Doppelte Beredsamkeit

Luciano Berios „Stanze“ posthum in Paris uraufgeführt


(nmz) -

Augenblicke der Stille, der inneren Bewegtheit im Théatre Mogador: Der Dirigent Christoph Eschenbach und das Orchestre de Paris hatten soeben die letzte Komposition Luciano Berios uraufgeführt: „Stanze“ für Bariton, drei Männerchöre und großes Orchester, komponiert in den Jahren 2002 und 2003 im Auftrag des Orchestre de Paris. Im Mai 2003 starb der Komponist, sein Werk konnte er nur mit dem inneren Ohr erfahren. Berio widmete es dem Architekten und Freund Renzo Piano. „Stanze“ bedeutet im Italienischen nicht nur eine Strophenform, sondern auch „Wohnraum“ in überhöhender Bedeutung: ein besonderer, gleichsam magischer Raum, in dem sich poetische Gedanken versammeln. Durch Fenster und Türen dringen die Gedanken und Phantasien in das Haus und dessen viele Räume ein. Und die Schöpfer dieser Poesien heißen hier Paul Celan, Giorgio Caproni, Edoardo Sanguineti, Alfred Brendel und Dan Pagis.

Ein Artikel von Gerhard Rohde

Im Haus und dessen Räumen empfängt sie der Komponist Luciano Berio: mit einem großen Orchester, einem wunderbaren Sänger und drei stattlichen Chören, nur Herren, in dunkelblauen Marineuniformen (es ist der Chor der französischen Armee). Berios Musik öffnet sich sensibel den Texten, ergreift deren Gedanken und Empfindungen, zieht sie unmerklich in ihre fein ausgehörten Klänge hinein, verwandelt die Worte in Musik, gibt ihnen so eine doppelte Beredsamkeit. Paul Celans „Tenebrae“ steht am ergreifenden Beginn, ein ganz nach innen gerichtetes Lamento von großer Ausdrucksintensität. Giorgio Capronis „Congedo del Viaggiatore“ ist eine lichtvolle Metapher des Todes: rhythmische Figurationen evozieren die Vorstellung der „Reise“ in ein fernes Land. „Addio“ heißt es am Schluss: „Ich steige hinab, und gutes Weiterleben“. Das besitzt eine fein ziselierte Ironie, auch in der Musik.

Im Mittelpunkt der fünfteiligen „Stanze“ findet sich der Text Edoardo Sanguinetis, eine Art mythologischer Reflexion in Kürzelsprache über Gott und Mensch, zu der Berio eine schwebende Musik von großem Kontrastreichtum komponierte. Alfred Brendels Text in englischer Sprache bringt in raffiniert ironisierender Manier den Heiligen Geist und die „Tritsch-Tratsch“-Polka des Walzerkönigs zusammen, und Berio findet dafür den passenden musikalischen Gestus. Den Bogen zu Celans „Tenebrae“ schlägt dann Dan Pagis’ „Die Schlacht“, das schmerzende Entsetzen über die Toten des Krieges. Berios Musik gewinnt hier eine bannende Ausdrucksmacht.

„Stanze“ ist Berios Vermächtnis, und in diesem Sinne musizierten Orchester, Chor und der Bariton Dietrich Henschel unter Christoph Eschenbachs sensibler und zugleich präzis formender Hand mit spürbarer innerer Hingabe.

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