Cluster 2010/10

Kindergarten


(nmz) -
Worin besteht eigentlich Sinn und Zweck eines „Tages der offenen Tür“? Ein Blick hinter die Kulissen von etwas zu werfen, zu dem man sonst keinen Zugang hat. Sollte man meinen. Beim Tag des offenen Denkmals beispielsweise erhält man Einlass zu Stätten, die sonst meistens verschlossen bleiben. Man kommt auf Türme, die sonst für den öffentlichen Zugang verschlossen sind oder zu Orten, die gewöhnlich anders genutzt werden, als besuchbar zu sein.
Ein Artikel von Martin Hufner

Überträgt man dies einmal auf Kultureinrichtungen, ergäbe sich eine Irritation. Der „Tag der offenen Tür“ zeigt an, dass die Türen sonst geschlossen sind. Das wäre aber doch ein fatales Zeichen, aber vielleicht stimmt es ja auch. Am „Tag der offenen Tür“ der Komischen Oper Berlin gab es viele Besucher. Die waren einerseits gefühlte drei Monate bis acht Jahre alt, nebst den dazugehörenden Aufsichtspersonen (zwischen 28 und 45 Jahren).

Den Rest der Bevölkerung (aus dem Arbeitsleben ausgeschiedene und Jugendliche) suchte man vergeblich – fand sie nur im Schulorchester, das hier vollmundig unter dem Motto „Schule@Orchester“ auf der Bühne filmmusizierte. Das Programm war entsprechend. Bemalungsaktionen, Gruselzeug und ähnlich „kindgerechte“ Dinge. Allein, mit Oper, auch mit komischer, haben sie nicht arg viel zu tun. „Eilige Sonntagsbespaßung“ würde man so eine Veranstaltung nennen müssen, nicht aber „Tag der offenen Tür“.

Das ist umso verwunderlicher, da immer wieder vieles im Umbruch ist. An der Komischen Oper gibt es einen neuen Dirigenten. Und das wird nicht die einzige Neuartigkeit dort gewesen sein. Offene Türen in ästhetischen Fragen, Fragen der Position eines solchen Theaters in der Berliner Gesellschaft etc. pp. wären doch wirklich nicht so abwegig. Doch diese Dinge fanden in so homöopathisch kleinen Dosen statt, dass man sie auch ganz fallen lassen könnte.

Die Veranstaltung an der Komischen Oper ist symptomatisch für eine sich außerordentlich umfangreich ausbreitende Verkindergartenisierung des neu-gutbürgerlichen Milieus der Großstädte. Die Erzeugung temporärer Glücksgefühle in gleichgesinnten Gruppen bessergestellter Langweiler kann ja wohl wirklich nicht Ziel von zeitgemäßer Opernkultur sein. Wichtig ist nicht, was man macht, sondern dass man etwas macht. Das wäre aber das endgültige Eingeständnis der eigenen Überflüssigkeit. (Aber Gottseidank gibt es den „Tag der offenen Tür“ auch nur einmal im Jahr.)

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