Die Klangregie macht erst die Musik

21. Tonmeistertagung vom 24. bis zum 27. November 2000 in Hannover


(nmz) -

Tonmeister, das sind Menschen, die von Berufs wegen zwischen den Stühlen sitzen, auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Technik, zwischen Kreativität und DIN-Normen. Alle zwei Jahre lädt der Verband Deutscher Tonmeister (VDT) dazu ein, aktuelle Forschungen und Entwicklungen rund um den guten Ton zu präsentieren und zu diskutieren. Vom 24. bis 27. November 2000 traf man sich diesmal in Hannover zur 21. Tonmeistertagung.

Ein Artikel von Antje Grajetzki

Tonmeister, das sind Menschen, die von Berufs wegen zwischen den Stühlen sitzen, auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Technik, zwischen Kreativität und DIN-Normen. Alle zwei Jahre lädt der Verband Deutscher Tonmeister (VDT) dazu ein, aktuelle Forschungen und Entwicklungen rund um den guten Ton zu präsentieren und zu diskutieren. Vom 24. bis 27. November 2000 traf man sich diesmal in Hannover zur 21. Tonmeistertagung.Und es gab Grund zum Feiern: Der Berufsverband wurde vor 50 Jahren gegründet. Aus diesem Anlass war eine Ausstellung mit Exponaten aus fünfzig Jahren audiotechnischer Entwicklung am Rande der Tagung zu besichtigen. Darin waren Schätze ausgestellt wie die Vierspur-Bandmaschine, auf der das legendäre Beatles-Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” produziert wurde, oder das Mikrofon, über das Elvis sein „Muss i denn zum Städtele hinaus“ in den Äther schickte.

Auch in den Vortragsreihen machte sich das Jubiläum bemerkbar. Immer wieder wurde bilanziert, denn audiotechnische Revolutionen sind gegenwärtig nicht in Sicht. Vornehmstes Ziel ist die Wahrung der erreichten Klangqualität. Eng verbunden ist dieses Anliegen mit einer sinnvollen Zusammenarbeit zwischen Forschung, Geräteindustrie und den Tonträgerherstellern. Gleichzeitig sind diese Gruppen die tragenden Säulen der Tonmeistertagung: auf der einen Seite die wissenschaftlichen Vortragsreihen mit gut hundert Einzelbeiträgen an vier Tagen, auf der anderen Seite die Messe mit 450 Firmen auf 8.000 Quadratmetern. Die wachsende Zahl der Aussteller war auch der Grund für den Umzug von Karlsruhe nach Hannover. Schließlich ist man bei der Ausrichtung einer so umfangreichen Tagung mit gut 4000 Teilnehmern auf die Industrie angewiesen.

Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Beiträge standen, neben den klassischen Themen rund um die Tonaufnahme, Speicherung und Wiedergabe, neuere Entwicklungen wie die Surround-Technik, virtuelle Akustik und audiotechnische Aspekte des Internets. So versammelte ein Roundtable zum Thema „Multimedia – Chance oder Bedrohung des Rundfunks“ durchaus kontroverse Argumentationen zum Zusammenspiel von Rundfunk und Internet.
Neu ist, dass im Bereich des Internets Impulse vielfach von Branchenfremden ausgehen und somit die Tonqualität nicht zwangsläufig im Vordergrund steht. So diagnostizierte Tonmeister Peter Burkowitz in seinem Vortrag „Der Ton, das Stiefkind der Medien“ einen Richtungswechsel in der audiotechnischen Entwicklung. Erstmals in der Geschichte der Audiotechnik werde die Klangqualität durch Datenreduktion eingeschränkt. Er bezeichnete dieses Verfahren ironisch als „produktgerecht optimierten“ Sound. Diese Kritik ist vor dem Hintergrund einer Entwicklung zu verstehen, deren Ziel immer die Verbesserung der Klangqualität war. Selbst wenn die Zukunft unendliche Speicherkapazitäten bereithielte, also multimediale Anwendungen mit dem erreichten Standard der Tonqualität möglich wären, wird mit der Anwendung der Datenreduktion ein neuer Maßstab gesetzt, der gegenwärtig mit einem Niveauverlust der Hörerfahrung verbunden ist.

