Ein ganz normales Kind: Bobby Bazini und seine neuen Hymnen auf „Netter in Time“


(nmz) -
„Das neue Wunderkind aus Kanada“ rühmte eine kanadische Zeitung den 20-jährigen Sänger, Songschreiber und Gitarristen Bobby Bazini aus Mont-Laurier. Der Grund: ein unbedingt als gediegen zu bezeichnendes Albums namens „Better in Time“. Und wenn schon Brechstangenbeschreibungen sein müssen, dann darf die inflationäre „Prise Folk, der Löffel Rock, die Blues-Stimme und die daraus entstehende Magie“ als weiteres Journalistenzitat über Bazini nicht fehlen. Schade, dass man immer diese fiesen Beweihräuchungen verwenden muss, wenn sich ein Album schlicht als gute Musik präsentiert.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Bobby Bazini hat das nicht verdient: die Bürden-Weihe „Wunderkind“ und die Alten-Salbung der „Magie“. Bobby Bazini hat lediglich eine aus der Mode gekommene Fähigkeit verinnerlicht. Er hat gut zugehört. „Zum Beispiel bei Johnny Cash“, erzählt er, „und dabei ging es nicht darum, ihn musikalisch nachzuahmen. Es geht viel mehr um seinen gesamten Charakter. Die Fähigkeit, jedem Song Seele einzuhauchen, das war mir bedeutsam und eine Art Vorbild“. Dazu kommt, wie in jedem ordentlichen Musikerhaushalt üblich, die elterliche Rolle. „Bei mir war es mein Vater. Er hat mir gezeigt, wie man Gitarre spielt und meine Leidenschaft für Musik geweckt. Zusammen mit meiner Mutter trat er bei Familienfesten auf und gab Country-Songs zum Besten.“

15 Jahre war Bobby Bazini zu diesem Zeitpunkt alt. Und alles scheinbar in Ordnung. Doch plötzlich musste er die Trennung seiner Eltern begreifen, hinnehmen und mitansehen. „Keine schönen Tage“, resümiert er. Dennoch einschneidene. „Wenn man so will, legte die Trennung meiner Eltern den Grundstein für meinen Wunsch, Musiker zu werden. Ich lebte eine Zeitlang bei meiner Großmutter. Sie hatte eine riesige Plattensammlung mit Cash und Dylan. Da war mir klar, was ich werden wollte“.

Bobby Bazini begann hart zu arbeiten. Er verbesserte sein Gitarrenspiel, probierte sich im Soul und Blues und an besonderen Tagen an den Doors oder Otis Redding. Diese Buntheit an Inspiration hat sich in ihm festgesetzt. Nicht, dass man in jedem Song des Albums eines der Vorbilder hört. Es ist vielleicht nur ihre Art, Musik hörbar zu machen. „One Thing or Two“ ist so ein Beispiel. Das Rhodes orgelt vor Fröhlichkeit, die Gitarre schickt niederträchtige Effekte aus dem Hinterhalt, Bazini klingt abgebrüht, und der Funke springt über. Zu tanzen, zu nicken oder zuzuhören. Der kleinkarierte Kritiker mag da nun den Messbecher Soul in der Strophe und die Messerspitze 70er-Disco im Refrain erfassen. Aber am Ende des Tages gelingt es Bobby Bazini, eine eigene Fahrrinne zu finden. Spätestens wenn man „Learn Again“ hört, eine mordsschwere Bluesballade, die direkt in den Abgrund führt, wird klar, dass da einer von der Pike auf gelernt hat. Dinge erlebt hat, über die er singen kann. Und mit einer Schippe Talent gesegnet ist.

Was die phonetische Welt in schnödem Mammon der Branchenwährung honoriert: Jungfuchs Justin Bieber aus den Charts geworfen, Gold- und Platinauszeichnung sowie einige Top-Platzierungen in den kanadischen Charts. Ein rasanter Aufstieg. „Fast ein bisschen zu schnell“, meint Bobby Bazini, „denn viele Dinge passieren gerade zur selben Zeit. Und ich spüre, dass mich manches verwirrt. Ich muss aufpassen, die Kontrolle zu behalten. Und gleichzeitig die Geschehnisse als Chance und Herausforderung begreifen“. Bobby Bazini weiß also, wo er da gelandet ist, und will sich erst gar nicht beschweren. „Natürlich versuche ich ständig mir ruhige Phasen zu gönnen und über die nächsten Schritte nachzudenken. Aber wahrscheinlich ist das Popbusiness nicht unbedingt der geeigete Ort dafür“.

Kann ein Wunderkind so sprechen? Sicher nicht. Bobby Bazini ist ein netter Kerl, ein prima Musiker und einer, der sein Talent nicht überstrapaziert. Er kann der Dinge harren. Mögen die Wunder ihn verschonen.

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