Ein Festival legt Klangspuren übers ganze Jahr

Zu den „Klangspuren“ Schwaz 2010: drei neue Stränge der Vermittlung zeitgenössischer Musik


(nmz) -
Seit einigen Jahren schon verfolgen die Tiroler „Klangspuren“ das Ziel, neben ihrem herbstlichen Festival für zeitgenössische Musik auch unterjährig im Kulturleben des österreichischen Bundeslandes mit einem vielfältigen Kulturprogramm präsent zu sein. Ein besonderes Augenmerk legt das Team um Maria-Luise Mayr dabei auf Aktivitäten, die der Vermittlung von Musik auf unterschiedliche Weise dienen. Gleich drei höchst erfolgreiche neue Projekte wurden 2010 diesem Ideen-Netzwerk hinzugefügt: das Lehrerfortbildungsprogramm „Klangspuren stufenlos“, das monatliche „Café Klang-spuren“ in Innsbruck und das Programm „Klangspuren Mobil“.
Ein Artikel von Heike Lies

Wie durchdacht mit der Kombination dieser neuen Bausteine das Gesamtziel verfolgt wird, sieht man, wenn man sich die bisherigen Projekte anschaut: Die  vierteljährlich erscheinende „Spuren  – Zeitung für Gegenwärtige“ widmet sich  spartenübergreifend auch kulturpolitischen Themen und unkonventionellen Hintergrundbetrachtungen.

Beim wunderbar unprätentiösen „Klangspuren Barfuss“-Programm trifft sich bereits seit mehreren Jahren eine begeisterte Kinderschar, die sich auf der Spur nach der Frage  „Wie klingt denn … eine große Seifenblase, die Stadt Schwaz, ein Pilzgulasch, der Wald oder die eigene Stimme?“ immer Montags auf Ausflüge und Besichtigungen, Hörspaziergänge und Naturerlebnisse begeben. Musik wird hier also nicht nur als abstrakte akustische Kunst thematisiert, sondern es geht insgesamt um neue Wahrnehmungen in den Bereichen Hören, Sehen und Fühlen, die begleitet werden.

Seit zwei Jahren gibt es darüber hinaus für Kinder und Jugendliche, die sich für Musik interessieren, unter dem Titel „Klangspuren Lautstark“ eine Musizier- und Komponierwerkstatt in der ländlichen Gemeinde Imsterberg. Hier stehen unter der fachkundigen Anleitung von Cathy Milliken und ihrem Team Entdeckerfreude und Lust am Improvisieren im Umgang mit Klängen im Mittelpunkt. Musikalische Kreativität und Neugier sind es, die in der Urlaubsatmosphäre des kleinen Bergdorfes ohne Leistungsdruck und außerhalb der Musikschulen und Konservatorien gefördert werden und zu unkonventionellen, fantasievollen musikalischen Ideen führen.

2010 wurde diese Idee nun durch ein Fortbildungsprogramm für Musik- und Instrumentallehrer und interessierte Pädagogen mit dem Namen „Klangspuren stufenlos“ zum Thema „Improvisieren und Komponieren mit Kindern“ ergänzt. Dieses Angebot fand auf Anhieb so viel Zulauf, dass bereits ein zweiter Workshop in Planung ist, um alle Interessierten berücksichtigen zu können.

Zudem wurde das „Café Klangspuren“ gegründet, bei dem jeden zweiten Dienstag im Monat von April bis Oktober Wolfgang Praxmarer für Interessierte aller Altersstufen witzige und lebendig gestaltete Einführungen in die zeitgenössische Musik anhand von Beispielen und im Dialog mit eingeladenen Komponistinnen und Komponisten gibt.

Unübertroffen ist jedoch der Erfolg des „Klingenden Mobils“, das in diesem Frühjahr dank geduldiger und hartnäckiger Sponsorensuche erstmals von den Klangspuren auf den Weg durch Tirol geschickt wurde. Eine einzige Vorankündigung in einer Tageszeitung führte dazu, dass noch bevor auch nur ein Flyer gedruckt werden konnte, innerhalb weniger Tage alle Termine dieses unkonventionellen Instrumentenvorführungsprojektes für das laufende Jahr ausgebucht waren.

Vergangenes Jahr hatte das Team der Klangspuren die Mitmachausstellung des Münchener Kinder- und Jugendmuseums „Vom Krach zu Bach“ in die Innsbrucker Hofburg geholt. Bereits bei diesem Projekt übertraf die Publikumsresonanz alle Erwartungen. Die Möglichkeit, Instrumente anzuschauen, anzufassen und auszuprobieren, in Experimenten selber erforschen zu können, wie Klänge entstehen, wie Noten und Töne in Beziehung zueinander stehen, wie ein Dirigent arbeitet oder welche Geräusche mit welchen Gegenständen erzeugt werden können, lockte innerhalb von nur drei Monaten mehr als 12.000 Besucher – vor allem Kinder und Jugendliche mit ihren Lehrerinnen und Lehrern oder Eltern – in die Kellergewölbe der Hofburg in der Tiroler Landeshauptstadt.

So war es nur konsequent, daran anknüpfend mit dem „Klingenden Mobil“ einen Transporter vollbeladen mit allen Instrumenten eines klassischen Symphonieorchesters und noch einigen Klangerzeugern mehr unter dem Motto „Alles  Anfassen, alles  Ausprobieren“ durch Tirol zu schicken. Dieses Angebot, das es in Hamburg und Berlin schon länger gibt, richtet sich unter anderem an Kindertagesstätten, Schulen, Sozialpädagogische Zentren, Spielgruppen und Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Behinderung. Die Kinder und Jugendlichen sollen selber entdecken, wie Töne auf den verschiedenen Instrumenten entstehen, wie man diese streicht, bläst, pfeift oder schlägt. Die drei Instruktorinnen – Caroline Filzer, Ursula Purner und Anita Thaler – sind dabei nicht „Lehrerinnen“ sondern „Helferinnen“, die das Ausprobieren unterstützend begleiten.

