Ein Wahlkampf ohne Popkultur und junge Menschen

Die Angst der Politiker im Umgang mit der jungen Generation und ihrer Musik


(nmz) -

Es ist wieder mal das Gleiche: Politiker und Popkultur kommen nur zusammen, wenn es gleißende Publicity erzeugt, ein Dutzend Kameras sicher ist – und wie bei Bundeskanzler Gerhard Schröder auf einer Pressekonferenz am 19. August in Berlin geschehen – ein Musiker vom Kaliber „Smudo“ (Die Fantastischen Vier) mit ins Bild grinst. Bei beiden geht einem der Seufzer „schon wieder“ leicht über die Lippen, fehlte nur noch, dass der „olle“ Lindenberg aus einer anderen Fotoecke heraus nuschelt. Die CD „Gemeinsam gegen Rechts“ („schon wieder“) wurde da vorgestellt. Wenig Neues also im Schillerjahr und in der Kulturgemeinschaft Deutschland. Schwierige Verhaltensmuster, alte Gesichter.

Ein Artikel von Sven Ferchow

Doch wenigstens jetzt, in der heißen Phase sollte doch ein Ruck durch die Popkultur gehen, besonders in der Jungwähler orientierten Rock- beziehungsweise Popmusik. Quasi eine Hymne für die folgenden vier Jahre in der Heimatsprache texten.

Suchen wir mal die Politiker und ihre Programme. Jene Abgeordnete, die sich mit „Wir sind Helden“ oder „Juli“ in den letzten Monaten so poppig jovial im Blitzlicht aalten und die Künstlererfolge in einen gesellschaftlichen Wandel einordneten, den man weiter ausbauen, fördern und subventionieren müsse – aber nur zusammen mit der Politik? Was passiert nun mit den Resten mit der Großen Anfrage an die Bundesregierung, die die CDU einst anregte? Ist die FDP wirklich so jung wie sie vorgibt? Kann Frau Roth ihre „Musikmanagerin“- Erfahrungen aus „Ton, Steine, Scherben“- Zeiten auf die Kulturwaage hieven? Wo sind nun die Konzepte für Popkultur, die Kreativwirtschaft und damit für einen großen Teil der Jugendpolitik? Denn die Jugend scheint in diesem Wahlkampf außen vor zu bleiben.

Einfache Fragen also an die jeweiligen parteipolitischen Zentralen. Fragen, die mit Hilfe der Netzauftritte der Parteien klärbar sind und soweit möglich gar mit Stellungnahmen der jeweiligen Ansprechpartner. Möchte man meinen. Ein Anruf in der Zentrale der SPD löst erst einmal lautes und in Lachen übergehendes Prusten aus: „Einen Ansprechpartner für Rock- und Popmusik? Habe ich noch nie gehört, dass es das bei der SPD gibt“. Nach zwei Minuten entschließt man sich doch die Abgeordnete Monika Griefahn als Ansprechpartnerin zu benennen, die aber doch „mehr im Bereich Kultur tätig wäre“. Eine dürftige Auskunft, die sich dem mageren Kulturaspekt des SPD-Manifests gnadenlos gut anpasst. Filmförderung wird freilich genannt, Kulturpolitik als Erinnerung wird angemahnt und ein wenig schablonenartiges Gefasel um die Definition „Kultur“ wird feilgeboten. Konkretes fehlt ebenso wie die Begeisterung für Popkultur.

Ganz mau und annähernd verweigernd wird es bei der CDU/CSU. Zwar weiß man in den Parteizentralen wie aus Stoibers Wolfratshausener Gebirgsschützen-Flinte geschossen, dass „Steffen Kampeter der Rock- und Popmann“ ist, doch der anschließende Blick ins Wahlprogramm treibt einem doch die Tränen in die Augen. Kein Wort über Popkultur, geschweige denn Popmusik. Weiß Herr Kampeter das? Schliesslich waren es doch Steffen Kampeter und sein Kollege Norbert Lammert, die einst mit großem Getöse die Große Anfrage initiierten und die Bundesregierung in punkto Pop- und Kreativwirtschaft festnageln wollten. Selbst Gesprächsrunden um Radioquoten oder Ausbildungsplätze in der Phonoindustrie gingen auf ihr Konto, doch was bleibt im Wahlkampf? Lediglich ein paar knochige Zeilen zum Thema Kultur im Wahlprogramm: „Wir wissen, dass der Staat nicht für Kunst und Kultur zuständig ist, wohl aber für die Bedingungen, unter denen sie sich entwickeln können. Wir bekennen uns zur Förderung von Kunst und Kultur als öffentliche Aufgabe, an der Kommunen, Länder und Bund mitwirken. Wir werden die Rahmenbedingungen für die Kultur – unter Beachtung besonderer Zuständigkeiten der Länder – weiterentwickeln. Dazu gehören vor allem die Verantwortung des Bundes für die auswärtige Kulturpolitik, die Förderung von Projekten nationaler Bedeutung, die nationale Erinnerungskultur, die Künstlersozialversicherung sowie das Urheberrecht. Die Rahmenbedingungen für die deutsche Filmwirtschaft sind zu verbessern, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern“.

