Corona adé – und nun?

Wenn Krisen dazu zwingen, neu zu denken · Von Gabor Scheinpflug


(nmz) -
Eineinhalb Jahre Corona – neben der gesundheitlichen Katastrophe mit allein in Deutschland bisher 90.000 mit oder an der Pandemie Verstorbenen und einer noch nicht absehbaren Zahl von durch Langzeitfolgen gezeichneten Menschen auch ein „Stresstest“ unserer ganzen Gesellschaft. Es gibt fast keinen privaten, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Bereich, der nicht durch die Auswirkungen der Pandemie bzw. deren Eindämmung zumeist negativ beeinflusst worden ist. Die umfassende Krise zeigt überdeutlich Stärken und Schwächen unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme und sogar auch die eigenen und die unserer Mitmenschen. Es gibt Verlierer und auch einige Gewinner, unglaubliche Aufopferung und ebenso unglaublichen Egoismus, breite Solidarität und maßlose Gier.
Ein Artikel von Gabor Scheinpflug

Nun endlich keimt zunehmend das Gefühl, das Licht am Ende des Tunnels sehen zu können. Wir beginnen uns wieder zu treffen, Gastronomie und Beherbergung sind wieder möglich. Der Wirtschaftsmotor startet durch. Die ersehnte Normalität ist quasi in greifbarer Nähe. Alles soll sein wie früher … Aber geht das überhaupt? Wollen wir das wirklich?

Nein! Eineinhalb Jahre Corona haben Auswirkungen, die nicht durch bloße Wiedereröffnungen oder schlichtes Wiedermöglichsein spurlos vergehen werden. Die Pandemie hat Spuren hinterlassen, die nicht einfach so heilen oder sogar Narben hinterlassen werden. Und noch einmal Nein! Wenn diese Krise überhaupt einen positiven Aspekt hat, dann den, dass teilweise schmerzlich aufgezeigt wurde, wo die Schwachpunkte vieler Systeme liegen. Darin liegt eine Chance. Es geht darum, aus Versäumnissen und Fehlern zu lernen um es danach besser zu machen. Und das nicht erst, wenn sich das „weiter, wie bisher“ wieder breit gemacht hat und das Handeln bestimmen kann. Es geht um die Pflicht, aus Geschehenem zu Lernen.

Die Musikbranche gehört zu den durch die Pandemie am stärksten betroffenen wirtschaftlichen Bereichen. Das liegt zum großen Teil an spezifischen Besonderheiten unserer Branche. Gerade „klassische“ Musik lebt vom und von der Begegnung mit dem Publikum. Dass das mit Kontaktbeschränkungen nur schwerlich realisierbar ist, leuchtet ein. Musikalische Projekte bedürfen langfristiger Planung und Vorarbeit. Daher wurden auch schon lange vor dem ersten Lockdown in Deutschland auch international großflächig Konzerte durch Veranstalter abgesagt. Und aus demselben Grund werden die Musiker*innen wohl auch zu den Letzten gehören, die wieder die Chance haben werden, einen ansatzweise auskömmlichen Verdienst in ihrem Beruf erzielen zu können. Dieser Umstand ist zwar für die Betroffenen bitter, aber eben auch irgendwie nachvollziehbar.

Gleichzeitig hat sich aber auch gezeigt, dass Verdienste aus der freien, unternehmerischen Tätigkeit von Musiker*innen nur schwer abzusichern sind, weder privat noch strukturell. Selbst die milliardenschweren staatlichen Hilfen für Unternehmen und Soloselbständige konnten die Musiker*innen zumeist nur in unzureichendem Maße erreichen. Auch die Maßnahmen zur existenziellen Absicherung für Arbeitnehmer*innen (z.B. Kurzarbeit) konnten nicht greifen. Die Gründe dafür sind in einer Arbeitsrealität zu suchen, die durch die gängigen Sicherungs-Systeme nicht (mehr) abgebildet werden können. Zu geringe Verdienste erschweren freien Musiker*innen die private (auch Alters-) Vorsorge und Absicherung. Die vielfältigen und individuellen Arbeitsrealitäten zwischen Selbstständigkeit, Anstellung und Mehrfachbeschäftigung erschweren die Einordnung in althergebrachten Kategorien und dadurch auch den Zugriff auf die Wirtschaftshilfen.

Und nun?

