Corona und die Folgen

Eine umfassende Umfrage unter Musikschulen gibt Auskunft über Erfahrungen und Einschätzungen


(nmz) -
Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Arbeit der Musikschulen aus? Welche Folgen der Pandemie im ersten und zweiten Lockdown sind sicht- und spürbar? Welche sind zu erwarten? Auf Initiative des Landesverbandes niedersächsischer Musikschulen hatte der VdM eine Umfrage zu den Auswirkungen von Covid 19 erstellt und seinen Mitgliedsmusikschulen zugeleitet. Interesse und Bereitschaft, hierfür Zeit aufzuwenden, war unter den Schulen offenbar groß: 489 digitale Fragebögen gingen im Bonner Büro des VdM ein. Es handelt sich also durchaus um ein repräsentatives Ergebnis. Das Verhältnis der Trägerstrukturen bei den antwortenden Musikschulen bildet die Relation der Gesamtheit der VdM-Mitgliedschulen ab.
Ein Artikel von vdm

93,5 Prozent der Musikschulen, die die Frage nach einem mit den örtlichen Behörden abgestimmten Hygienekonzept beantworten, bejahen diese. Zu den meistgenannten Maßnahmen in den Unterrichtsräumen gehören Trennwände, Absperrungen und Wegeführungen sowie der Schutz der Instrumente. Weitere Maßnahmen sind unter anderem Desinfektionsmöglichkeiten, Reinigung und Lüftung von Räumen, Abstandsregelungen, Auslagerung in größere Räume, besondere Einlassorganisation und Zugangsbeschränkungen, Zurverfügungstellung von Masken oder die Bereitstellung von zwei Klavieren für den Klavierunterricht. Allein die Menge der genannten Maßnahmen zeigt: Die Musikschulen haben schnell und umfassend reagiert, um den Unterricht sicher zu gestalten und den Schüler/-innen, wo immer es ging, Präsenzunterricht zu ermöglichen.

Einnahmeausfälle

Weiter wurden die Musikschulen nach der finanziellen Größenordnung ihrer Einnahmeausfälle infolge von Corona befragt. Dabei kam die hohe Summe von 21.705.863,15 Euro zusammen. Im Durchschnitt ergibt sich daraus ein Betrag von 66.582,40 Euro pro Musikschule. Mit Abstand die meisten dieser Ausfälle sind die Folge von Gebührenrückerstattungen, gefolgt von Einnahmeausfällen von Kooperationspartnern, Ausfällen aus Veranstaltungen und entgangenen Projektfördermitteln. Kompensiert wurden die Ausfälle in einem hohen Maß durch die jeweilige Kommune. Auch Hilfsprogramme der Länder wurden vielfach genutzt, wogegen Coronahilfen des Bundes eine eher marginale Rolle spielen. Vielfach wurde auf die Möglichkeit zurückgegriffen, Mitarbeiter/-innen in Kurzarbeit zu schicken. Weitere Formen der Kompensation waren der Rückgriff auf Rücklagen, Einsparungen oder Spenden und Unterstützung durch Stiftungen. Ein Großteil derjenigen Schulen, die Hilfen vom Land beantragt hatten, erhielten diese auch. Die Beurteilung der Sonderprogramme der Bundesländer wird allerdings unterschiedlich bewertet: als „sehr hilfreich“ (knapp 28 Prozent), „weniger hilfreich“ (ca. 38,5 Prozent) und „unpassend“ (ca. 33,5 Prozent). Das Zeugnis für diese Maßnahmen fällt also nicht besonders gut aus, wobei differenzierte Begründungen zum Teil Auskunft darüber geben, was nicht gepasst hat. Unter anderem wurde moniert, die Antragstellung sei zu kompliziert, die Hilfen zu niedrig, zu wenig kommuniziert oder gar nicht vorhanden. Vielfach schreiben die Musikschul-Verantwortlichen, das Programm des Landes habe auf die Gegebenheiten der Schule nicht gepasst. Teilweise wurden Hilfen vom Träger insgesamt beantragt und in mehr oder weniger großen Anteilen an die Musikschule weitergegeben. Allerdings gibt es durchaus auch positive Stimmen: zum Beispiel dort, wo Hilfen durch den Landesverband beantragt und verteilt wurden oder wo unbürokratische Unterstützung in Anspruch genommen werden konnte. Die teilweise differenzierten Antworten werden dem VdM sicher dazu dienen, Forderungen nach passgenauen Hilfen noch konkreter zu formulieren. Mittel vom Bund wurden von vielen Schulen gar nicht erst beantragt, da hier kein Förderprogramm passend erschien.

