Ein nicht alltäglicher Reisebericht

Konzert und Bildungsreise nach Theresienstadt, Prag, Brünn und Wien


(nmz) -

Im Anschluss an den Wettbewerb „Verfemte Musik“ Schwerin 2004 fand für die Preisträger eine ungewöhnliche Reise statt. Die Teilnehmer hatten sich in den Tagen zuvor durch die Interpretation der Werke von verfolgten und ermordeten Komponisten einen Namen gemacht. Jetzt konnten die begabten jungen Preisträger direkt in den Städten konzertieren, in denen Komponisten wie Gideon Klein, Pavel Haas, Viktor Ullmann und andere gelebt hatten. Besonders war die Atmosphäre am 27. September 2004 abends in Theresienstadt – 60 Jahre zuvor – am 28. September 1944 begannen die furchtbaren Herbsttransporte, die für die Komponisten und Künstler und unzählige unschuldige Menschen den letzten Weg nach Auschwitz bedeuten sollten. Gaby Flatow erzählte von Theresienstadt in einer gespenstischen Atmospähre am Rondell, wo einst der berüchtigte Propagandafilm „Theresienstadt“ von Kurt Gerron auf Befehl der Nationalsozialisten gedreht wurde, der für fast alle Darsteller das Todesurteil war.

Ein Artikel von Volker Ahmels

Einen Tag später ging es nach Wien, wo das erste Konzert im Bösendorfersaal mit freundlicher Unterstützung der weltbekannten Klavierfirma stattfand. Außergewöhnliche Begegnungen mit Veranstaltungspartnerin Frau Dr. Primavera Gruber, die seit vielen Jahren mit wenigen Mitarbeitern in der Organisation Orpheus Trust das Schicksal verfolgter Künstler und Komponisten selbstlos aufbereitet und deren Lebensgeschichten bekannter macht. Auch der Besuch im Doblinger-Haus war höchst interessant, da wir dort durch einen fachkompetenten Vortrag von Dr. Heindl viel über die Arbeit des Verlages während der nationalsozialistischen Diktatur erfahren konnten. Gemeinsam mit der Jeunesse Österreich und unter der Schirmherrschaft des Deutschen Botschafters wurde der erste Konzertauftritt zu einem großen Erfolg. Herausragend war die Ullmann-Interpretation des Deutschen Baritons Matthias Flohr mit der georgischen Pianistin Ketewan Natschkebia.

Man erklärte uns, dass der Besuch ungewöhnlich hoch war, mit solcher Musik in einer Musikmetropole so viel Publikum zu gewinnen. Um so krasser verlief der Konzertabend in Brünn, wo leider die Schüler und Lehrer des Konservatoriums nur vereinzelt anzutreffen waren. Etwas befremdlich war die Tatsache, dass doch das Graffe-Quartett aus Brünn stammte und sogar einen ersten Preis erspielte. Man erklärte uns, dass gleichzeitig ein anderes bekanntes Streichquartett in Brünn spielte, das die interessierten Kammermusikhörer abzog. Dennoch lohnte der Besuch des neu renovierten Janácek-Hauses, bei dem Pavel Haas bekanntlich studiert hatte. So konnten die jungen Musiker eben auch erfahren, dass das Künstlerdasein doch sehr unberechenbar ist.

Danach ging es in die goldene Stadt Prag. Diese unglaubliche Atmosphäre beflügelte die Preisträger zu einem meisterhaften Konzertauftritt, allen voran der lettische Pianist Gints Racenis. Volles Haus in der Konzertkirche mit einer wunderbaren Unterstützung durch den „Klub Prager Frühling“. Bei diesem Konzert waren auch Mitglieder der Theresienstädter Initiative in Prag anwesend, die begeistert der Interpretation ihrer Leidensgenossen durch die jungen Musiker lauschten.

Während des Reiseverlaufs kamen die jungen Interpreten aus dem neu vereinten Europa auch immer besser ins Gespräch. Am Tag der Rückreise ging es dann noch einmal nach Theresienstadt, verbunden mit dem Besuch der renovierten und neu konzipierten Museen in der ehemaligen Magdeburger Kaserne und dem ehemaligen Kinderheim L 104.

Die Wettbewerbsteilnehmer begleiteten auch Mitarbeiterinnen der Sparkasse Schwerin, die ein wichtiger Sponsor und Unterstützer der Projektidee seit Jahren ist. Das Experiment mit einer Gruppe zu verreisen, deren Mitglieder sich nicht vorher kannten, ist aufgegangen. In einem Nachbereitungstreffen wurde von den anwesenden Teilnehmern bestätigt, dass alle sehr viele neue Anregungen bekommen haben, sich nicht nur mit der Musik zu befassen, sondern auch das politische und historische Umfeld zu begreifen. Allerdings fiel es allen Teilnehmern nach der Reise noch schwerer sich vorzustellen, dass es den Nationalsozialisten fast geglückt wäre, unsere europäischen kulturellen Wurzeln zu zerstören.

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