Beeindruckend ist dabei, dass die Instrumente tatsächlich in ihrer Komplexität und Vielfalt vorgestellt werden, also beispielsweise nicht einfach nur ein „Horn“, sondern ein Taschenhorn, ein kleines Alphorn, ein Flügelhorn, ein Jagdhorn – und die Kinder sich dies tatsächlich merken. Nur gelegentlich sorgt das Verwenden von Eselsbrücken für die Instrumentennamen dann doch für ein Lachen, wenn etwa ein Kind auf ein Fagott zeigt und ruft: „Das ist ein Fa-Jesus.“

Also eine kindgerechte, aber nicht kindische Vorführung, die sich vor allem an die Neugierigen zwischen sieben und zwölf Jahren richtet. Bemerkenswert, dass es hier keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt: Mädchen möchten ebenso gern einmal den Kontrabass ausprobieren wie Jungs sich selbstverständlich darum streiten, wer zuerst an der Harfe zupfen darf. Und ein Erfolgserlebnis gibt es für jedes Kind: nämlich jedem Blasinstrument einen klaren Ton zu entlocken – woran man als ungeübter Erwachsener nicht selten scheitert. Die Kinder probieren so lange hartnäckig, bis es am Ende tatsächlich klingt.

Wie man sich vorstellen kann, war es nicht einfach, die Mittel für das „Klingende Mobil“ zu akquirieren, und umso beeindruckender ist, dass sich für jedes der zum Teil sehr teuren Instrumente dann doch ein Geldgeber oder Sachspender gefunden hat. Auch die Honorare der lnstruktorinnen, die monatelang nahezu jeden Tag in einer Schule zu Gast sind, müssen finanziert werden. Dabei ist es laut Maria-Luise Mayr wichtig, dass das Angebot an die Schulklassen unentgeltlich ist. Wenn die Lehrer und Lehrerinnen bereits für Klassenfahrten, Theaterbesuche und Bücher regelmäßig Geld einsammeln, mutet es den meisten Eltern der Schüler unverständlich an, warum für „so was Eigenartiges“ wie das Ausprobieren von Musikinstrumenten auch noch eine Gebühr bezahlt werden muss, zumal wenn das Geld daheim knapp ist. Handelt es sich jedoch um ein kostenloses Zusatzangebot, lassen sich die Eltern vielleicht von der frischen Begeisterung ihrer Sprösslinge anstecken, wenn diese anschließend darum betteln, Geige, Klarinette oder Schlagzeug zu lernen, und möglicherweise findet sich dann doch noch eine kostengünstige Möglichkeit hierzu.

Wenn man sich anschaut, wie respekt- und liebevoll die Kinder einer Dorfschule mit den Instrumenten umgehen, merkt man, wie tief das aktive Musizieren in der österreichischen Kultur verwurzelt ist. Kein Wunder, dass das Interesse an diesem experimentellen Ausprobieren in einem Bundesland, in dem es mehr Blaskapellen als Gemeinden gibt, besonders groß ist.

Die Städte Schwaz und Innsbruck waren immerhin bereit, öffentliche Mittel als Zuwendung für die Stunden auszugeben, die das „Klingende Mobil“ bei ihren Einrichtungen zu Gast ist. Andere Gemeinden reagierten hier skeptischer, und so waren es letztlich private Unterstützer – insbesondere GE Jenbacher und die Waizer Stiftung –, deren großes Engagement dafür sorgte, dass der Bus schließlich auch in kleinen Bergdörfern und abgelegenen Gemeinden zu Gast sein konnte. Beim Ausladen und Aufbauen der Instrumente benötigt es Helfer. Hier sind es oft Mitglieder der örtlichen Blaskapelle, die sich gerne zur Verfügung stellen und die vielleicht dann doch nach eigener Anschauung anschließend dem jeweiligen Gemeinderat oder ihren Ensemblekollegen vermitteln können, wie wichtig diese Basisarbeit ist und wie viel Freude und Kreativität in den Stunden vermittelt werden, in denen das „Klingende Mobil“ mit den Instruktorinnen in einer Schule zu Gast ist.

Heuer wird das Angebot des „Klingenden Mobils“ mehr als 6.500 Kinder erreichen. Die Schulanmeldungen, die bereits jetzt für kommendes Jahr vorliegen, würden schon genügen, um wieder genauso viele Tage auf Tour zu gehen wie in diesem Jahr; man kann nur hoffen, dass es Maria-Luise Mayr gelingt, auch die Mittel hierfür wieder aufzutreiben.

An den drei neuen Projekten – Lehrerfortbildung, Klangspuren-Café und Klingendes Mobil für Kinder – wird deutlich, wie das Klangspuren-Team denkt: Ihr Festival für zeitgenössische Musik ist kein hermetisch abgeschlossenes Treffen von Fachleuten, kein Ufo, das für zwei Wochen in der Region Zwischenstation macht und spurlos wieder verschwindet, sondern richtet sich an alle Menschen vor Ort. Das umfassende Vermittlungsprogramm, das sich an Neugierige mit unterschiedlichster Vorbildung aller Altersstufen, ungeachtet ihrer finanziellen Möglichkeiten, richtet, ist wie ein großes, vielgestaltiges Wurzelwerk, mit dem sich das Festival nachhaltig in Tirol verankert. 

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