„Alte“ Themen sind dadurch wieder aufs Tableau gekommen und jetzt akut. Der Zugang zur Arbeitslosenversicherung für Soloselbständige zum Beispiel. Oder auch die Frage nach Mindestgagen für ihre Leistung oder faire Vergütungen aus dem Urheberrecht für die Musikschaffenden. Ver.di setzt sich gemeinsam mit anderen Gewerkschaften und Verbänden schon seit Jahren dafür ein und jetzt wird die Notwendigkeit, diesbezüglich endlich zu handeln, für jeden sichtbar.

Auch im Bereich der musikalischen Bildung sind Stärken und Schwächen des Systems deutlich geworden. Zu den Stärken gehören zuvorderst ganz eindeutig die Musikschullehrer*innen selbst. Mit Engagement, Kreativität und Lernwillen wurden im letzten Jahr quasi in Lichtgeschwindigkeit Mittel und Wege gesucht und sehr häufig auch gefunden, selbst unter den Bedingungen eines Lockdowns die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, pädagogische „Schäden“ zu minimieren und die Schüler*innen auch in deren Ausnahmesituation nicht allein lassen zu müssen. Und das regelmäßig sogar außerhalb jeder arbeitsrechtlichen Verpflichtung und fast immer unter Einsatz privater Ressourcen.

Dennoch sind auch im System Musikschule die Schwächen zu Tage getreten. Zuerst seien hier die in Jahrzehnten gewachsenen, dem permanenten Sparzwang „freiwilliger“ Einrichtungen geschuldeten, Strukturen genannt. „Outsourcing“, prekäre Arbeitsverhältnisse und mehr oder weniger versteckte Arbeitszeiterhöhungen gehören viel zu häufig zum Alltag der Musikschulrealität. Die Zielrichtung dabei ist immer die gleiche: „Sparen“ bei denen, die die Leistung erbringen. Dieses Sparen führte schon vor Corona dazu, dass unsere „freien“ Kolleg*innen eher schlecht als recht für ihre Existenz und die ihrer Familien sorgen konnten. Während der Zeiten des Lockdowns, wurde auch ihnen zunächst die Existenzgrundlage entzogen. Wie bei den freien Musiker*innen galt: keine Arbeit, kein Einkommen, kaum ankommende staatliche Hilfen, … und wieder war es häufig nur das eigene Engagement, welches zumindest notdürftig für Alternativen (z.B. Online-Unterricht) sorgte. Und das, obwohl viele Musikschulen noch keine entsprechende vertragliche Basis geschaffen hatten und daher gar nicht in jedem Fall klar war, ob sich dieses Engagement in Form von weiteren Beschäftigungsmöglichkeiten „auszahlen“ würde.

Die kommunale Trägerschaft musikalischer Bildung führt zu einer schier unendlichen Kombination unterschiedlicher Trägerrechtsformen, Organisationsstrukturen, Finanzierungskonzepte wie auch Arbeits- und Lernbedingungen. Da öffentlich getragene musikalische Bildung haushaltärisch eine sogenannte freiwillige Aufgabe der Kommunen darstellt, schwebt zudem permanent das Damoklesschwert des Finanzierungsvorbehalts über dem Musikschulsys­tem. Was sich unter „normalen“ Bedingungen als permanenter Kampf um Fördermittel, Gebührenerhöhungen, strukturellen und personellen Sparmaßnahmen äußert und dennoch irgendwie „funktioniert“ hat, könnte in Anbetracht der pandemiebedingten und unglaublich hohen zusätzlichen Belastung der öffentlichen Haushalte schon sehr bald zur Bedrohung der Musikschulen, damit der Arbeitsplätze und schließlich der musikalischen Bildung in Deutschland werden. Das macht schon länger diskutierte Fragen jetzt akut und brisant: Wie freiwillig ist das Vorhalten musikalischer Bildung in Deutschland? Ist das Bildung, oder doch nur verzichtbare Freizeitaktivität?

Gefahren, Chancen, Lösungen

Spätestens bei den Schließungs- bzw. Öffnungsentscheidungen stellte sich diese Frage im politischen Raum immer wieder ganz akut. Und die Entscheidungen fielen dabei fast durchweg positiver aus, als von vielen befürchtet worden ist. Zuletzt musste auf der Ebene der Bundesländer zumindest eine Teilantwort gegeben werden. Anders als bei vielen anderen Kultur- und Freizeiteinrichtungen wurde in der Frage der Schließung/Öffnung immer wieder versucht, allgemeinbildende Schulen und Musikschulen zu „synchronisieren“. Hier sah man also offensichtlich eine Nähe. Und es gab und gibt immer wieder Einzelfälle, in denen sich kommunale Träger dazu entschließen, abseits der „üblichen Verfahren“ Entscheidungen im Sinne ihrer Musikschule, der Schüler*innen und Musikschullehrer*innen zu treffen und z.B. auf prekäre Beschäftigung zu verzichten. Dabei bewegen Einzelfälle zwar nicht das Ganze, zeigen aber, was möglich ist.

