Ehrfurcht, Übermut und Abgezocktheit

Mit NYO Jazz trat beim Berliner Festival Young Euro Classic erstmals eine Big Band auf


(nmz) -
Premiere beim mittlerweile schon traditionsreichen Jugendorchester-Festival Young Euro Classic in Berlin: Erstmals war mit NYO Jazz eine junge Big Band ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt geladen worden. Ein Ausflug in stilistisches Neuland, der sich gewaschen hatte …
Ein Artikel von Juan Martin Koch

In der ARTE-Mediathek kann man es nach einer guten Stunde noch einmal genießen: Da hatte Kevin Oliver Jr. gerade ein wunderbares „Isfahan“ geblasen und den Ellington-Strayhorn-Klassiker mit feinstem Timing auf den Punkt gebracht, da erlaubte sich der den ganzen Abend schon vor Spielfreude berstende Domo Branch am Schlagzeug einen köstlichen Schalk: In den Break vor der letzten Reprise des herrlichen Saxophon-Themas ließ er scheinbar beiläufig einen kleinen Becken-Akzent hineintropfen und brachte seinen Kollegen entsprechend aus dem Konzept. So mischte sich in die Ergriffenheit des Solisten und seiner sichtlich mitfiebernden Kollegen eine gute Portion Spaß – keine schlechte Mischung für ein solches Konzert.

NYO Jazz ist ein brandneues Ensemble der Carnegie Hall, die sich nach der Gründung zweier Jugendorchester (2013 und 2016) nun auch auf höchstem Niveau der Förderung des Jazznachwuchses in den Vereinigten Staaten widmet. Auf der Basis eines Stipendiums waren erst im Juli Musikerinnen und Musiker zwischen 16 und 19 Jahren aus dem ganzen Land zu einer intensiven Probenphase mit erstklassigen Instrumentalcoaches zusammengekommen und beendeten nun ihre Europa-Tour in Berlin mit einer sympathischen Mischung aus Ehrfurcht, Übermut und Abgezocktheit.

Die erste Konzerthälfte war schon ausgezeichnet gewesen, hatte mit einem nicht restlos überzeugenden Arrangement von Wayne Shorters „Speak no evil“ und der etwas sportiven Auftragskomposition Miguel Zénons („Run with Jones“ für den Bandleader und Uptempo-Virtuosen an der Trompete Sean Jones) für das zweite Set aber auch noch ein wenig Luft nach oben gelassen.

Hier schien dann eine der Count-Basie-Erkennungsnummern („Shiny Stockings“ von Frank Foster) auf wunderbar swingende Weise die Fesseln endgültig zu lösen. Nach „Giant Steps“ und besagtem „Isfahan“ krönte dann die große Dianne Reeves den Abend mit ihrer vokalen Klasse, ihrem stilistischen Einfühlungsvermögen und ihrer Fähigkeit, den jungen Mitmusikern auf Augenhöhe zu begegnen. In „If I were a bell“ schoss sie ein lockeres Scat-Feuerwerk ab, in Michel Legrands „The windmills of your mind“ (tolles Arrangement von Peter Martin!) trat sie in einen energiegeladenen Austausch mit Matt Clarke am Bariton-Sax und gab mit „Make someone happy“ schließlich eine hinreißende Liebeserklärung an das sichtlich bewegte Ensemble ab.

Nach dieser Wärme und diesem Enthusiasmus sehnte man sich zwei Abende später wehmütig zurück, als das Youth Chamber Orchestra St. Petersburg einen recht professionellen, aber wenig mitreißenden Auftritt unter seinem sichtlich ambitionierten Dirigenten Migran Agadzhanyan ablieferte. Das Plädoyer für die sperrigen Totenlieder aus Dmitri Schostakowitschs 14. Symphonie fiel auch wegen der nur wenige Vokalfarben erzeugenden Solisten (Karina Flores und Felix Kudryavtsev) etwas halbherzig aus, das klassizistische, französisches Parfum verströmende Oboenkonzert Dowlet Ansarokows erwies sich als weitgehend vorhersehbar. Am Ende musste Peter Tschaikowskys Streicherserenade als Stimmungsaufheller herhalten, was immerhin ganz gut klappte.

Beachtlich, aber mit spürbarer Anstrengung hatte zuvor das Nationale Jugendorchester der Niederlande unter Antony Hermus die anspruchsvollen, aber selten die Prägnanz seines „Romeo und Julia“-Balletts erreichenden Suiten-Ausschnitte aus Sergei Prokofievs „Cinderella“ gemeistert. Dass man Willem Jeths „Mors Aeterna“ nahtlos in Brahms’ Vierte übergehen ließ, war dann noch der originellste Moment in dem etwas dürftigen neuen Stück.

Da waren Anders Hillborgs „Eleven Gates“ schon ein anderes Kaliber, von Ungdomssymfonikerne genussvoll und brillant serviert. Die jungen Norweger waren in sieben Liedern  Edvard Griegs überdies sensible Begleiter der ausgezeichneten Sopranis­tin Ann-Helen Moen, um dann in Carl Nielsens dritter Symphonie, ihrem Untertitel „Sinfonia espansiva“ gemäß, alle Zurückhaltung fahren zu lassen. Den exquisiten Vokalisenpart im zweiten Satz ließen Ann-Helen Moen und Havards Stensvold von der Empore neben der Orgel aus in den Saal verströmen. Magisch.


Weitere Konzerte bei Young Euro Classic hat unser Autor Albrecht Dümling besucht. Lesen Sie seinen Bericht unter www.nmz.de.

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