Die Kraft liegt in der Vielfalt und in den Spielräumen

Qualitätskriterien können auch abschrecken: Ingrid Allwardt, Geschäftsführerin des „netzwerk junge ohren“ im Gespräch


(nmz) -
Erst kürzlich hat das „netzwerk junge ohren“ (njo) sein ursprüngliches Domizil in den Räumen der Landesmusikakademie Berlin zugunsten eines zentraleren Büros in der Berliner Grünstraße verlassen. Ist das njo nach zwei Jahren auch im Zentrum der Musikvermittler-Szene angekommen? Juan Martin Koch sprach mit der Geschäftsführerin des Netzwerks Ingrid Allwardt.
Ein Artikel von Ingrid Allwardt, Juan Martin Koch

neue musikzeitung: Im Mai 2007 wurde der Verein „netzwerk junge ohren“ gegründet, seit Herbst desselben Jahres sind Sie dabei. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz nach den ersten beiden Jahren aus?

Ingrid Allwardt: Nach der Vereinsgründung des „netzwerk junge ohren“ hat es etwa ein halbes Jahr gedauert, bis wir die Geschäftsstelle in Berlin eröffnen konnten. Die operative Arbeit hat genau genommen erst im April 2008 begonnen. Wir wurden mit verschiedenen Aufgabenfeldern betraut, beispielsweise der Einrichtung einer Präsenzbibliothek oder der Veranstaltung von Kongressen. Im operativen Geschäft hat sich unser Aufgabengebiet dann durch eine starke Orientierung an der Szene verschoben. So hat sich gezeigt, dass wir zum Beispiel nicht als Hauptveranstalter von Symposien auftreten, sondern als Kooperationspartner. Außerdem haben wir unser Internetportal aufgebaut und mit einem Relaunch nun auch neu strukturiert. Wir sind aber nicht nur das Internetnetzwerk, sondern arbeiten verstärkt als Beratungs- und Informationsanlaufstelle.

nmz: Sie haben also Ihren Schwerpunkt in eine Richtung verlagert, die von den Aufgaben, die bei der Gründung des Vereins in der Satzung festgelegt wurden, abweicht?

Allwardt: Die Satzung des Vereins sieht ein breites Spektrum an Aufgabenfeldern vor. Bei der sukzessiven Umsetzung dieses Portfolios gilt es, die Kundschaft – unsere potenziellen Teilnehmer – im Blick zu behalten und in der Realisierung flexibel zu reagieren. Das bedeutet mitunter auch von Ursprungsideen abzuweichen – oder sie zu einem späteren Zeitpunkt zu realisieren. Nicht zuletzt geht dies auch mit personellen und finanziellen Möglichkeiten zusammen. Unser Fokus richtet sich immer auf die Frage, was die Szene eigentlich als nächstes braucht. Braucht sie wirklich einen zusätzlichen Kongress oder wäre das nicht eher eine Eitelkeit, um sich als Veranstalter zu positionieren? Ist es nicht sinnvoller, Informationen zu bündeln und mit Inhalten den unterschiedlichen Kongressen etwas Neues hinzuzufügen, sie dann der Szene zur Verfügung zu stellen und Innovationen durch Impulse aus einer anderen Perspektive zu fördern?

nmz: Und das Hauptmedium dafür ist die Webseite?

Allwardt: Nicht allein. Es ist das Medium, das man am schnellsten und überall sehen kann. Es zeigt sich aber auf den Kongressen und Musikwettbewerben sowie im Tagesgeschäft, dass unser Büro mit den jeweiligen Ansprechpartnern immer wichtiger wird und als Anlaufstelle genutzt wird.

nmz: Können Sie dazu praktische Beispiele nennen? Wer sind die Anrufer und welche Informationen werden verlangt?

