Das Mozartjahr hat schon längst begonnen

Kammermusik der Extraklasse: Seit 1993 gibt es jährlich das „Moritzburg Festival“


(nmz) -

„Hand und Fuß“ habe das Oktett, das sein fleißiger Schüler Mendelssohn Bartholdy soeben vorgelegt hatte, berichtete im November 1825 Zelter stolz seinem Freund Goethe. Den langen Lebensweg konnte Zelter kaum ahnen, die Liebe, die das Oktett Es-Dur für 4 Violinen, 2 Bratschen und 2 Violoncelli unvermindert empfängt. Natürlich ist die Karawane der Musikgeschichte weitergezogen und Mendelssohn Bartholdy heute kein Indiz, am Puls der Zeit zu fühlen. Doch der Tatendrang, den das Werk des jugendlichen Felix versprüht, der unverbrauchte Schöngeist, das Loten nach kammermusikalischen Grenzen – dies alles wirkt wie ein Jungbrunnen und entwickelt geradezu Symbolkraft für ein Ereignis wie das „Moritzburg Festival“.

Ein Artikel von Karsten Blüthgen

Für weit reichende Ausflüge über exponierte Gipfel, in entlegene Winkel und auf Neuland stehen diese zwei Wochen Kammermusik seit 1993 alljährlich im August, jederzeit für Interpretationen auf berauschendem Niveau, gern auch ein bisschen gegen den Strich. Die Liste der seitdem Beteiligten lässt kaum anderes vermuten: Janine Jansen, Julian Rachlin, Heinrich Schiff, Jörg Widmann… Wenn das Fest, inzwischen traditionell, mit dem Mendelssohn-Bartholdy-Oktett endet, dann erlebt das Publikum mehr als nur ein Finale voller Leidenschaft und Überschwang. Hier findet sich die lebhafte Familie eigentlicher Solisten, 30 in diesem Jahr, noch einmal zusammen, die in Moritzburg, einer Kleinstadt nördlich von Dresden, für die Festivalzeit existiert. Um im nahen Wald im Landhotel für eine Weile gemeinsam zu wohnen und zu arbeiten. Um – je nach Literatur, diesmal von Vivaldi bis Chen Yi – wechselnde Ensembles zu formen, zu proben und Konzerte zu geben. An das „Marlboro Festival“ lässt somit mehr als nur der ähnlich lautende Name denken. Kai Vogler (Violine), Peter Bruns und Jan Vogler (beide Violoncello) haben das Ereignis auf dem Marlboro College in Vermont selbst erlebt, fanden die Idee übertragbar und setzten einen Sprössling in die Idylle des Moritzburger Jagdschlosses. Er gedeiht: zu Recht spricht man inzwischen von einem der wichtigsten europäischen Kammermusikfestivals. Aber er wuchert nicht: Zehn Konzerte wie zuletzt sind normal. Wenn eins davon in die rauschende und knallende Event-Halle der „Gläsernen Manufaktur“ Dresden lockt, dann weniger für höchsten Klanggenuss, sondern um dem Kooperationspartner Volkswagen zu danken. Den Kern bilden indes die Konzerte in der Moritzburger Kirche und im Speisesaal des Schlosses, wo 71 kapitale Rothirschgeweihe in solcher Zahl beinahe die Akustik adeln. Mozart als eines der Themen dieses Jahrgangs zu wählen war ein wohl überlegter Vorgriff auf ein sicher anstrengendes Mozartjahr 2006. Hat man hier das Divertimento Es-Dur KV 563 mit Benjamin Schmid (Violine), Antoine Tamestit (Viola) und Jan Vogler (Violoncello) erlebt, durfte man wunderbare Blicke zur Seite und in die Tiefe (Adagio!) mitnehmen.

Ein weiterer Schwerpunkt war China. Die in den USA lebenden Chen Yi und Zhou Long, Composers-in-residence 2005, konfrontieren oder verschmelzen in ihren Werken chinesische Tradition mit europäischer Klangsprache, schaffen Projektionsflächen, um Unterschiede sichtbar zu machen. Fünf der sechs gespielten Werke erklangen erstmals in Europa – darunter „Ning“ für Pipa (Yang Jing), Violine (Mira Wang) und Violoncello (Jan Vogler). Chen Yi schrieb das in seiner schlüssigen Dramatik überzeugende Werk 2001 im Gedenken an das Nanjing-Massaker im Zweiten Weltkrieg: erst Dekomposition durch zerbrechende Skalen, rasende Streichertremoli und entstellend fremde Pipa-Klänge, dann Harmonisierung und Versöhnung. Sehr guter Besuch ist die Regel beim Festival, nun war es mit 4.000 Gästen erstmals maximal ausgelastet. Andere Klassik-Festivals in und um Dresden sind davon weit entfernt. Was lässt das nächste „Moritzburg Festival“ vom 4. bis 20. August 2006 erwarten? Neue Namen wie Baiba Skride, Renaud Capuçon und Hélène Grimaud sprechen jedenfalls für sich. Vor allem darf man gespannt sein, wie sie sich in die Moritzburgfamilie einfügen. 

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