CD-Tipps

CD-Tipps von Reinhard Schulz


(nmz) -
Ein Artikel von Reinhard Schulz

Antonio Vivaldi: Die vier Jahreszeiten; Giuseppe Tartini: Sonate g-Moll. Joshua Bell, Violine; Academy of St. Martin in the Fields, John Constable.
Sony 88697 35795 2

Viele aufgesetzte, gezwungen demonstrative Interpretationen hat man in den letzten Jahren von Vivaldis Meisterwerk zu hören bekommen. Hier wird bewiesen, wie mit genauer Artikulation, mit Mut zu außerordentlichen Klangfarben die ganze Kühnheit und Schönheit dieses Stücks höchst aufregend gespielt werden kann.

Salvatore Sciarrino: Efebo con radio; Il giornale della necropoli; Autoritratto nella note u.a.
Sonia Turchetta, Stimme; Teodoro Anzellotti, Akkordeon; WDR SO Köln, Kazushi Ono, Lukas Vis.
Winter&Winter 910144-2

Unbekannteres des italienischen Außenseiters (drei Erstveröffentlichungen) ist hier zu hören. Spielerisch mit Zitaten aus unterschiedlichsten musikalischen Bereichen wird hier verfahren. Lockerheit und Emphase reichen sich hier auf beeindruckende Weise die Hand. Suche nach fremden Klängen in Zonen der Unsicherheit, dann wieder Flanieren über Landschaften ferner Schönheiten, die von Mozart (und anderen) bestellt wurden. Das Sciarrino-Bild wird durch diese CD spannend ausgeweitet.

Mark Andre: durch; … zu …; … in; … als … II.
Trio Accanto; ensemble recherche.
Kairos 0012732KAI

Die absolute Emphase, mit der sich Andre jedem Klang nähert und mit der er die Musik philosophisch (und religiös) durchtränkt, wird in diesen wunderbar intensiven Interpretationen durch das Trio Accanto und das ensemble recherche ganz unmittelbar offenbar. Die „kriminelle Energie“, die Lachenmann in seiner hier abgedruckten und äußerst lesenswerten Laudatio Andre bescheinigt, wird als utopische Vision erlebbar. Musik, die ungemein fordert und ungemein viel gibt.

Iannis Xenakis: Music for Keyboard Instruments.
Computerrealisation
NEOS 10707

Ein durchweg spannendes Projekt. Xenakis hat für Klavier und Cembalo Stücke geschrieben, die letztlich nicht in extenso interpretatorisch zu bewältigen sind. Aus dieser Spannung heraus leben sie, der Spieler befindet sich ständig in Grenzregionen. Hier ist es natürlich nicht so. Der Computer realisiert alles genau. Natürlich wäre dies bloß kalt, wenn nicht programmatische Betreuung (Daniel Grossmann) behutsam und zugleich nachdrücklich eingriffe.

Luigi Nono: Guai ai gelidi mostri; Quando stanno morendo. Diario polacco n. 2.
Diverse Interpreten, Experimentalstudio des SWR, André Richard.
NEOS 10801/02

Zwei der intensivsten Kompositionen Nonos zu Beginn seiner Auseinandersetzung mit den live-musikalischen Techniken des Freiburger Experimentalstudios. Welch Welten des Klangs, welch Visionen, welch gesellschaftspolitische Radikalität! Das „Diario polacco n. 2“ nimmt darüber hinaus denen den Wind aus den Segeln, die Kommunisten (Nono blieb das bis zu seinem Lebensende) unterstellen, auf einem Auge blind zu sein.

 

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