Die große Gala der Alphatiere

Neue Aufnahmen mit Neuer Musik, rezensiert von Max Nyffeler


(nmz) -
Musik von Mauricio Kagel, Mauricio Kagel, David Lang, Luca Francesconi, Philippe Boesmans, Richard Barrett, Lou Harrison, Karlheinz Stockhausen
Ein Artikel von Max Nyffeler

Sein „Match“ für zwei Celli und Schlagzeug ist heute ein Klassiker des instrumentalen Theaters, aber dass Mauricio Kagel zahlreiche Cellostücke geschrieben hat, ist kaum bekannt.  Auf einer musikalisch wie technisch herausragenden CD sind sie nun alle versammelt, auch „Siegfriedp’“ und die anderen Stücke, die er für seinen Lieblingsinterpreten Siegfried Palm geschrieben hat. Im delikaten „Magic Flutes“ für zwölf und den „Motetten“ für acht Celli brilliert das von Chris­tophe Roy gegründete Ensemble Nomos mit instrumentaler Schwarmintelligenz. Der Gastauftritt von Rohan de Saram in „Match“ (zusammen mit Christophe Roy) bildet dazu die perfekte Ergänzung. Die CD bietet ein Cellofestival der Extraklasse. (Hérisson LH06, label-herisson.com)

Angesichts eines beinahe vollen Dutzends Streichquartette begann Wolfgang Rihm 1999, die Gattung zu zerlegen und produzierte von da an vorwiegend „Fetzen für Streichquartett“. Acht dieser Fetzen, eingerahmt von zwei längeren Werken, sind nun auf einer CD mit dem Arditti Quartett versammelt; der fünfte Interpret ist Teodoro Anzellotti – die formale „Zerfetzung“ wird durch die Erweiterung mit Akkordeon kompensiert. Eine überzeugendere Aufnahme ist kaum denkbar. Die Fünf, allesamt ausgebuffte Techniker, spielen die hochvirtuosen Miniaturen mit gazellenhafter Leichtigkeit. Und das Bes­te: Hinter der zugespitzten, mal aphoristisch verkürzten, mal zu aggressiver Dauererregung gesteigerten Diktion lugt beständig der musikalische Witz hervor. Er ist die heimliche Antriebskraft dieser Musik. (Winter&Winter 910178-2)

Der Titel „unexpected/unerwartet“ passt gut zur siebten und vorerst letzten CD in der Reihe Edition musikFabrik. Das Eröffnungsstück von David Lang, der 1987 das New Yorker Bang on a Can Festival mitbegründete, sorgt mit der fiktiven Ansprache des Komponisten an den Hörer für ironische Irritationen. Den Schluss bildet ein Cellokonzert mit Live-Elektronik von Luca Francesconi, das ständig Gefahr läuft zu explodieren und sich in der Schlusskadenz überraschend in graue Geräuschbezirke davonschleicht. Die Mittelstücke auf dieser klug zusammengestellten CD stammen von Philippe Boesmans und Richard Barrett. (Wergo 6857-2)

Einen Überblick über das weit gefächerte Werk des amerikanischen Komponisten Lou Harrison (1917–2003) gibt eine 4-CD-Box mit Dennis Russell Davies als Orchesterdirigent und Pianist, vielen Solisten und einem Gamelan-Orchester. Der Bogen reicht von den Frühwerken in der einfachen Art eines Aaron Copland über die im Kontakt mit John Cage entstandenen Ensemblestücke und die faszinierenden Annäherungen an die transpazifische Musik aus Indonesien bis zur Dritten Sinfonie von 1982, die auf Popularmusik zurückgreift. In seiner Vielfalt ist Harrisons Werk ein Spiegel der jüngeren amerikanischen Musikgeschichte. (Nimbus Records NI 2571/74)

Der Herausforderung des rund dreiviertelstündigen, atemzehrenden Klarinettensolos „Harlekin“ von Karlheinz Stockhausen stellt sich Michele Marelli, langjähriger Mitarbeiter bei den Stockhausen-Kursen in Kürten, mit Bravour. Bei dem in neun Abschnitte unterteilten Stück handelt es sich um ein szenisches Solo: Musikalische und choreografische Gesten bilden eine Einheit. Die Charakteristik der Musik arbeitet Marelli mit hörbarer Hingabe und Akribie heraus. Freilich kann auch seine interpretatorische Höchstleistung den für dieses Stück nötigen, audiovisuellen Gesamteindruck nicht ganz ersetzen. (Stradivarius STR 33864)

Und gleich nochmals Stockhausen: Den ursprünglich für Spieluhren komponierten, zwölfteiligen „Tierkreis“-Zyklus hat Dominik Susteck für die Orgel der Kunst-Station Sankt Peter in Köln adaptiert und kongenial mit improvisierten Zwischenspielen versehen. Mit den Zimbel- und Schlagzeugregis­tern dieser Orgel und ihren Möglichkeiten zur Verräumlichung und Flexibilisierung des Klangs schafft Susteck ganz großes Klangtheater. Im alchemistischen Wirbel der Farben und Gestalten von grell-drastisch bis mystisch-verhangen ziehen dreitausend Jahre Astrologie vor dem inneren Auge vorbei. Ein Meisterstück heutiger Orgelkunst. (Wergo 6736-2)

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