Ein Stück Bildungsauftrag der Kulturorchester

Die „Schulmusiken“ der Bergischen Symphoniker Remscheid-Solingen


(nmz) -

Freude an klassischer Musik und am Musizieren zu wecken und junge Zuhörer mit ihren Eltern für die Arbeit eines Sinfonieorchesters zu interessieren – dieses Anliegen verfolgt das Philharmonische Orchester der Städte Remscheid und Solingen („Bergische Symphoniker“) seit langem. Dabei geht das Orchester in seiner konzertpädagogischen Arbeit gezielt und konsequent vor: Der erste Kontakt zwischen Schülern und Musikern erfolgt auf sehr persönliche Art und Weise in den so genannten „Schulmusiken“, die regelmäßig in allen Solinger und Remscheider Grund- und Sonderschulen stattfinden. Bei diesem bundesweit einmaligen Projekt besuchen kleine Formationen der einzelnen Instrumentengruppen – man höre und staune – über hundert Mal pro Saison die Kinder in den Schulklassen. Darauf aufbauend werden die jungen Hörer zu thematisch gebundenen Schul- und Familienkonzerten eingeladen. Häufig werden die Projekte zusammen mit den Lehrern oder anderen Kooperationspartnern wie etwa dem Düsseldorfer „Theater Kontra-Punkt“ inhaltlich und konzeptionell neu erarbeitet.

Ein Artikel von Volker Mattern

Freude an klassischer Musik und am Musizieren zu wecken und junge Zuhörer mit ihren Eltern für die Arbeit eines Sinfonieorchesters zu interessieren – dieses Anliegen verfolgt das Philharmonische Orchester der Städte Remscheid und Solingen („Bergische Symphoniker“) seit langem. Dabei geht das Orchester in seiner konzertpädagogischen Arbeit gezielt und konsequent vor: Der erste Kontakt zwischen Schülern und Musikern erfolgt auf sehr persönliche Art und Weise in den so genannten „Schulmusiken“, die regelmäßig in allen Solinger und Remscheider Grund- und Sonderschulen stattfinden. Bei diesem bundesweit einmaligen Projekt besuchen kleine Formationen der einzelnen Instrumentengruppen – man höre und staune – über hundert Mal pro Saison die Kinder in den Schulklassen. Darauf aufbauend werden die jungen Hörer zu thematisch gebundenen Schul- und Familienkonzerten eingeladen. Häufig werden die Projekte zusammen mit den Lehrern oder anderen Kooperationspartnern wie etwa dem Düsseldorfer „Theater Kontra-Punkt“ inhaltlich und konzeptionell neu erarbeitet.Ein traditionelles, vor Jahren vom damaligen Solinger GMD Lothar Zagrosek initiiertes Ereignis sind die Solinger „Wandelkonzerte“. „Symphonikerwerkstätten“ und andere Begleitangebote, Cross-Over-Projekte speziell für Jugendliche in den Bereichen „Rock“ und „Jazz“ sowie philharmonische „Grenzgänge“ in den Abo-Konzerten runden das umfangreiche Angebot ab. Diese konsequente Arbeit für und mit Kindern hebt auch die Jury des Deutschen Musikverleger-Verbandes e.V. in ihrer Begründung für die diesjährige Verleihung des Preises für das beste Konzertprogramm der Spielzeit 2001/2002 an die Bergischen Symphoniker ausdrücklich hervor.

Im Folgenden geht es also weniger um neue, möglicherweise spektakuläre inhaltlich-konzeptionelle Ansätze, sondern vielmehr um einen aktuellen Situationsbericht über die Arbeit eines Kulturorchesters im Kinder- und Jugendbereich. Dabei möchte ich die so genannten „Schulmusiken“ ins Zentrum der Erörterungen rücken, und zwar deshalb, weil nach unserer Auffassung durch diese Veranstaltungen die unabdingbaren Voraussetzungen für alle weiteren Bemühungen im zenralen Aufgabenbereich der Kinder- und Jugendkonzerte geschaffen werden. Weiterhin aber auch aufgrund der Tatsache, dass diese Arbeit, die in Remscheid schon seit Jahrzehnten stattfindet und die nach der Fusion der beiden Orchester im Jahre 1995 auch sofort auf Solingen übertragen wurde, zweifellos Modellcharakter hat oder – besser gesagt – haben sollte!

