellentechnisch ist man in Wuppertal gleichwohl noch am Anfang, operiert Perkussionist Schacht doch noch mit einem halben Deputat für die Orchester-Vermittlung. Andererseits. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zu Buche schlagen ein (mehrfach wiederholtes) Schulkonzert im Mendelssohn Saal, vorbereitende Unterrichtsbesuche, ein Lehrerworkshop und ein 30-Seiten-Handout. In der zurückliegenden Saison hat man so alles in allem 70 Schulbesuche absolviert, rund 2.000 Schüler erreicht. Erstaunlich, was das Orchester im Allgemeinen, was die Vermittler um Schacht und seine Holzbläser Hammer, Hacke, Nockur, Wehr im Besonderen auf die Beine stellen. Und überdies stimmt die Motivation, da die Education hier eben nicht dem Orchester von außen angetragen wird, sondern aus dem Orchester selber erwächst. Ein kleiner, ein feiner Unterschied. Fraglos haben Selbsthilfegruppen schon immer das größere Selbstbewusstsein generiert.

Als Solo-Flötist Udo Mertens Mitte der 90er-Jahre den Anstoß gegeben hat, hing das Thema noch keineswegs an der großen Medienglocke. Und doch war man sich unter den Wuppertaler Sinfonikern, auch in Rücksicht auf Erfahrungen mit den eigenen Kindern durchaus darüber im Klaren, dass etwas getan werden müsse: Für den Publikumsnachwuchs, fürs öffentliche Erscheinungsbild, für die Zukunft der Klassik und damit auch für die eigene Zukunft als Orchestermusiker. Und: Feuer ist noch immer unterm Kessel. Bis in den jüngsten Lehrerworkshop hinein – anberaumt an einem April-Nachmittag – ist der Eifer spürbar, überträgt sich mühelos auf den Stuhlkreis. Zwei Stunden sind angesetzt, um zwanzig Pädagogen und Multiplikatoren die Botschaft nahe zu bringen: „Barock rockt!“ Martin Schacht lässt keine Zweifel aufkommen, dass er meint, was er sagt. Aus seinem Mund klingt der Slogan wie ein Doppelschlag, den er seiner Pauke verabreicht. Bum-Bum. Da gibt es ja auch kein Vertun. Überhaupt ist ein Lehrerworkshop ja wohl nicht dazu da, um zu problematisieren, sondern um das Beweisziel zu internalisieren. Die Mittel dazu – probat.

Mitklatschen, Mitsingen, Mittanzen. Auf diesem altbewährten Dreiklang ruht auch die Wuppertaler Vermittlungsidee zur barocken Orchestermusik, die im 4. Schulkonzert in einem süffigen Querschnitt dargereicht wird. Charpentier, Lully, Vivaldi, Händel, Bach. Die schönsten Medleys unserer leuchtensten Fixsterne. Freilich: Mit Bedacht ausgewählt!

Den „Sommer“ der „Vier Jahreszeiten“ gibt es als Rhythmusmodell zum Mitklatschen. Kein Problem im Stuhlkreis. Den Erfolg nimmt Schacht gleich als Warming Up für Händels „Alla Hornpipe“ aus der 2. Orchester-Suite. Die Themenabschnitte übersetzt als „Melodiepatterns“ im Dreivierteltakt. Dazu ein schmissig unterlegter Text. („Das ist ein Rhythmus – ein super Rhythmus – bei dem man mit muss – hört doch mal zu – das klingt so gut – wir spielen jetzt Barockmusik“). Die Begeisterung unter den Workshopteilnehmern steigt. Zwei „Tanzprojekte“ heizen die Stimmung weiter auf. Im einen Fall outet sich gar die Pressesprecherin der Sinfoniker als Tanzexpertin, um den Vermittlern in spe auf die Schreitmusik der Menuette in BWV 1066 die elementaren Schrittfolgen zu vermitteln. Schlabber-Pullover hin, Gesundheitssandalen her – der Reiz von Paartanz und höfischer Gestik verfehlt seine Wirkung nicht. Frage: Wird das Feuer überspringen auf die Schüler?