Allwardt: Auch hier ist das Spektrum sehr weit: Es reicht vom Orchestermusiker über den Komponisten, den freien Musikvermittler, Studenten bis zu Organisatoren von Konzertreihen, die beispielsweise wissen wollen, mit welchen Mitteln sie etwa eine bestimmte Altersgruppe ansprechen können. Außerdem sind es oft Lehrer auf der Suche nach Informationen – interessanterweise nicht nur Musiklehrer. Die Anfragen von Veranstaltern oder von der Presse, die unsere Einschätzung zu neuen Projekten wissen wollen, steigen. In anderen Fällen übernehmen wir sozusagen die Rolle einer Zwischenmoderation. So werden beispielsweise Projekte oder Konzepte mit ihren Entwicklern transferiert, wie etwa das Baseler Projekt „Die Windrose“ oder auch die „Kinderorgel“ aus Stuttgart. Wir bringen Leute, die vorher vielleicht nur voneinander gehört hatten, konkret zusammen.

nmz: Wenn Sie sagen „wir“, sprechen Sie von Ihrem Team. Wie viele Mitarbeiter haben Sie und wie sind die Aufgaben verteilt?

Allwardt: Insgesamt sind wir zu dritt. Wir haben eine Buchhalterin und als Ansprechpartner stehen wir zu zweit zur Verfügung. Außerdem haben wir zurzeit eine Aushilfskraft, die sich zweimal in der Woche unter anderem um die Pflege der Teilnehmerdaten und den Online-Kalender kümmert.

nmz: Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Bewegen Sie sich mittlerweile in sicherem Fahrwasser?

Allwardt: Die Anschubfinanzierung kam von der GVL, durch die der Start überhaupt erst möglich wurde. Außerdem haben wir einen Trägerkreis aus unterschiedlich finanzstarken Mitgliedern, der uns natürlich unterstützt. Als Kapital zähle ich dabei nicht nur Finanzen, sondern auch Netzwerke und Kommunikationswege, die uns seitens der Träger zur Verfügung gestellt werden. In der Finanzierung ist momentan die DOV eine starke Säule, die aufgrund ihres eigenen Auftrages darin Verantwortungsbewusstsein für unsere Kulturlandschaft und deren Erhalt zeigt. Signale, die uns künftig eine Planungssicherheit geben, sind vom Bund gesetzt. Bis diese Förderung konkret wird, müssen wir zwar weiter die bisherigen Träger in die Verantwortung nehmen, aber es könnte sein, dass wir schon ab dem nächsten Frühjahr Bundeszuschüsse erhalten. Diese Projektmittel würden eine Erweiterung des Netzwerkes mit sich bringen und wir könnten Schwerpunkte aus unserem bestehenden Programm, etwa den „junge ohren preis“, weiterentwickeln.

nmz: Sie unterscheiden ja Mitglieder und Teilnehmer: die Mitglieder, die gleichzeitig Träger sind und einen höheren Betrag zahlen, und die Teilnehmer, bestehend aus Einzelpersonen, Institutionen oder Orchestern, die ganz einfach das Netzwerk nutzen wollen und es so lebendig machen. Derzeit sind das etwa 120. Es fällt auf, dass davon nur knapp 12 deutsche öffentlich geförderte Orchester sind. Woran liegt das?

Allwardt: Hier kann ich nur spekulieren. Eine Vermutung ist, dass das netzwerk junge ohren gerade in der Anfangsphase als Projekt der Orchestergewerkschaft wahrgenommen und mit einer gewissen Skepsis betrachtet wurde. Es hat eine Zeit gedauert, diese Annahme aus der Welt zu schaffen. Ein strukturelles Problem ist darüber hinaus, dass die inhaltlichen Ansprechpartner einer Institution, die sofort beitreten würden, keine finanzielle Entscheidungsbefugnis haben. Der Weg zum Beitritt ist bei Institutionen mit einer komplizierten Struktur einfach länger. Es hat auch eine bestimmte Zeit gedauert, bis unsere Arbeit öffentlich sichtbar wurde und viele wollten wohl auch abwarten, wie sich alles entwickelt. Interessant, wenn auch nicht verwunderlich, ist die Beobachtung, dass Akteure aus der freien Szene oft viel schneller dabei sind als größere Institutionen, die öffentlich gefördert werden. Andererseits haben sich hochkarätige Institutionen wie das Beethovenfest, die Münchner Philharmoniker, Zukunft@BPhil oder das Gewandhaus Leipzig, um nur einige zu nennen, innerhalb kürzester Zeit angemeldet, ohne sofort Fragen nach dem direkten Nutzen zu stellen.

nmz: Wie viele potenzielle Teilnehmer gibt es?