Als Frage formuliert: Warum führen eigentlich nicht alle deutschen Orchester ebenfalls solche Schulmusiken in vergleichbarem Umfang durch? Als Einzelveranstaltungen begegnet man ähnlichen Projekten auch anderswo, aber meines Wissens nach nirgends auch nur in annähernd vergleichbarem Umfang. Um etwaigen Einwänden vorzubeugen, muss in diesem Zusammenhang betont werden, dass das Philharmonische Orchester der Städte Remscheid und Solingen mitnichten unterbeschäftigt ist. Im Gegenteil: Mit rund 160 Auftritten pro Saison sowie einer eigenen Kammerkonzertreihe zählt dieser Klangkörper zweifellos zu den „fleißigsten“ des Landes. Der besondere Stellenwert, den die Arbeit dieses vielseitigen Orchesters auch über die Grenzen Solingens und Remscheids hinaus genießt, dokumentiert sich in einem zukunftsorientierten Profil mit erfolgreichen Auslandstourneen, Auftritten in renommierten Konzertsälen wie der Kölner Philharmonie sowie der regelmäßigen Musiktheaterpräsenz im Aalto Theater Essen.

Trotz der hohen Belastung, die mit diesem kontinuierlichen künstlerischen Aufwärtstrend der letzten Jahre einhergeht, widmen sich die Musiker und Musikerinnen der Bergischen Symphoniker mit großem Engagement und unermüdlichem Einsatz auch der musikpädagogischen Basisarbeit. Jeder, der die Orchesterlandschaft in Deutschland kennt, weiß, dass dies nicht selbstverständlich ist! Nur am Rande sei erwähnt, dass dieses Engagement nicht zusätzlich vergütet wird, sondern lediglich je Veranstaltung als ein „Dienst“ gewertet wird. Die Schulmusiken finden dabei jeweils parallel zu den anderen Proben oder Veranstaltungen statt und gehen folglich weder zu Lasten der jährlichen Konzertzahl noch zu Lasten der daraus resultierenden Erträge. Es bedarf lediglich einer – zugegebenermaßen – ausgeklügelten Disposition und Vorausplanung, um zu vermeiden, dass das tarifvertraglich festgelegte Dienstlimit überschritten wird.

Angesichts der Klagen über eine allerorts zu konstatierende Überalterung des Konzertpublikums und der daraus resultierenden Erkenntnis, dass es höchste Zeit ist, dieser Entwicklung möglichst effektiv entgegenzuwirken, sollten Projekte wie die „Schulmusiken“ der Bergischen Symphoniker eigentlich zum festen Aufgabenkanon möglichst aller deutschen Kulturorchester gehören.

