Cluster 2010/11

Neue Musik lohnt sich nicht


(nmz) -
Im Koalitionsvertrag des niederländischen Kabinetts steht, dass das Musikzentrum des niederländischen Rundfunks abgeschafft werden soll. Ohne vorangegangene Debatte wird die Zukunft von drei international renommierten Orchestern und einem ebenso renommierten Chor in Frage gestellt. Einer etablierten niederländischen Form des Musikhörens über Radio, Fernsehen, online und live mit vollen Sälen unter anderem in Amsterdam und Utrecht, während des Holland Festivals, Pinkpop Festivals und des North Sea Jazz Festivals wird auf diese Weise die Grundlage entzogen. Die Niederländische Radiophilharmonie, die Niederländische Radio-Kammerphilharmonie, das Metropol Orchester und der Niederländische Rundfunkchor werden nach fünfundsechzig Jahren erstklassigen künstlerischen Schaffens ausrangiert. Die Musikbibliothek wird geschlossen und die Bildungsabteilung des Musikzentrums muss Hunderte von Schülern aus der Region enttäuschen. Ein so drastischer Kahlschlag wurde in den Niederlanden, ja in ganz Europa wohl noch nie angedroht. – Soweit der Flugblatt-Text, der unter anderem bei den Donaueschinger Musiktagen 2010 verteilt wurde.
Ein Artikel von Gerhard Rohde

Man könnte sich jetzt bequem zurücklehnen und sagen: das kommt wohl davon, wenn man von Rechtsradikalen mitregiert wird. Genauer: von deren Zustimmungen zu allem und jedem abhängig ist. Neue Musik als Feindbild. Wir wollen aber nicht bequem sein und protestieren energisch gegen den geplanten Kahlschlag.

Muss man holländischen Besserwissern, die uns mit ihrem hirnlosen Rasen auf unseren tempofreien Autobahnen gefährden, weil sie ungeübt in hohen  Geschwindigkeiten sind, muss man holländischen Politikern, deren Wählerklientel grölend und besoffen in Kölner Kneipen oder in Fußballstadien randaliert, muss man ihnen allen erst sagen, dass ihr Land auch ein zweites, ganz anderes Gesicht zeigt: ein Land großer Künste, zu denen besonders die Musik zählt? Ein Land, das ein Concertgebouworkest und weitere gute Orchester besitzt, in Amsterdam eine international bedeutende Oper, zwei großartige Ballettcompagnien, das Holland Festival und eben die Rundfunkensembles unterhält? Anstatt stolz auf diesen Reichtum zu sein und ihn auch für die Erziehung junger Menschen zu nutzen, fällt so genannten Verantwortlichen nur das Wort Abschaffung ein.

Es sollte in den Niederlanden doch noch genügend intelligente und engagierte Menschen geben, die den drohenden Kulturbolschewismus stoppen, notfalls per Gerichtsverfügung. Das ist keine äußere Einmischung in innere Angelegenheiten eines fremden Landes, sondern die Solidarität europäisch denkender und fühlender Menschen, die sich der wichtigen Rolle der Kunst im  gesellschaftlichen Leben bewusst sind. Außerdem wirken schlechte Beispiele stets ansteckend.

In den deutschen Funkanstalten ist auch nicht aller Tage sanfter Ruhe-abend. Es rumort hier und da. Man wird wachsam bleiben müssen.
  

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