Auch nach den coronabedingten Mehrausgaben wurden die Musikschulen gefragt. Im Durchschnitt werden diese auf circa 12.700 Euro geschätzt und verteilen sich insbesondere auf Sach-, Personal- und Digitalausgaben. „Sind/waren die Auswirkungen der Corona Pandemie für Ihre Einrichtung existenzgefährdend?“, lautet eine Frage. Immerhin fast 59 Prozent verneinen dies; nur knapp 6 Prozent antworten mit einem klaren „Ja“. Anders verhält es sich mit den Auswirkungen auf einzelne Lehrkräfte. Existenzgefährdet seien diese, sagen knapp 30 Prozent, als „teilweise existenzgefährdend“ schätzen knapp 32 Prozent der Antwortenden die Situation von Lehrkräften ein. 29,3 Prozent der Musikschulen vermelden Abmeldungen von Schüler/-innen. Auch hierzu gibt es detaillierte Rückmeldungen. Einige rechnen mit Abmeldungen in der Zukunft. Andere erklären die Aufrechterhaltung der Schülerzahl mit kontinuierlichem Online-Unterricht, andere antworten sogar: „im Gegenteil“, können sich also über Zuwachs freuen. Allerdings beobachten gut 68 Prozent der Schulen einen Rückgang an Neuanmeldungen. Als Gründe werden unter anderem genannt, dass EMP, Instrumentenkarussell oder Gruppenunterricht nicht möglich sind, dass der Einstieg per Online-Unterricht nicht attraktiv genug ist oder dass keine Werbemöglichkeiten bestehen. „Wir werden Jahre benötigen, um den Schülerrückgang wieder auszugleichen“, lautet eine besonders düstere Prognose. 21 Prozent geben an, dass Kooperationsprojekte bereits rückläufig sind, weitere 24 Prozent fürchten dies für die Zukunft.

Unsicherheit über Zuwendungen

Eine wichtige Frage ist die nach bereits sicheren oder zu erwartenden Einschnitten bei den Zuwendungen der kommunalen Träger. 46 Prozent sind hier eher optimistisch, 31,5 Prozent erleben oder befürchten solche Einschnitte. Ähnliches gilt für die Landeszuwendungen. In den Detailantworten zeigt sich eine recht große Unsicherheit darüber, wie sich die Zuschusssituation in den nächsten Jahren entwickeln wird. Aber auch von Erhöhungen wird berichtet. 

Fast 89 Prozent der Antwortenden berichten über den erschwerten Zugang zu Räumen allgemeinbildender Schulen, 70 Prozent über zusätzliche Auflagen von Trägern oder Gesundheitsbehörden, fast 38 Prozent über zusätzliche personalrechtliche Angelegenheiten: die Musikschulverwaltungen hatten und haben ganz offensichtlich aufgrund der Pandemie ein erhöhtes Arbeitsaufkommen. Fast 33 Prozent nahmen das Instrument „Kurzarbeit“ in Anspruch. Unter den Musikschulen, die Honorarkräfte beschäftigen, erklärten 21 Prozent, das Honorar sei trotz Unterrichtsausfall weiter gezahlt worden, bei weiteren 21 Prozent wurde es teilweise gezahlt, aber in gut 32,5 Prozent der Fälle blieb das Honorar aus. Viele geben hier an, dass keine Honorarkräfte beschäftigt werden: Corona hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig sozialversicherungspflichtige Anstellungsverhältnisse sind. 73,5 Prozent der Antwortenden sind der Meinung, dass Musikschullehrkräfte frühzeitig geimpft werden sollten.