Wie sieht eine solche Veranstaltung im Einzelnen aus? Es gibt vier Instrumentengruppen, ein Streichquintett, eine Holz-, eine Blechbläsergruppe sowie eine Zweiergruppe Schlagwerk/Harfe. Für jede der Gruppen gibt es dem didaktischen Grundkonzept entsprechende besetzungsspezifische Arrangements der verwendeten Stücke. Die Gruppen sind wechselnd besetzt, so dass sich die zusätzliche Dienstbelastung möglichst gleichmäßig verteilt. Besucht werden jeweils die dritten Klassen aller Grund- und Sonderschulen in Remscheid und Solingen (insgesamt handelt es sich dabei um 26 Grund- und 4 Sonderschulen). Ziel ist es, jeder Klasse im Laufe eines Schuljahres möglichst alle vier Instrumentengruppen präsentieren zu können. Begleitend existieren Lehrerarbeitskreise zur inhaltlichen Vorbereitung, in denen auch Generalmusikdirektorin Romely Pfund regelmäßig präsent ist. In diesen Gremien werden Unterrichtsmaterialien erarbeitet, die allen Lehrern für die Vorbereitung zur Verfügung gestellt werden. Dies ist deshalb von zentraler Bedeutung, weil in den Veranstaltungen, die jeweils eine Schulstunde umfassen, auch gemeinsam gesungen und – im Rahmen von Mitspielstücken – musiziert wird. In einem Musikrätsel geht es darum, in einem Kinderliederpotpourri möglichst viele der erklingenden Melodien zu bestimmen. Jedes Kind erhält ein Kärtchen, auf dem es die richtigen Melodien im Multiple-Choice-Verfahren ankreuzen kann. Hierbei hat es sich gezeigt, dass es sinnvoll ist, die früher verwendeten Volkslieder möglichst durch Titelmelodien aus der „Sendung mit der Maus“ und Ähnlichem zu ersetzen. Natürlich werden daneben auch alle Instrumente der Gruppe einzeln vorgestellt und erklärt, gefolgt von Erläuterungen zur Dynamik oder zu einfachen musikalischen Formverläufen („Variation“) und besonderen Spieltechniken (etwa im Rahmen eines Pizzicato-Mitspielstücks). Eine Musikerin oder ein Musiker übernimmt jeweils die Moderation. Die Kinder machen in aller Regel begeistert mit, sind motiviert, dürfen die vorgestellten Instrumente auch ausprobieren und kommen auf diesem Wege sehr schnell mit den Musikern ins Gespräch.

Hat ein Schüler in der dritten Klasse im Idealfall alle vier Schulmusiken erlebt, sind dies die besten Voraussetzungen, um in den Klassenstufen 4, 5 und 6 die Inhalte der Schulkonzerte zu wechselnden Themen nachvollziehen und verstehen zu können. Aufgrund der verschiedenen Vorgeschichten der ehemals eigenständigen Orchester in Remscheid und Solingen haben sich hier wie dort zwar einige unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte herauskristallisiert, die jedoch das Grundkonzept keinesfalls tangieren. So gibt es etwa in Remscheid für die dritten Klassen ergänzend zu den Schulmusiken jedes Jahr vier Aufführungen von Prokofieffs „Peter und der Wolf“ (unter szenischer Mitwirkung der Schüler im jeweils selbst entworfenen und gebauten Bühnenbild!), während auf der anderen Seite das Schulkonzert für die Klassenstufe 4 in Solingen grundsätzlich als „Wandelkonzert“ realisiert wird. Hier verteilen sich die verschiedenen Instrumentengruppen in den Räumen des Solinger Theater- und Konzerthauses. Die Kinder suchen diese nacheinander auf, hören den Musikern zu und diskutieren das Gehörte und Erlebte. Zum Abschluss finden sich alle Musiker im großen Konzertsaal zusammen und musizieren gemeinsam ein Orchesterwerk.

Für die fünften Klassen heißt das Thema des nächsten Jahres „Musikalische Zaubereien“ (mit Dukas’ „Zauberlehrling“ und Ausschnitten aus der „Zauberflöte“), für die sechsten Klassen „Ein musikalischer Streifzug durch die Welt des Musicals“ (in Kooperation mit der Musicalklasse der Musikhochschule Köln). Insgesamt bieten die Bergischen Symphoniker pro Saison 20 bis 24 Schulkonzerte für die genannten Klassenstufen an.

