Das Rätsel der 8 und der Sinn des Lebens

Die bei Peters erschienene Voces8-Methode enttäuscht


(nmz) -
Voces8 ist ein englisches Vokalensemble, stimmlich hochkompetent und in der Bühnenperformance und der Repertoiregestaltung im eher konservativen stilistischen Dunstkreis der King’s Singers zu verorten. Neben ihrer mittlerweile global mäandernden Konzerttätigkeit sind die Ensemblemitglieder auch im Coaching-Sektor aktiv. Die theoretische Basis hierfür bildet eine nach dem Ensemble benannte Methode, für die Paul Smith als Mastermind und „Botschafter der Edition Peters“ firmiert.
Ein Artikel von Florian Heigenhauser

Sucht man nun in dem 70-seitigen Geheft – Smith bezeichnet es als „sein erstes Buch“ – nach einer schlüssigen Darstellung dieser Methode, wird es erstmals schwierig: Ziel der Voces8 Methode ist es laut Einleitung, nicht weniger als das Gesamtpanorama schulischer Leistungsbereiche (Mathematik, Lese- und Schreibkompetenz, sprachlicher Ausdruck, usw. …), sowie die körperliche Verfassung, die Teamfähigkeit, Selbstvertrauen sowie lösungsorientiertes und kreatives Denken ausschließlich mit Hilfe kurzer achtminütiger musikalischer Aktivitätsphasen im Wochenabstand zu fördern und auf ein höheres Niveau zu bringen. Es geht also nicht a priori ums Musikmachen, sondern explizit um die Lernförderung.

Das wissenschaftliche Zentrum der Methode stellt laut Smith und Literaturverzeichnis ein 20-seitiger (!) Artikel von Susan Hallam dar, der sich mit der Verbesserung von Hirnaktivität und Lernleistung befasst. Macht sich nun der Nachwuchscoach – für den ist die Veröffentlichung vorrangig gedacht – in freudiger Erwartung auf die Suche nach Erläuterungen, wie die immer wieder erwähnten wissenschaftlichen Grundlagen und die aus ihnen abgeleiteten Aktivitätsstufen konkret verknüpft sind, stellt sich Frustration ein. Man rennt auf der Suche nach den Zusammenhängen buchstäblich immer wieder gegen eine Gummiwand. Dabei hätte, bei etwas weniger raumgreifendem Layout, eine knappe Darstellung der Ideen, Theorien und Ergebnisse von Hallams Forschungsarbeit sicher Platz gefunden.

Nach genauer Durchsicht des Workshops hinsichtlich des methodischen Aufbaus und der implementierten Inhalte keimt schließlich der Verdacht, dass Indifferenziertheit in der Darstellung hier vielleicht Methode hat: Der als Multiplikator agierende Workshop-leiter und seine Assistenten sollen die Einheiten reflexionsfrei eins zu eins nach Anweisung umsetzen. Anders ist der – durch kleinportionierte ethnologische Hinweise kommentierte – Einsatz unterschiedlicher, weltmusikalisch offener Rhythmusstilistiken, ist das Anwenden von Solmisation ohne Verdeutlichung ihres konkreten Audiationsbezugs, ist überhaupt die Kombination unterschiedlichster Gestaltungselemente ohne den Hinweis auf eine innere Verknüpfung im Rahmen der Methode (, die ja auch im Dunkeln dahinvegetiert, man weiß es nicht) kaum zu interpretieren. Klappte das nicht wie gewünscht, könnte im besten Fall (für das Coaching-Unternehmen) die bühnenerfahrene und workshop-gestählte Voces8-Eingreiftruppe zur allgemeinen Motivation gebucht werden. Ein grundsätzliches Verständnis der inneren Bezüge würde einem kreativen Leiter und Anwender des Konzepts situationsangepasste methodische Erweiterungen, Varianten oder auch Vertiefungen ermöglichen.

Dies aber scheint nicht eingeplant, beziehungsweise nicht gewünscht. Denn gerade der ambitionierte, aber nicht rhythmisch professionell ausgebildete Leiter dürfte sich im stilistischen Dunst der Einzelbausteine leicht verlieren. Was bleibt, ist eine Sammlung bereits bestens bekannter rhythmischer Patterns, die komplementär überlagert (Förderung mehrdimensionalen Denkens!?) und im Verlauf des Workshops mit einfachen Melodiemodellen kombiniert werden. Derartige Szenarien sind auf musikpädagogischen Kongressen im Tätigkeitsbereich „Warm-ups“ schon seit längerer Zeit in Legion anzutreffen und es erschließt sich auch mit größter Entdeckerfreude nicht das explizit Neue des Konzepts. Die dazu notwendige fehlende wissenschaftliche Bezugnahme wurde ja bereits angesprochen.

Hier endet die Enttäuschung und es beginnt der Ärger: Das Layout des bei Peters erschienenen Bandes ist in vielen Bereichen unstimmig, manchmal einfach nur schlampig und in der stupide-additiven Aneinanderreihung von Kurzanweisungen nur sehr eingeschränkt für die direkte Umsetzung geeignet. Genervt verlinkt man sich via Barcode mit den Videotutorials, um sich einem von hinten unten durch eine Nachttischlampe (?) „ausgeleuchteten“ Paul Smith gegenüber zu sehen. Pauls Demonstrationsmittel, seine Hände, sind im Optimalfall am unteren Bildrand gerade noch zu sehen, oft aber agieren sie außerhalb des Bildausschnitts. Eine eindeutige Indizierung der Videos mit der entsprechenden Stufe im Heft gibt es nicht, vielmehr gibt die Positionierung des Barcodes bezüglich des jeweiligen Inhalts zumindest teilweise Rätsel auf.

Voces8 singen professionell und können routiniert mit Gruppen arbeiten – wie man auf den geschickt zwischen den Tutorials platzierten Videos sehen kann. Und zu buchen sind sie. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt …

Bleibt noch das Rätsel der Symbolzahl 8: 8 Einheiten in 8 Minuten, 8 Leiter (7+1) mit selbstverständlich 8 Mikrophonen und so weiter.

Davon hoffnungsfroh ausgehend, dass eine Banalität wie die Anzahl der Ensemblemitglieder nicht der Grund für die Wahl dieses strukturellen Wertes sein darf und/oder kann: Nur wer bereit ist, den Sinn des Lebens nach Douglas Adams mit der Zahl 42 erfüllend beantwortet zu wissen, darf hier die bohrende Frage nach der Sinnhaftigkeit für überflüssig erklären.

Paul Smith: Die Voces8-Methode. Der musikalische Senkrechtstart in den Schultag – für Stimme, Geist und Körper, C.F. Peters, EP 11421

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