Dann der eigentliche Hit: Bachs Badinerie aus der h-Moll-Orchester-Suite als Jumpstyle, wozu das Handout fachmännisch ausführt: „Der Jumpstyle ist ein in Bezug auf Arrangement und Melodie relativ einfacher Musikstil mit 140–150 BPM und Offbeats.“ Folgt das Modell der Grundschritte („Intro“, „Basic“, „Kick-Turn“, „Hard Basic“, „Finish“) sowie ein Choreographie-Vorschlag, der auf die rasenden Sechzehntel der Badinerie hautnah eingepasst wird wie der Rennanzug auf den todesmutigen Abfahrer. 140–150 BPM! Im Workshop zum 4. Schulkonzert fühlt man sich wie auf der Poleposition.

Der Ernstfall dann sechs Wochen später. 300 Schüler im Mendelssohn Saal spenden Auftrittsapplaus fürs Sinfonieorchester Wuppertal. Angetan im passenden „Barock rockt“-T-Shirt federt Dirigent Günther Albers ans Pult, um seinen Musikern mit rhythmischem Körperzucken das Prelude aus Charpentiers Te Deum zu entlocken. Ein ungemein starker, ein magnetisierender Eindruck. Im Bruchteil einer Sekunde wird klar, um was es geht. Es ist dieser Orchesterklang, der den Zauber ausmacht und den doch – vertrackte Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – keineswegs alle spüren. Zwei Reihen vor dem Chronisten, Vivaldis Sommerglanz zuckt durch den Saal, wird ein Handy aktiviert – von der Klassenlehrerin umgehend konfisziert. Ein anderer Knilch mit Totenkopf-T-Shirt verteilt in der vorletzten Reihe freundliche Rippenstöße – die Klassenlehrerin beordert ihn zu ihrer Linken.

Gerechterweise bleibt anzufügen: Es könnten dies auch Wirkungen gewisser Hänger im Ablauf sein. Immer nämlich, wenn die Musik schweigt, nimmt dies Moderator Schacht zum Anlass, um einen Konzertführertext zu verlesen oder um („Wie funktioniert ein Cembalo?“) instrumentendidaktische Powerpoint-Kurzvideos einzuflechten. Geht so Schule oder denkt sich das „Education-Team“, dass Schule so geht? Und, Anschlussfrage: Britten, Bernstein, Menuhin, Albrecht – schon vergessen? Eigentümliches Gefühl, mitzuerleben, wenn das Rad der Musikvermittlung immer neu erfunden wird.

Unvermittelt der Wuppertaler Vermittlungs-Clou. Mit leisem Quietschen öffnet sich die Saaltür. Eine Art Zottelbär erscheint, ein Faktotum mit Langhaar-Perücke und plärrendem Ghettoblaster unterm Arm. Sofort springt die Meute auf und heißt den Besuch mit hingespreizten Begrüßungsfingern willkommen. Ausgerechnet eine Alt-Herren-Rocker-Karikatur wird als Abkömmling der Ihren verstanden. Laut Drehbuch soll der ungehobelte Rockonkel das Orchester unterbrechen und allerlei Schabernack treiben, etwa mit dem Konzertmeister, während dieser bravourös die Vivaldi-Solostimme spielt. Beharrlich müht sich der Moderator mit seinem unheimlichen Gast, der mit heiserer Stimme „mehr Power“ verlangt, bis das Ungetüm volkspädagogisch wertvoll Vernunft annimmt und als Trompeter Markus Kramer seine Verkleidung ablegt, um das Finale krönen zu helfen. Man spürt die Absicht und ist (ein wenig) verstimmt.

Was bleibt, sind Eindrücke wie diese: Ein frenetisch gefeierter Schüler, der zur Badinerie einen artistischen Breakdance hinlegt, eine emphatische (aus lauter Mädchen bestehende) Menuett-Formation sowie hinreißend schön gemalte Schülerbilder, die zur Air aus Bachs D-Dur-Suite auf eine Leinwand projiziert werden. Ein versöhnliches Klang-Bild voller Poesie. Sollte sich die Vermittlung womöglich gar nicht auf Barock und Rock reimen? Sollte sie auf leisen Sohlen daherkommen?

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