Allwardt: Die Anzahl ist endlich, aber doch größer als wir anfangs dachten. Es gibt nicht nur Orchester und Hochschulen, die sich für uns interessieren, sondern es tauchen auch neue Interessenten auf, an die wir vorher noch gar nicht gedacht hatten, zum Beispiel Architekten und Städteplaner.

nmz: Haben Sie sich, was die Zahl der Teilnehmer angeht, ein konkretes Ziel gesetzt?

Allwardt: Wir denken weniger in Zahlen als in verschiedenen Zielgruppen, und so wünschen wir dem Netz nicht nur eine Vielzahl, sondern auch eine Vielfalt von Teilnehmern. Die Ansprache der Teilnehmer entwickelt sich immer im Zusammenhang mit unseren Angeboten. In den nächsten beiden Jahren soll eine Datenbank entstehen, die Konzertpädagogen als Programmhilfe dienen kann. Sie soll die Suche nach Werken erleichtern, die nach bestimmten Schlagwörtern zu Themen wie „Tiere“ oder „Stadt“ und nach Besetzungen geordnet zu finden sind. Veranstalter, die ein Konzert zu einem bestimmten Thema gemacht haben, können dort ihr Konzertprogramm einspeisen. Diese Daten können dann von anderen, die eine ähnliche Veranstaltung planen, eingesehen werden. Wenn wir diese Materialdatenbank mit Partnern aus dem Verlagswesen entwickelt haben, können wir Orchester und Konzertveranstalter noch ganz anders ansprechen. Interessant ist, dass sich auch vermehrt Hochschulen an uns wenden. Federführend ist dabei die Hochschule für Musik in Detmold, die für uns von Anfang an ein wichtiger Gesprächspartner war und deren Absolventen und Studierende bereits lebhafte Teilnehmer sind, aber auch Frankfurt und Hamburg sind inzwischen als Gestalter enger angebunden. Beim Verlagswesen geht die Entwicklung gemeinsamer Nutznießerschaften noch etwas schleppender voran.

nmz: Sie haben vor einigen Monaten einen Newsletter für die Teilnehmer eingerichtet, in dem Neuigkeiten aus der Szene, Konzerte und andere Veranstaltungen angekündigt und außerdem neue Teilnehmer begrüßt wurden. War das von Anfang an geplant oder wurde das von den Teilnehmern eingefordert?

Allwardt: Das war zwar von vornherein geplant, es galt jedoch den passenden Modus zu finden. Die Fülle von Newslettern hat uns zunächst zurückgehalten, und wir sind davon ausgegangen, dass sich Teilnehmer ihre Informationen selbst gezielter suchen. Gespräche haben uns dann eines Besseren belehrt: Einmal im Monat wird unser Newsletter jetzt an alle Teilnehmer und in zugeschnittener Form auch an die Presse und weitere Interessenten geschickt.

nmz: Laut Satzung gibt es Mitgliederversammlungen, bei denen auch die Teilnehmer eingeladen werden, aber kein Mitspracherecht haben. Welche Möglichkeiten haben Teilnehmer eigentlich im Netzwerk?

