Ein Fest, ganz und gar nicht feierlich

Die Münchner Klang-Aktionen in ihrem vierzigsten Jahr


(nmz) -

Festivals für Neue Musik gibt es erfreulich viele in Deutschland. Doch steht hier in der Regel (konventionell besetzte) Orchester-, Ensemble- und Kammermusik im Mittelpunkt des Geschehens, auch wenn deutliche Tendenzen der Öffnung in Richtung auf musiktheatrale Formen, Klanginstallationen und neue Instrumentarien auszumachen sind. Man blicke etwa nach Donaueschingen, Witten oder Bremen. Eine Öffnung in diesem Sinne war bei den Klang-Aktionen eigentlich nie nötig. Als eine der langlebigsten Initiativen gehören sie auch zu den charaktervollsten Veranstaltungsreihen im Bereich der Neuen Musik.

Ein Artikel von Michael Zwenzner

Festivals für Neue Musik gibt es erfreulich viele in Deutschland. Doch steht hier in der Regel (konventionell besetzte) Orchester-, Ensemble- und Kammermusik im Mittelpunkt des Geschehens, auch wenn deutliche Tendenzen der Öffnung in Richtung auf musiktheatrale Formen, Klanginstallationen und neue Instrumentarien auszumachen sind. Man blicke etwa nach Donaueschingen, Witten oder Bremen. Eine Öffnung in diesem Sinne war bei den Klang-Aktionen eigentlich nie nötig. Als eine der langlebigsten Initiativen gehören sie auch zu den charaktervollsten Veranstaltungsreihen im Bereich der Neuen Musik.Nein, feierlich ging es nicht zu, während des Festivals „Klang-Aktionen ’00/Neue Musik München 1960–2000“. Und stünde da statt der „40“ eine „50“: Feiern, das bedeutete zu sehr ein Innehalten, womöglich gar verbunden mit nostalgischer Retrospektion. Das ist wiederum Josef Anton Riedls Sache ganz und gar nicht. Noch nie gewesen, seit er von Anbeginn dieser Reihe für Programme und Organisation verantwortlich zeichnet. Wenn hier also die Rede von Tradition sein soll, dann mit entsprechendem Vorbehalt. Sicherlich gibt es für die heutigen Avantgarden (jawohl, es gibt sie noch, wenn auch in der Mehrzahl!) wichtige historische Anknüpfungspunkte. Und diese waren im Rahmen der Klang-Aktionen mit einem wunderbaren Cage-Klavierabend von Herbert Henck und Werken von Scelsi, Ligeti und frühem Steve Reich wie immer auch in diesem Jahr präsent. Doch zentral ist für Riedls Programme immer der konsequente Blick nach vorne, verbunden mit der steten Suche nach und Förderung von jungen, unkonventionelle Wege beschreitenden Komponisten. Das Insistieren auf dem künstlerischen Experiment, das Festhalten an der Idee musikalischen Fortschritts, die Einbeziehung von Schülern in die Aufführung Neuer Musik, die Aufmerksamkeit für das Randständige, noch nicht allgemein Bewährte, führte im einen oder anderen Fall vielleicht tatsächlich zur Präsentation von Unausgegorenem. Da kann ein Experiment auch einmal umschlagen in eine für den Hörer kaum durchzuhaltende Anstrengung.

Zither und Karton

Ganz und gar unfeierlich also (sieht man einmal vom Vorwort des damaligen Kulturreferenten Julian Nida-Rümelin im Programmheft ab) war man einmal mehr dazu eingeladen, sich an sechs Abenden einzulassen auf erstaunliche Hör- und Sehabenteuer, die – wie es sich gehört – mit viel Vergnügen und auch einiger Anstrengung verbunden waren. Im Wesentlichen war alles präsent, was diese Konzertreihe in den vergangenen Jahren immer ausgemacht hat. So gab es Musik für ungewöhnliches Instrumentarium: E-Gitarre und Zither, Metronome und Kartons, geschweifte Tuba und Schlagzeug, pendelnde Mikrofone und Lautsprecher, Musik mit chemischen Tonrauschentladungen und Körperbewegungen, Spieldose und Uhrenticken, dazu Lautpoesie und Videoprojektion, Musik auf der Bühne wie auch im Film (an zwei Abenden wurden filmische Essays von Peider A. Defilla etwa zu den Komponisten Stache, Goebbels, Riedl, Kagel und Cage gezeigt). Das alles klingt zunächst eher disparat, wirkt in der Aufzählung geradezu materialistisch. Doch einerseits waren die Programme wie gewohnt äußerst schlüssig zusammengestellt, zum Teil raffiniert durchkonzipiert, so dass sich immer wieder faszinierende thematische Querbezüge oder untergründige Verwandtschaften zwischen Kompositionen unterschiedlichster Provenienz ergaben. Andererseits erschöpft sich der Einsatz des ungewöhnlichen Instrumentariums eben nie im materiellen Selbstzweck.

