Der Ukraine eine Stimme geben

Ukrainian Voices gastieren in der Landesakademie Ochsenhausen


(nmz) -
Seit Kriegsbeginn setzt sich die Landes­akademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg dafür ein, dass ukrainische MusikerInnen aus dem Kriegsgebiet Möglichkeiten für Konzerte haben und die Räumlichkeiten der Akademie für ihre Arbeit nutzen können. So durfte die Landesakademie bereits zahlreiche KünstlerInnen unterstützen und beherbergen.
Ein Artikel von Christine Wetzel

Den aus Kiew stammenden Pianisten Antonii Baryshevskyi, Preisträger des 14. Arthur Rubinstein Klavierwettbewerbs und die Landesakademie Ochsenhausen verbindet eine lange Freundschaft. Seit 2010 ist er eng mit der Landesakademie verbunden und wirkte bereits bei verschiedenen Konzerten, Projekten und CD- Einspielungen mit. Seit 2017 war er mehrfach Dozent bei der International Summer Academy of Music (ISAM). Sofort nach Beginn des Krieges wurde er eingeladen ein Benefizkonzert zu geben. Im eigens für diesen Anlass zusammengestellten Konzertprogramm mit dem Titel Ukrainian Voices zeigte er mit ukrainischen, polnischen und ungarischen Kompositionen die enge Verbindung der ukrainischen mit der europäischen Musikkultur auf. Ein eindrucksvolles Konzert im Spannungsfeld von Melancholie angesichts der Situation in der Ukraine und der Freude, wieder auftreten zu können und mithilfe von Musik der Ukraine eine Stimme zu geben. Die Einnahmen des Konzerts kamen komplett ukrainischen Musikern und Musikerinnen zugute. Im November dieses Jahres konzertiert der Ausnahmepianist erneut an der Landesakademie Ochsenhausen.

Das Kyiv Symphony Orchestra, das bekannteste staatliche ukrainische Orchester, wurde mit Beginn des Krieges vor existenzielle Probleme gestellt, da Auftritte in der Ukraine nicht mehr möglich waren. „Wenn ein Orchester nicht auftreten kann, ist es tot“ berichtet der Dirigent Vitali Protasov im Interview. So startete das Sinfonieorchester kurz nach Kriegsbeginn eine Europa-Tournee, ohne zu wissen, wie lange diese dauern würde.  Die Landesakademie stellte dem Orchester in den Pfingstferien sämtliche freie Zimmerkapazitäten zur Verfügung. Es logierten 80 Orchestermitglieder mit ihren Familien an der Landesakademie. Ausgehend von Ochsenhausen konnte das Orchester so weitere Konzertorte in Süddeutschland bespielen. Im Konzert im Bräuhaussaal der Akademie wurde unter anderem mit der 3. Sinfonie von Lyatoshynsky die europäische Musiktradition der Ukraine zum Ausdruck gebracht.

Auch beim diesjährigen Musiksommer wurden gezielt NachwuchsmusikerInnen aus der Ukraine unterstützt. So wurde beispielsweise drei TeilnehmerInnen der 17. International Summer Academy of Music (ISAM) aus der Ukraine die Teilnahme an der Sommerakademie durch Stipendien ermöglicht.

Bei dem im Rahmen des Musiksommers stattfindenden interregionalen Jugendchorfestival C.H.O.I.R. kommen seit 1996 jedes Jahr im August jugendliche Sängerinnen und Sänger aus der ganzen Welt nach Ochsenhausen, um gemeinsam ein Programm einzustudieren, welches in vier Konzerten zum Abschluss gebracht wird. In den Vorbereitungen für die diesjährige Ausgabe wurden über Antonii Baryshevskyi Kontakte in die Ukraine geknüpft und der Kammerchor des Konservatoriums Odessa eingeladen. Einer langwierigen Kommunikation folgten viele bürokratische Hürden.

Bis kurz vor Beginn des Festivals war es noch fraglich, ob die Teilnahme der SängerInnen zustande kommen würde. Seit Kriegsbeginn dürfen junge Männer ab 17 das Land nicht mehr verlassen, da sie jederzeit für den Militärdienst eingezogen werden können. Selbst als die Gruppe bereits mit dem Bus in Richtung Deutschland unterwegs war, war noch nicht sicher, ob alle aus der Ukraine ausreisen dürfen. Allen Widrigkeiten zum Trotz schafften es 13 Sängerinnen und 11 Sänger zusammen mit ihrer Chorleiterin Halyna Shpak, nach Ochsenhausen zu kommen. Die Jugendlichen konnten durch die Einladung 12 Tage lang kos­tenlos beim Chorfestival dabei sein und haben den internationalen Festivalchor bereichert. Gemeinsam mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern Europas durften sie so etwas wie Normalität erleben, ehe sie dann wieder zurück in ihre Heimat fuhren. Ebenso bestand das Festivalorchester aus MusikerInnen des Sinfonieorchesters Kiev.

Alle ukrainischen Musikerinnen und Musiker konnten so, unterstützt durch die Landesakademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg, Botschafter ihres Landes sein und der Ukraine eine Stimme geben.

 

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