Die Dauerbrenner Filmförderung und Urheberberecht benetzen also auch bei CDU/CSU die schmalen nach Inhalt lechzenden Kulturlippen. Einfallsreich.

Wenig besser doch üppiger langt die FDP zu. Immerhin erwähnt man im erweiterten Dunstkreis der Popkultur die Künstlersozialkasse (KSK) und deren notwenige Reformierung. Und: Die Parteizentrale ist bestens informiert. Selbstverständlich gäbe es mit Hans-Joachim Otto einen zuständigen Ansprechpartner, dessen Telefonnummer auch sofort diktiert wird. Fast schon Übereifer, der prinzipiell den Kulturpunkten im Wahlprogramm der FDP besser stünde. Denn trotz KSK reduziert sich der Rest der Kulturzeilen auf Geschwafel, Uneindeutiges und Brühiges. Stichworte sind unter anderem Filmförderung, Gedenkstättenkonzept, Urheberrecht oder duales Rundfunksystem. Popmusik Fehlanzeige. Popkultur wohl eher unbekannt. Trotz Guido Westerwelle, der doch glatt ein eigenständiges Kulturministerium aufbauen möchte.
Niedlich, rührend und herrlich realitätsfremd präsentieren die Grünen ihre Kulturvorstellungen: „Wir Grünen unterstützen eine starke und vielfältige Kulturszene. Wir wollen ihre Freiräume verteidigen und ihre Rolle im öffentlichen Raum stärken. Freie Kulturzentren und Opernhaus, Film und bildende Künste, Theater und Klub, Literaturhaus und Laufsteg sind uns allesamt wichtig“. Wichtig ist ja allen stets irgendetwas, doch eine Szene, die so seit Jahren nicht mehr existiert zu schildern, grenzt geradezu an Interesselosigkeit. Selbstverständlich tauchen Begriffe wie Popkultur und Popmusik nicht im Ansatz auf, selbst über die Suchmaske der Netzseite erntet man gähnende Leere. Das freut den Jungwähler, den „Wir sind Helden“- Hörer. Weil Entscheidungen so einfach werden. Einen Ansprechpartner hatte man nicht parat. Gibt es laut Zentrale nicht, „da müsse man sich per Mail an die Presseabteilung der Partei wenden“. Aber wer möchte als junger Mensch zu den ausgehungerten Begriffen und Alltagsaussagen wie „Goetheinstitut, Künstlerinnen und Künstler in Deutschland brauchen angemessene steuerliche und rechtliche Rahmenbedingungen oder Fortführung der Enquete-Kommission“ noch ein quälendes Statement hören?

Im Wahlprogramm der Linkspartei PDS wird es dilettantisch. Fraglich ist, ob das Wort Kultur überhaupt bekannt ist und falls ja, dann auch noch in einen Zusammenhang mit Jugend, Popmusik oder Zeitgeist gebracht werden kann. Ansprechpartner sind nicht vorhanden. Gott sei Dank fleht man da dankend gen Himmel. Wenngleich mit Annette Mühlberg immerhin eine Ansprechpartnerin sofort zur Verfügung steht, die freimütig bekennt, „dass die letzten Aussagen zur Popkultur wohl aus dem Jahr 2002 stammen“. Ansonsten gibt sie sehr offen zu, „dass es zur Kulturpolitik lediglich ergänzende und nachträgliche Aussagen zum Wahlprogramm gäbe, explizit zur Popkultur aber überhaupt nichts verfasst wurde“.

Ein jämmerlicher Blues, den die Parteien da aus dem letzten Wahlkampf-Loch pfeifen. Nicht dass Popkultur die Rettung der Nation wäre. Doch ein kleiner Schlüssel liegt sicher im Zugang zur Jugend. Die würde gerade Fuß fassen in der Gesellschaft; nicht selten animiert durch gesellschaftliche Bilder, die von Künstlern wie „Wir sind Helden“ gezeichnet werden. Da wurden Entwicklungen verschlafen und Chancen vergeben. Dass der nächste Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin in gut einem Jahr wieder mit „Smudo“ von den Fantastischen Vier posie-
ren wird, die Tausendste „CD gegen Rechts“ präsentiert wird, scheint die einzig verlässliche politische Konstante zu bleiben. Selbst die Politikerköpfe bleiben austauschbar. Allein Bob Dylan’s „The Times are a-changin’“ scheint als Lüge enttarnt zu sein.

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