Mechanik bis Belcanto

Ein genauerer Blick auf das Programm des Festivals 2000 bringt einige kompositorische und besetzungstechnische Schwerpunkte zum Vorschein, die auch die einzelnen Konzerte untereinander in Verbindung brachten. Bemerkenswert auch die Tatsache, dass mit Lois V Vierk, Rebecca Saunders, Annette Schlünz und Magret Wolf junge Komponistinnen prominent vertreten waren. Zwei der Themen, die immer wieder berührt wurden, waren einerseits die Vorhersehbarkeit musikalischer Prozesse, andererseits die Frage nach musikalischem Ausdruck. Von einmal angestoßenen mechanischen Abläufen, wie in Ligetis „Poème symphonique“ für 100 Metronome (berauschend!) oder Steve Reichs „Pendulum Music“ (in einer enervierend lauten Realisation durch ein still vergnügtes Anschubs-Quartett) bis hin zum expressiven Belcanto in Magret Wolfs vielleicht etwas zu einfach gestricktem „Tchinah“ für Sopran, Viola und Basszither waren hier alle möglichen kompositorischen Standpunkte vertreten. In Dror Feilers uraufgeführten „Involuntary Notes“ für Piccolo, E-Gitarre und Schlagzeug etwa kippte die expressive Grundhaltung bald in pure Anstrengung um, mit welcher komplexe rhythmische Abläufe in Verbindung mit schier erzwungenem Tonmaterial zu koordinieren waren. Der Titel legt immerhin nahe, dass es sich dabei um einen durchaus erwünschten Effekt handelt. Gerhard Stäblers durch den italienischen Futurismus inspiriertes „futuressence 1“ für Posaune, Akkordeon und Schlagzeug wirkte durch extrem reduziertes Geschehen bei großer zeitlicher Ausdehnung ähnlich extrem. Doch wollte sich die Essenz dieses mehrfachen Wechsels zwischen kargem Linienspiel und rätselhaften Papierabreißaktionen nicht recht erschliessen. Lois V Vierks „Io“ für Flöte, Marimbaphon und E-Gitarre folgte einmal nicht der bei ihr bereits zum Markenzeichen gewordenen Steigerungsdramaturgie, sondern legte mit kleinen kanonischen Bildungen, Glissandopassagen und Hawaii-Effekten eher eine lyrische Gangart ein, dies vor dem Hintergrund minimalistischer, antiexpressiver Tendenzen. Rebecca Saunders wiederum verbindet in „Molly’s Song – Shades of Crimson“ rhythmisch sensibles, warm klingendes Instrumentalspiel von Altflöte, Viola und Gitarre mit den mechanischen Klängen von Radios und Spieldose und erzielt damit beim Hörer bezüglich des Ausdrucksgehalts der Musik eigenartige Irritationen.

Neues von Wolf und Wolff

Ähnlich sensibel ausgehörte, ausgesprochen zarte Musik wie Saunders boten Martin Smolkas „Eight pieces for guitar quartet“, deren auratische Darbietung durch das Ensemble Go Guitars zu einem der Höhepunkte des Festivals geriet. Das gerade im Gitarrenensemble rhythmisch unendlich heikle Zusammenspiel, die feinst ausgehörten mikrotonalen Verschiebungen und für Smolka typischen Hoketuspartien meisterten die vier Gitarristen mit Bravour. Überhaupt hatten die gezupften Saiteninstrumente ihren großen Auftritt. Neben der häufig vertretenen (E-)Gitarre war es die Zither, die besondere Aufmerksamkeit auf sich zog. Dies vor allem mit einer spannenden Uraufführung von Christian Wolff: Sein etwa viertelstündiges „Zither Spieler (1–5 Pieces)“ für das global gesehen kaum verbreitete Instrument Altzither war unter den Händen Georg Glasls ein weiterer Höhepunkt des Festivals. Entstanden ist ein für Wolff’sche Verhältnisse erstaunlich spielfreudiges Stück von großer struktureller Dichte, mit teils perkussiver Behandlung des Instruments und Tonbandzuspiel weiterer Zither-Parts. Im Bereich der Schlagzeugmusik hinterließen die Komponisten Michael Wertmüller und Peter Manfred Wolf – des letzteren „Rand-Erscheinung“ für Schlagquartett wurde uraufgeführt – einen eher schwachen, die Werke von Scelsi und Schlünz einen durchaus starken Eindruck.

Kämpfende Hände

Nicht unerwähnt bleiben darf der Leipziger Klangkünstler Erwin Stache, von dem gleich vier Arbeiten zum Teil erstmals präsentiert wurden. Seine meisterhaft selbst gebauten Musikinstrumente haben für sich genommen bereits großen Witz, doch das ist jeweils nur der Ausgangspunkt für spannende Klang-Aktionen: Ob das die mit Leuchtdioden versehenen überdimensionierten Dominosteine sind, deren Augenzahl gekoppelt mit live eingespielten Sprach- und Instrumentalsamples mittels kleiner Schwungräder verstellt werden kann (was zum Teil herrliches Kauderwelsch ergibt), oder verschieden große Kartons, welchen Stache zusammen mit seinem Kollegen Henry Schneider Luftdrucktöne entlockt, oder – in „Aktionen in der Schwebe“ – die an die Decke entschwebenden, mit ausgehender Luft langsam wieder herabsinkenden pfeifenden Ballons, oder das fliegende Akkordeon, sozusagen eine Pullman-Version des Instruments, das Teodoro Anzellotti dann in einem der folgenden Konzerte virtuos bediente…

Immer horcht und schaut man wie gebannt und stellt erstaunt fest, dass hässliche Geräusche einem plötzlich zum Schieflachen und kindlichen Vergnügen gereichen.

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