Die Aktualität musikhistorischer Werte im Bewusstsein

Zum 25-jährigen Jubiläum der Xaver und Philipp Scharwenka Gesellschaft e.V.


(nmz) -
Unter den Trümmern der Weltkriege des 20. Jahrhunderts blieben nicht nur viele Tote, sondern auch materielle und kulturelle Werte nach den Aufräumarbeiten verschüttet. Geistiger Umbau, der den Revolutionen von 1918 und 1989 folgte, verdrängte manche zuvor renommierten Persönlichkeiten aus dem kollektiven Bewusstsein. So auch Xaver (geb. 1850, Samter/Polen, gest. 1924, Berlin) und Philipp Scharwenka (geb. 1847, Samter/Polen, gest. 1917, Bad Nauheim), der romantischen Epoche angehörende Komponistenbrüder, an deren Konservatorium in Berlin zuletzt bei 62 Lehrern über 1000 Studenten und in der Dependance New York von 1891 bis 1899 fast ebenso viele eingeschrieben waren. Herausragende (nicht nur biografische) Ereignisse wie die Aufführung des 4. Klavierkonzerts von Xaver Scharwenka in der Carnegie Hall 1910 mit ihm selbst als Solisten unter der Leitung von Gustav Mahler waren lange Zeit vergessen.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Deshalb waren die Namen dieser beiden Musiker bestenfalls noch wenigen Experten im Gedächtnis, als im Jahr 1988 die Xaver und Philipp Scharwenka Gesellschaft e.V. (aktuell mit weltweit 381 Mitgliedern, davon 10 Institutionen) von der Pianistin Evelinde Trenkner und ihrem Ehemann Hermann Boie gegründet wurde.

Ihre Initiative beruhte einerseits auf verwandtschaftlichen Beziehungen zu Scharwenka-Nachkommen und stützte sich andererseits im Vertrauen auf positive Resonanzen des so genannten Romantic Revival, das in den USA um 1960 von dem Klaviervirtuosen Earl Wild sowie von Frank Cooper und seinem Festival of Neglected Romantic Music eingeleitet wurde. In diesem Kontext sind Aufnahmen mit Scharwenka-Repertoire, die Evelinde Trenkner in den USA 1976 herausbrachte, jetzt wieder im CD-Format erhältlich.

Ab 1970 begann auch in Großbritannien das Romantic Revival und eine extensive Rezeption der Werke von Xaver und Philipp Scharwenka. Zu nennen sind hier insbesondere die Konzertreihe Virtuoso Romantic (1994) mit Marc-André Hamelin in der Wigmore Hall, Aufnahmen der Klaviermusik von Seta Tanyel für Collins Classics (1991–1997) sowie die Serie Romantic Piano Concertos bei Hyperion, wo das 4. Klavierkonzert von Xaver Scharwenka mit Stephen Hough erschien (Record of the Year 1996).

Kurz davor publizierte die MDG in Deutschland Alben mit Kammermusik von Philipp Scharwenka, unter anderem mit dem Trio Parnassus. Viele dieser Aktivitäten begleitete die Scharwenka Gesellschaft e.V. satzungsgemäß etwa mit der Beschaffung von Noten. Während von außen nun Impulse die Wiederverbreitung der Scharwenka-Kompositionen nachhaltig antrieben, dominierte in Deutschland, aufgrund oben genannter historischer Brüche und daher meistens aus Ignoranz, weiterhin Skepsis. Diese Schwierigkeiten konnten von der Scharwenka Gesellschaft aber sukzessive überwunden werden, indem Evelinde Trenkner als künstlerische Direktorin und Hermann Boie als Moderator seit 1990 das Internationale Lübecker Kammermusikfest veranstalten. Das Festival mit der „Epoche 1870 bis 1918“ als Programm, nämlich deren gesamtes Stilspektrum inklusive Romantik, klassische Moderne, Expressionismus und auch die Zweite Wiener Schule an jedem Himmelfahrtwochenende zu präsentieren, ist somit über den Musikhorizont der Namenspatrone hinaus zum Klangforum der Scharwenka Gesellschaft geworden. Weltstars wie Natalia Gutman und Eduard Brunner und arrivierte junge Solisten wie Sebastian Manz oder Ensembles wie das Minguet Quartett treten dort ebenso auf wie noch nicht so bekannte Talente.

Mit dem Festival als Triebwerk erhöhte sich dann die Interessenfrequenz am Scharwenka-Erbe erheblich. Anfang des 21. Jahrhunderts machten Evelinde Trenkner und Hermann Boie das ehemalige Komponierhaus von Xaver Scharwenka in Bad Saarow (nicht weit von Frankfurt / Oder) ausfindig und konnten vor Ort Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur davon überzeugen, das Gebäude mit Unterstützung einer Scharwenka-Stiftung zu restaurieren. Mit Erfolg, denn das Scharwenka-Haus soll mit der geplanten Eröffnung 2014 das erste multimediale Musikermuseum Brandenburgs zur spätromantischen Epoche werden.

Auch die Rezeption der Musik von Xaver und Philipp Scharwenka hat sich in den letzten Jahren international ausgedehnt: So werden in der Geburtsstadt Samter (heute: Szamotuły, Polen) seit  2010 und in Los Angeles (USA) mit der Deutschen Botschaft als Sponsor seit 2012 je ein Scharwenka-Festival veranstaltet. Und das 4. Klavierkonzert von Xaver Scharwenka hat der Pianist Alexander Markovich in Kooperation mit dem Dirigenten Neeme Järvi zu einem weltweiten Bestseller gemacht und bisher vierzehn Mal (u.a. in der Berliner Philharmonie 2002) aufgeführt.

Diese prosperierende Scharwenka-Renaissance wurde nur möglich, weil Evelinde Trenkner unermüdlich persönliche Kontakte pflegt und sich um globale Internet-Kommunikation kümmert. Ihr Engagement zur internationalen Rehabilitation der Musik einer faszinierenden Epoche ist im Februar 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt worden, weil sie, so die Begründung, durch ihre Interpretation zu Unrecht vernachlässigter und vergessener Werke und Bearbeitungen (etwa der Symphonien von Gustav Mahler für Klavierduo) Musikgeschichte geschrieben habe. Diese Auszeichnung, so Evelinde Trenkner, "widme ich natürlich der Scharwenka Gesellschaft und allen Beteiligten des Internationalen Lübecker Kammermusikfestes, und ich fühle mich aufgefordert, die erfolgreiche Arbeit mit Elan weiter zu führen", um (wie man hinzu fügen muss) die ungebrochene Aktualität musikhistorischer Werte im Bewusstsein zu festigen.

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