Nicht zu unterschätzen ist die Leistung des Rundfunks bei der Erschließung neuen Repertoires. So stand die Wahrnehmung des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags gleich in der Begrüßungsansprache des Präsidenten des VDT Günter Griewisch in der Schusslinie der Kritik. Die Verantwortlichen sollten sich wieder mehr der zentralen Aufgabe widmen, „kulturelle Leistungsträger zu sein, endlich wieder Geld für Künstler ausgeben und Personal einstellen, das direkt im Dienst dieser Kunstförderung steht, beispielsweise Tonmeister“.

Mit der Verortung des Tonmeisters im Produktions- und Reproduktionsprozess von Musik beschäftigte sich eine eigene Vortragsreihe unter dem Titel „Klanggestaltung“. Hier standen inhaltliche Aspekte des Berufs, der vielfach als Berufung gedeutet wird, im Vordergrund. Der Bogen spannte sich von Reflexionen über Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ über die Klangestaltung in der Popmusik, neue Klangsyntheseverfahren wie das Physical Modeling bis zur Klangregie bei live-elektronischer Musik. Nicht nur in diesem Rahmen ist Elektroakustische Musik ein Nischenthema. Vielerorts wird von einer Krise dieser zeitgenössischen musikalischen Strömung und nicht zuletzt der Studios für Elektronische Musik gesprochen. Aktuelles Beispiel ist der bevorstehende Umzug des WDR-Studios für Elektronische Musik in eine ungewisse Zukunft. Jedoch dürften sich aus den Forschungen im Bereich der virtuellen Akustik neue Gestaltungsmöglichkeiten und kompositorische Perspektiven ergeben.

Mit dem Instrumentarium der virtuellen Akustik können Menschen in beliebige auditive Scheinwelten, zum Beispiel einen Konzertsaal, ein Studio oder ein Auto, versetzt werden. Der Begriff Scheinwelt meint in diesem Zusammenhang lediglich, dass man sich realiter an einem anderen Ort, zum Beispiel im Wohnzimmer, befindet, an dem dann eine als natürlich empfundene, also unserer Hörwahrnehmung bekannte Umgebung, simuliert wird. Sehr eindrucksvoll war in diesem Zusammenhang die Präsentation der an der Universität Delft entwickelten Schallfeldsynthese. Ein Ausschnitt des Concertgebouw in Amsterdam war akustisch vermessen worden. Diese Messergebnisse werden dann sozusagen der Musik hinzugemischt. So ist es möglich, den Hörer zu Hause an bestimmte Plätze im Konzertsaal zu versetzen oder auch die Instrumente an verschiedene Orte im Raum zu projizieren. Zur Wiedergabe wird in Ohrhöhe eine Leiste mit Lautsprechern entlang der Wände gezogen. Das Ergebnis ist ein überzeugendes räumliches Hörerlebnis. Auch mit Visionen wie ganzen Klangtapeten wird schon experimentiert. Vielleicht wird man bei der Renovierung einer Wohnung zukünftig nicht nur über die Wandfarbe, sondern auch über die Klangfarbe des Raumes nachdenken können. Bislang werden die Techniken virtueller Akustik genutzt, um zum Beispiel bei der Planung neuer Konzertsäle vorher in die Akustik hineinzuhören. Auch eine Dokumentation nicht ständig bestehender Räume ist denkbar. Ein zeitlich begrenzter Bau wie etwa das EXPO-Konzerthaus könnte akustisch dokumentiert werden, so dass nachträglich simuliert werden könnte wie Musikaufführungen dort geklungen haben. Besonders die Elektroakustische Musik hätte mit diesen Techniken endlich ein adäquates Gestaltungsmittel für Raumklangkompositionen zur Hand. Jedoch stecken diese Forschungen noch in den Anfängen, so dass an eine Nutzung im Heimbereich noch lange nicht zu denken ist.
Insgesamt bot die 21. Tonmeistertagung eine Präsentation des aktuellen Forschungsstandes in den einzelnen Bereichen der elektroakustischen Technik. Wirkliche Neuerungen oder einschneidende Impulse waren nicht zu verzeichnen. Auch die Messe war mehr ein Forum für das Gespräch mit den Herstellern als ein Schauplatz der Neuigkeiten. Trotz einiger Kontroversen zur Perspektive neuer Techniken waren sich in einem Punkt alle einig: Hören heißt Lebensqualität.

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