Ein Rocker im Art-Deco-Ambiente

Der 26. Jazz Sommer im Bayerischen Hof widmete sich den Klassikern der Jazz-Moderne


(nmz) -
Krawatte während des ersten Sets, Fliege im zweiten, weißes Hemd, taubenblaues Sacco, dunkle Sonnenbrille, die Trompete nicht in gewöhnlichem Goldmessing, sondern edelstahlpoliert – Roy Hargrove ist eine Erscheinung. Und der soulige Hardbop, den er mit seinem Quintett pflegt, ist ebenso stilsicher wie schräg und ausgefallen. Das liegt zum einen an der Kunst des Meis­ters selbst, zum anderen aber auch an seinen ausgesuchten Sidemen, mit denen er sein Quintett klassisch besetzt:
Ein Artikel von Andreas Kolb

Quincy Philipps gibt den übermenschlich spielenden Drummer, Justin Robinson scheint eine Wiedergeburt von George Adams zu sein. Und der Bassist Ameen Saleem, der die vier Saiten seines riesigen Instrumentes so behände wie eine Ukulele zupfen kann, kann sich – immer wenn er seine Kappe an die Schnecke seines Tieftöners hängt – in ein wahres Furioso hineinsteigern.

Hargroves-Hard-Bop-Konzert war ein Höhepunkt des diesjährigen Festivals Jazz Sommer im Bayerischen Hof, das in seiner 26. Auflage wieder einmal vor allem amerikanischen Jazz der Extraklasse nach München brachte. Neben dem absolut eingespielten Hargrove Quintet ist hier auch das Mike Stern/Randy Brecker Band zu nennen.

Deren Persönlichkeiten sind wohl zu verschieden, um auch nur annähernd so homogen wie das Hargrove Quintet zu klingen. Doch der Trompeter und der Gitarrist rissen allein durch ihre Virtuosität und Spielfreude mit. Am schönsten klang der ehemalige Blood Sweat & Tears Gitarrist Stern dann, wenn er leise Töne anschlug – eine poetische Musik der  besonderen Art erklang da. Poetisch auch die Klangkunst von Arto Lindsay, der seinige lärmige Gitarre, wie gewohnt mit samtener Stimme und Sambarhythmen mischte. Die kurze räumliche Distanz zwischen Künstler und Publikum im Night Club des Bayerischen Hofs trug mit zur großen Präsenz von Lindsay Klangkunst. Frenetischer Applaus und viele Zugaben.

Zum Konzept des Jazz Sommers gehört in altbewährter Manier auch immer die Genreüberschreitung zwischen Jazz, Pop, Rock, Soul oder Salsa. Für diese Prozedur war dieses Jahr der irische Barde Bob Geldof zuständig, der mit seinen Bobkatz die Bühne des Festsaals bespielte. „Wie in der Titanic“ kam er sich in der plüschigen Emporen- und Balkon-Architektur vor und dass er erstmals auf einem Jazz-Festival spielte, nötigte ihm ebenfalls Kopfschütteln ab – doch nach anfänglichem Zögern und Staunen, zog er seine Rockshow mit Verve, Witz und Tempo durch. So lange bis das Publikum überwältigt Standing Ovations zollte.

Auch die Ausklänge des Jazz Sommers waren der Popular Music gewidmet: Dominic Miller – kongenialer Gitarrist von Sting – kam mit seinem aktuellen Trioprojekt mit Nicolas Fiszman (b) und Rhani Krija (perc) in den Night Club. „Silent Light“ heißt die ECM-Aufnahme des Trios – betitelt nach dem gleichnamigen Film des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas. Eine Hommage, die überzeugte. Clubbing war angesagt am Tag No. 6 des Jazz Sommers mit afrikanisch inspirierter Dancefloor-Music: Gato Preto mixen ghanaischen Rap mit Favela Punk, Raves mit Breakbeats. Ein kleines, aber feines Festival ging zuende, das zwar nichts mit Avantgarde am Hut hat, aber noch immer eine Präsentationsfläche für den State of the Art des modernen Jazz ist.

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