Aber: Noch nie hat sich ohne Aktivität und Engagement etwas verändert. Das ist gesellschaftlich und politisch nicht anders, als wir es in der Physik gelernt haben: Wo Bewegung entstehen soll, muss eine Kraft wirken.Wie so etwas gesellschaftlich funktioniert, konnte auch in Corona-Zeiten gut beobachtet werden. Von Anfang an traten Lobbyisten jeglicher Couleur in Aktion. Je mächtiger die Lobby war, desto größer war die Chance, die eigenen Interessen durchzusetzen. So manche politische Entscheidung hat da augenscheinlich sehr deutlich die Wirksamkeit dieser Art der „Einflussnahme“ unter Beweis gestellt. An dieser Stelle schließt sich jedoch der Kreis des Lernens. So, wie es im Großen funktioniert, sollte es doch auch in der Musikbranche und in den Musikschulen funktionieren können. Die meisten Kolleg*innen erleben doch quasi täglich die Probleme vor Ort. Sie sehen die Gefahren, die Chancen und haben Lösungsideen. „Man sollte …“, „das müsste doch …“, „die könnten doch …“ sind dabei durchaus gängige Ansätze. So gut sie aber auch sein mögen, werden sie dennoch nur selten gehört. Und das liegt auch an uns selbst. Denn um daraus eine tatsächliche Chance auf Veränderungen oder Verbesserungen zu machen, braucht es eben nicht nur gute und kreative Ideen, sondern auch Tatkraft und natürlich Kolleg*innen, die „machen“ und „mitmachen“, die helfen, diese umzusetzen – sowohl in der Musikschule, wie auch für die Musikschulen, als freie Musiker*in und freie Musikpädagog*in. Das Gute ist, dass es mit der Fachgruppe Musik in ver.di genau diese Lobby der Musiker*innen gibt. Das weniger Gute dabei ist, dass sie noch nicht ansatzweise so großen Einfluss hat, wie sie haben könnte und eigentlich sogar müsste. Dabei liegt das aber nicht am mangelnden Engagement der Aktiven, sondern an der großen Zahl von Kolleg*innen, die ihre Sichtweisen, Problembewusstsein und Ideen nur in kleinsten Kreisen teilen und gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass sich Umstände und Bedingungen (positiv) in der Zusammenarbeit mit anderen verändern lassen könnten. Das Konzept, dass Meinungen und Überzeugungen vieler, so sie gemeinsam vertreten werden, durchaus Gewicht haben, ist dabei nicht neu. Und es ist nicht subversiv oder destruktiv. Das ist ein Grundprinzip der Demokratie.

Den Moment nutzen

Und es gibt noch einen weiteren Aspekt. Krisen zwingen dazu, innezuhalten und neu zu denken. „Normal“ und „üblich“ verlieren vorübergehend einen Teil ihrer Bedeutung und können daher auch viel weniger die häufig damit einhergehende Trägheit entfalten. Gerade wenn nicht mehr zu übersehen ist, dass Probleme nicht abstrakt oder virtuell sind, sondern real und existenziell werden, wird der Widerstand gegen Veränderung oder gar Neues kleiner. Es wurde selten so viel über Armut, prekäre Beschäftigung, Digitalisierung, Bildung, Demokratie und Moral diskutiert, wie in den letzten Monaten. Selten wurde so viel in so kurzer Zeit bewegt (ob nun in jedem Fall in die „richtige“ Richtung, sei dahingestellt). Dieses Momentum gilt es nun zu nutzen, um Veränderungen mit unserer Kompetenz und unserer Kreativität mitzugestalten oder ja sogar anzustoßen.

Ja, es gibt keine Erfolgsgarantie, stattdessen aber sicher Schweiß und strapazierte Geduld. Dennoch ist es das wert, denn ohne den Versuch gibt es auch keine Chance. Es geht um viel mehr, als nur besseren Lohn oder die nächste Tarifsteigerung. Es geht um nicht weniger als die Zukunft musikalischer Bildung und um die Musik. Sie bilden nicht nur unseren Lebensmittelpunkt, sondern sind ein unverzichtbarer Teil des gesellschaftlichen Lebens. Wer, wenn nicht wir … 

Das könnte Sie auch interessieren: