Die schönste Oper ist die Intendantensuche

Einige Anmerkungen zur Gattung und ihrem Betrieb ·


(nmz) -

Seit ihrer Erfindung verspürt die Oper das Bedürfnis, außer dem musikalisch begleiteten Erzählen von dramatischen Handlungen und Menschenschicksalen auch über sich selbst nachzudenken. Das begann schon mit ihrer Geburt, als einige Florentiner Musiker überlegten, wie man die antike Tragödie in Stil und Tonfall reaktivieren könnte. Das Ergebnis war: eben eine Oper – Peris „Daphne“ oder danach Monteverdis „Orfeo“, nur als Beispiele. Später hat dann Gluck mit seinen Reformopern intensiv über das Verhältnis von Wort und Ton nachgedacht, und Wagner schuf mit seinen Visionen das Gesamtkunstwerk Oper, das er als Musikdrama klassifizierte. Liebenswerte, intelligente Nachspiele zum Thema lieferte dann noch Richard Strauss mit den Autoren Hugo von Hofmannsthal und Clemens Krauss: „Ariadne auf Naxos“ und „Capriccio“ personifizierten die Diskussion über Wort, Ton, Theater und Musik mit wunderbar erfundenen Figuren, die das ästhetische Quidproquo virtuos in Gesang, Deklamation, Tanz und Bewegung übersetzten.

Ein Artikel von Gerhard Rohde

In unseren heutigen Zeiten wird zwar oft ebenso heftig über „die Oper“ debattiert, dabei dreht es sich aber kaum noch um ästhetische Fragen, vielmehr recht profan um den „Opern-Betrieb“. Ist er zu teuer? Kommt noch genug Publikum? Wie hoch sind die Kasseneinnahmen? Wann erhöht der Staat (die Kommune) endlich die Subventionen? Gibt es Sponsoren? Wie wird der nächste Intendant heißen? Wie der Musikchef? Auf welchen medienwirksamen Star darf man sich freuen? Und – ganz wichtig: Zeichnet das Fernsehen etwas auf? Wird es eine DVD geben?

Auf diese Fragen gibt es derzeit einige signifikante Antworten. Das anschaulichste Bild bietet natürlich wieder einmal die Opernstadt Wien. Ein neuer Direktor für die Staatsoper muss gefunden werden. Der „alte“ (Ioan Holender) hat, nicht ohne Ingrimm, erklärt, dass er nach Ablauf seines bereits mehrfach verlängerten Vertrages nicht mehr zur Verfügung stünde. Die Gerüchteküche dampft deshalb mächtig, das Karussell der Namen und Personen läuft auf Hochtouren.

Der neue Bundeskanzler hat, obwohl zu der Zeit noch gar nicht gewählt, einem Tenor Avancen auf den Direktorensessel gemacht. Immerhin soll er auch mit dem deutschen Dirigenten Christian Thielemann gesprochen haben, mit dem die Wiener Philharmoniker gerade eine umjubelte Tournee absolvierten, die sie auch nach Paris führte. Dort traf man auch den Direktor des Champs-Élysées-Theaters, Dominique Meyer, den man sich als Direktionspartner von Thielemann vorstellen könnte. Thielemann und die „Wiener“ schwärmen gegenseitig vom jeweils anderen in höchsten Tönen. Im übrigen denken die Philharmoniker wieder einmal über einen Ausstieg aus ihrem Staatsopernvertrag nach, weil die angemessene Honorierung ihrer Arbeit zu wünschen übrig und auf sich warten lässt. Parallel dazu möchte die neue Kulturministerin am liebsten eine Frau auf den Direktorenthron setzen. Man sieht, es geht rund, und aus unserer Sicht möchte man zu allem nur sagen, dass Thielemann sich früher schon in Nürnberg und dann an der Berliner Deutschen Oper als Generalmusikdirektor nicht gerade mit Ruhm bedeckt hat. Zur alltäglichen Kärrnerarbeit an einem Opernhaus, die sich im Fall Wien vor allem auf die Wiederherstellung des inzwischen arg nivellierten musikalischen Niveaus im Repertoirebetrieb zu konzentrierten hätte, dürfte der Dirigent kaum große Neigung verspüren. Immerhin wäre ein Operndirektor Thielemann noch vorstellbarer als die absurde Tenor-Besetzung des österreichischen Bundeskanzlers.

Für die Beziehungen zwischen Oper und Fernsehen liefert New Yorks Metropolitan Opera die bereits konkret gewordene Utopie: Der neue Met-Chef Peter Gelb lässt seine Opernpremieren in Dutzende amerikanischer Kinos übertragen, gegen Eintrittsgeld natürlich. Dabei kommt ein hübsches Sümmchen zusammen. Soeben hat sich auch München dieser neuen Marketingstrategie angeschlossen: In einem Kino war die Premiere von Rossinis „Barbier von Sevilla“ zu erleben, live sogar und abends, denn die Leute in New York waren so generös, ihre Vorstellung schon am frühen Nachmittag beginnen zu lassen. Da muss man wohl dankbar sein.

Dass solche Vermarktung und Vermassung von Opernaufführungen ästhetische Experimente, sei es mit dem Werk selbst, sei es mit einer unkonventionellen Inszenierung, wohl weitgehend ausschließt, liegt nahe. Nun ist ja die Met bekanntlich bei guten musikalischen Standards kein risikofreudiges Haus: Was szenisch geschieht ist eher bieder, was wiederum dem Kunstverständnis von Fernseh- und Kino-Kunstverwertern entgegenkommt, die vorwiegend an Einschaltquoten denken. Von den szenisch und musikalisch wegweisenden Aufführungen der legendären Frankfurter Gielen-Ära existiert angeblich und durchaus verständlich keine Aufzeichnung durch mediale Partner. Für intellektuelle Höhenflüge besteht in den Anstalten in der Regel wenig Bedarf, zumindest nicht bei Opern.Um nicht missverstanden zu werden: Ein Opernhaus muss heute mehr denn je auch an seine ökonomische Basis denken, an die Vermittlung seiner Aufführungen an ein neues, an ein junges Publikum. Das geschieht ja auch oft beispielhaft. Aber das darf nicht bedeuten, dass man seine ästhetischen und inhaltlichen Positionen aufgibt. Die Stuttgarter Oper unter Klaus Zehelein hat fünfzehn Jahre demonstriert, was das heißt: den komplexen und höchst differenzierten Gegenstand „Oper“ mit hohem Bewusstsein, Intelligenz und zugleich theatralisch-sinnlich einem neugierigen Publikum zu vermitteln, zu zeigen, wie viel so verstandene Operndarstellung mit unserer gegenwärtigen Existenz zu tun hat.

Von diesem Anspruch, den die Oper immer noch und immer wieder zu stellen vermag, ist man allerdings in Wien und auch auf manch anderen größeren Opern-Dampfern weit entfernt. Ein Tenor wird das kaum ändern. Ein Nachwort zu Wien: Als seinerzeit in Frankfurt die glanzvolle Dohnànyi-Ära endete, war innerhalb von vierzehn Tagen der Vertrag mit Michael Gielen geschlossen. Kulturdezernent Hilmar Hoffmann hatte sich kurz mit einigen Fachleuten besprochen und sich dann schnell entschieden. So und nur so funktioniert eine adäquate Besetzung wichtiger Posten in der Kultur. Man muss natürlich etwas Sachverstand und politische Entschlusskraft besitzen.

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