Hinzu kommen – in einem nächsten Schritt – jeweils zwei Familienkonzerte in jeder Stadt, um die bisher nur im Rahmen von schulischen Veranstaltungen gemachten Erfahrungen auch mit den Eltern, Großeltern oder Freunden vertiefen zu können. Diese Konzerte finden grundsätzlich am Wochenende zu familienfreundlichen Zeiten statt. In der kommenden Saison sind an dieser Position zwei Uraufführungen vorgesehen, und zwar einmal das „Symphonic Musical“ „Fun to Pia“ von Thomas Holland-Moritz. In diesem Stück entführt uns das Mädchen Pia an einen fernen Ort, der nichts anderes ist als unsere eigene Fantasie. So entstehen Tagträume für Ohr und Auge.

Zum anderen wird ein innovatives Projekt im Rahmen der bewährten Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Theater Kontra-Punkt auf dem Programm stehen: „Von der Königin, die ihre Musik verlor“ nach Yehudi Menuhin und Christopher Hope (Libretto: Frank Schulz) mit der Musik von Ben Süverkrüp und Matthias Schlothfeld. In dieser Produktion werden die Musiker auch agieren, etwa indem die Bläser als Minister der Königin in Erscheinung treten und sich nur in einer „Lautsprache“ äußern, bevor sie lernen, ein Instrument zu spielen.

Dieses Basisangebot für Kinder und Jugendliche wird regelmäßig ergänzt durch Sonderkonzerte: „Philharmonic Rock“ mit der auf solche Projekte spezialisierten René Möckel Band oder „Jazz meets Classic“ in Kooperation mit Peter Herbolzheimer und seinem Bujazzo oder – in der kommenden Saison – zusammen mit dem JugendJazzOrchester NRW. In der laufenden Spielzeit wurde auch zum ersten Mal und mit Erfolg versucht, ein breiteres jugendliches Publikum in ein Abo-Konzert zu locken: „Grenzgänge“ hieß das Thema in einem Philharmonischen Konzert, in dem neben John Rutters populärem „Magnificat“ mehrere Auftragskompositionen für Jazztrio und Orchester von Markus Stockhausen und Arild Andersen uraufgeführt wurden.

All diese Angebote brauchen einen „Humus“, auf dem sie gedeihen und sich entwickeln können. Diese Grundlage bilden beim Philharmonischen Orchester Remscheid-Solingen die Schulmusiken. Dieser „Baustein“ lässt sich – den guten Willen aller Beteiligten natürlich vorausgesetzt – auch in der Angebotspalette anderer Orchester integrieren. Für die Kinder, unser potenzielles Publikum von morgen, kann das musikalische Angebot eigentlich gar nicht groß genug sein. Von daher wäre es zu wünschen, dass dieses Modell möglichst viele Nachahmer fände.

Tags in diesem Artikel

Ähnliche Artikel

  • Über die Notwendigkeit erlebnisorientierter Praxis - Konzerte für Kinder – eine authentische Erfahrung im Focus zeitgemäßer kultureller Bildung?
    01.02.2001 Ausgabe 2/2001 - 50. Jahrgang - Pädagogik - Barbara Stiller
  • Zuhören um wirklich zu hören - Wie Offenes Singen zu einem Propädeutikum für Kinderkonzerte werden kann
    30.09.2001 Ausgabe 10/2001 - 50. Jahrgang - Pädagogik - Thomas Holland-Moritz
  • Vermittlung und Management - Eine Ringvorlesung an der Hamburger Musikhochschule
    01.11.2002 Ausgabe 11/2002 - 51. Jahrgang - Pädagogik -
  • Kinder als Konzertveranstalter in eigener Sache - Zu einem Grundschulprojekt im Bremer Konzerthaus „Die Glocke”
    01.02.2001 Ausgabe 2/2001 - 50. Jahrgang - Pädagogik - Zuzana Pesselová
  • Cello-Grandprix - Der Feuerman-Wettbewerb
    01.11.2002 Ausgabe 11/2002 - 51. Jahrgang - Pädagogik - Isabel Herzfeld