Allwardt: Grundsätzlich rufen wir unsere Teilnehmer dazu auf, Vorschläge oder Wünsche einzubringen, über die wir dann in der Versammlung diskutieren können. Praktisch stellt sich diese Notwendigkeit nicht, da es das Kennzeichen des Netzwerks ist, direkt ansprechbar zu sein und Umsetzungsmöglichkeiten sofort und lösungsorientiert zu finden. Das heißt: Wer viel von uns fordert, bekommt auch viel. Wie ihn das Netzwerk unterstützt, sieht der Teilnehmer auch an der Umsetzung seiner eigenen Ideen und Wünsche.

nmz: Der „junge ohren preis“ hat sich, was die Anmeldezahlen betrifft, gut entwickelt. Wie könnte man diesen Preis dazu nutzen, mit den empfehlenswerten Konzerten mehr Leute anzusprechen?

Allwardt: Wir haben damit begonnen, die Gruppen an andere Orte weiterzuvermitteln und die ausgezeichneten Projekte damit sozusagen auf Reisen zu schicken. Dies zu erweitern, vielleicht auch in Form eines Festivals, ist zwar jetzt noch Zukunftsmusik, aber sicher etwas, was wir im Zusammenhang mit einer Erweiterung des „junge ohren preises“ angehen werden. Mit der Preisverleihung in Berlin hatten wir erstmals eine eigene Veranstaltung, bei der Leute von überallher zusammenkamen und das Ereignis als willkommenen Anlass genommen haben, Einblicke in die Projekte zu nehmen. Uns liegt sehr viel daran, das weiter auszubauen.

nmz: Was tut sich inhaltlich in der Szene? Gibt es bestimmte Modelle, die sich durchsetzen, beispielsweise das englische Konzertmodell? Welche Tendenzen gibt es?

Allwardt: Es gibt eigentlich Tendenzen in alle Richtungen. Wichtig ist, die Frage der Qualität immer wieder zu stellen. Ob sie mit der Entwicklung eines Kriterienkatalogs dann aber zu beantworten ist, stelle ich derzeit in Frage. Kann man Qualität kategorisieren? Wer bestimmt, was gut und weniger gut ist? Mein Eindruck ist, dass die Kraft in der Vielfalt liegt und die Bereitstellung von kreativen Spielräumen das ist, was der Szene gut tut.

nmz: Das ist aber der Stand, den man vor zehn Jahren hatte, als das Thema erstmals stärker ins Bewusstsein getreten ist. Verträgt die Szene noch immer keine Qualitätsdiskussion?

Allwardt: Die Fachszene verträgt die Diskussion schon, die Frage ist nur, mit welcher Perspektive und gesellschaftlicher Relevanz sie geführt wird. Es geht dabei um das aufmerksame Beobachten, nicht ums Abwarten. Es kann nicht im Interesse eines Netzwerkes, das Leute zusammenbringen will, sein, Qualitätskriterien aufzustellen, von denen sich Teilnehmer oder potenzielle Teilnehmer abgeschreckt fühlen könnten. Man muss bei Projekten immer im Auge behalten, welches Ziel es selbst verfolgt und an welche Altersgruppen oder soziale Kontexte es sich richtet. Die Antworten sind so unterschiedlich, dass ich es für schwierig halte, an unterschiedlich ausgerichtete Projekte gleiche Qualitätsanforderungen zu stellen. Kürzlich gab es eine Diskussion zu dem Thema in der Stiftung Mozarteum in Salzburg. Hier bestand der Wunsch, einen Kriterienkatalog zu entwickeln. Möglicher Nutzen auf der einen Seite birgt auf der anderen Seite die Gefahr, die Entscheidung über die Qualitätsbestimmung einem Katalog zu überlassen, der Punkt für Punkt durchzuarbeiten wäre und Punkte der Auseinandersetzung verschiebt.

nmz: Von der Idee eines Qualitätszertifikats, von der DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens vor der Entstehung des Netzwerkes sprach, sind Sie also abgerückt?

Allwardt: Nicht komplett. Allein, wenn man einen Preis vergibt, muss man Projekte vergleichen und bewerten. Die Frage ist aber immer wieder erneut zu stellen, aus welcher Perspektive das Zertifikat vergeben wird.

Die Bewerbungsfrist für den „junge ohren preis 2009“ läuft noch bis 15. September.

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