Steigende Akzeptanz

30 Prozent des ausgefallenen Unterrichts konnten durch andere Angebote, immerhin knapp 67 Prozent teilweise kompensiert werden. Erwartungsgemäß waren die Möglichkeiten der Kompensation zum Beispiel im Bereich der EMP, der Kooperationen oder der Ensemblefächer wesentlich geringer als im Instrumental- oder Vokalunterricht. Bei der Frage nach der Akzeptanz des Online-Unterrichts durch die Lehrkräfte beim ersten Lockdown bewegen sich die Antworten im Mittelfeld (zwischen 3 und 4 bei einer Skala von 1 bis 6). Signifikant verbessert war die Akzeptanz im zweiten Lockdown. Hier liegt das Hauptfeld zwischen 1 und 2. Die Akzeptanz bei Schülern und Eltern lag im ersten Lockdown nach Einschätzung der Musikschulen zwischen 2 und 3, also höher als bei den Lehrkräften, nahm anschließend nicht im gleichen Maß zu, war aber insgesamt höher als zu Beginn. Bestandteil der Gebührenordnung ist der digitale Unterricht erst bei knapp 23 Prozent der Schulen, bei 32 Prozent ist dies in Planung. Der allergrößte Teil der Schulen, nämlich 88 Prozent, sieht keinen Unterschied bei der Höhe der Gebühren im Vergleich zum Präsenzunterricht vor.

Die Ausstattung der Musikschulgebäude mit stabilen LAN- oder WLAN-Verbindungen kann noch nicht als zufriedenstellend bezeichnet werden: ein Umstand, der lange bekannt war, immer wieder angemahnt, aber häufig nicht verbessert wurde. Gut 18 Prozent verfügen überhaupt nicht über eine solche Verbindung, knapp 36 Prozent nur zum Teil. Hier tut Abhilfe Not. Nicht besser ist die Situation in Räumlichkeiten, die außerhalb des Musikschulgebäudes genutzt werden. Auch die Ausstattung der Lehrkräfte mit dienstlichen digitalen Endgeräten lässt noch zu wünschen übrig: An mehr als 60 Prozent der Musikschulen verfügen die Lehrkräfte nicht über solche, an weiteren 24 Prozent der Musikschulen nur zum Teil. Allerdings zeigen die Antworten auch, dass hier vieles in Planung ist.

Die Frage nach Wünschen an den Bundesverband um Unterstützung im digitalen Bereich wird unter den vorgegebenen Möglichkeiten relativ ausgeglichen beantwortet: Der Wunsch nach Fördermöglichkeiten und -programmen wird knapp gefolgt von dem Bedürfnis nach Entwicklung einer allgemeinen digitalen Strategie, nach Unterrichtsangeboten im digitalen Bereich und Apps sowie nach Qualifizierungs-angeboten. Auch Cloud-Plattformen sowie Marketing und Social-Media-Unterstützung sind gefragt, wenn auch etwas weniger häufig. Eine sehr ähnliche Staffelung ergibt sich bei der Frage nach digitaler Unterstützung durch die Landesverbände. Qualifizierungsangebote für Lehrkräfte sind besonders bei der Methodik und Didaktik im Fernunterricht gefragt, gefolgt von Einsatz von Programmen und Apps im Unterricht. Auch die Durchführung und Gestaltung von Videokonferenzen, die Unterstützung der Musikschulverwaltung und die Unterstützung von Marketing und Kommunikation stoßen auf Interesse.

Zukunft

Schließlich waren die Musikschulen noch nach dringlich zu behandelnden Themen sowie nach notwendigen Maßnahmen gefragt, um künftigen Krisen besser begegnen zu können. Die Antworten sind hier so vielschichtig und differenziert, dass sie – auch aus Gründen der Vertraulichkeit – nicht im Einzelnen zitiert werden können. Vieles dreht sich um gesicherte Finanzierung, um Ausbau der digitalen Möglichkeiten, auch um eine höhere Wertschätzung dessen, was musikalische Bildung und speziell Musikschulen in Politik und Gesellschaft leisten. Immerhin: Insgesamt fast 77 Prozent der Befragten sind mit den Leistungen des VdM zufrieden oder sehr zufrieden. Bei der Bewertung der Arbeit der Landesverbände sind es sogar über 90 Prozent. Alle Wünsche und Anregungen, die die Musikschulen hier niedergeschrieben haben, werden sehr genau ausgewertet werden und sollen die konkrete Unterstützung noch weiter verbessern. 

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