Einfach mal performativ denken

Das Essener NOW!-Festival macht es vor


(nmz) -
Essen, Ende Oktober − Günter Steinke, der kuratierende Kopf beim Essener NOW!-Festival, ist vom Fach, ist Komponist, ist Kompositionsprofessor, ist Autor. Nichts Zeitgenössisches ist ihm fremd. Wenn musikalische Zellen keimen, wenn sie sich aufspalten, ineinander übergehen, sich verformen − dann ist genau dies sein Metier. „form per form“, das Thema der zurückliegenden achten NOW!-Ausgabe, ist ihm deswegen auch kein Rätselwort, sondern lingua franca, Verkehrssprache. So sprechen wir, wenn wir über „Neue Musik“, wenn wir in einem „Festival für Neue Musik“ sprechen!
Ein Artikel von Georg Beck

Um so überraschender, dass sich eine aus lauter NOW!-Komponisten zusammengestellte Expertenrunde doch recht schwer tat, besagtem Festivalthema beizukommen. Irgendwie wollte der Probant nicht mitspielen. Statt sich ruhig hinzustellen, sich betrachten, beschreiben zu lassen, machte „das Performative“ den Zappelphilipp, als wollte es den Damen und Herren Komponisten eine Nase drehen. Wie wenn der Sprit zu Ende geht, stotterte und holperte das NOW!-Mittagsgespräch im Weißen Saal der Essener Philharmonie vor sich hin. Draußen schien die Sonne. Allein Johannes Kalitzke ließ erkennen, dass ihm die Unschärfe des Themas vertraut ist, dass er auch außerhalb von angesetzten Diskussionsrunden darüber schon einmal nachgedacht hat. Unter Anspielung auf „Hirn & Ei“, einer im Rahmen von NOW! aufzuführenden Carola-Bauckholt-Arbeit, in der das Schlagquartett Köln mit Gore-Tex-Jacken befasst ist, verwies Kalitzke auf die Diskrepanz von Ansatz und Wirkung. Als Komponist möge man ja neugierig sein, wie eine Jackenmusik klingt, das Publikum interessiere sich aber nicht dafür, sondern fürs Optische. Diplomatisch, aber deutlich diese Warnung vor dem „Aufgesetzten“, das damit einhergeht. Das „Performative“, so Kalitzke, gehöre eigentlich in die Vorstellung, ergebe sich aus der Vorstellungskraft, wofür der Komponist und Dirigent ein instruktives Beispiel aus seiner Dirigierklasse anführte. Wer sich den Dreier vorstellen kann, braucht keine Ruderbewegungen mehr zu machen, das Orchester setzt dann schon ein.

Ein Zusammenhang, für den das Fes­tivalprogramm übrigens selbst die schönsten Belege im Portefeuille hatte. Überzeugend geriet insbesondere der Festival-Auftakt. Der in buchstäblich letzter Sekunde eingesprungene Dirigent Friedemann Layer und die von ihm geführten Essener Philharmoniker waren als Opernorchester ohne Opernbühne nämlich geradezu dazu verdonnert, das Performative im Kopf entstehen zu lassen. Auf dem Podium Stühle, sonst nichts. Deirche Angerent und Andrew Schroeder musste das reichen, um den Schauer der sieben Kammern aus Bartóks einaktiker Oper „Herzog Blaubarts Burg“ entstehen zu lassen, ins Publikum weiterzureichen. Nach der Pause nutzte Angela Denoke dasselbe Arrangement, um im umgestürzten Stühle-Wald ihren toten Geliebten zu suchen: Schönbergs Monodram „Erwartung“ nach einer immer noch elektrisierenden Dichtung von Marie Pappenheim. Zusammen mit der von Ictus Ensemble und Collegium Vocale Gent musizierten Glass-Oper „Einstein on the beach“ waren das gleich drei Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts, die der Festival-Architektur zu sicherem Stand verhalfen − sowas ist natürlich der ganze Stolz eines jeden Kurators.

Woraus sich übrigens auch Rückschlüsse ergaben auf die Sichtweise dessen, was in Essen „Neue Musik“ heißt. Auch mit dem fordernden Ausrufungszeichen hintendran, sagt NOW! nicht: Her mit dem Letzten Schrei! Dem Kuratoren-Duo Günter Steinke/Hein Mulders als Philharmoniechef ist vielmehr daran gelegen, Grundständiges zu bieten, Breite abzudecken, natürlich auch dem Hier und Jetzt des Komponierens Raum, Bühne zu geben. Unausweichlich, dass sich da manches sortieren muss. Die japanischen Konzerte mit dem WDR-Sinfonieorchester unter Peter Eötvös, die man in Übernahme der WDR3-Reihe „Musik der Zeit“ präsentierte, waren so ein Beispiel. Gegen die zerbrechliche, 1973 komponierte Herbstmusik „Autumn“ von Toru Takemitsu, der sich mit dieser Konstellation aus westlichem Orchesterapparat und Japankolorit aus Biwa (Akiko Kubota), der eigentümlich perkussiv intonierenden, mit Plektron geschlagenen Kurzhalslaute und Shakuhachi-Flöte (Kaoru Kakizaki), einer im japanischen Faschismus missbrauchten Tradition neu versicherte − gegenüber diesem durchdachten, ausgehörten Klangraum fanden die vagabundierenden Streicher-Glissandi von „Glorious Clouds“ des Komponisten Dai Fujikura (*1977) einfach keinen Ort, blieben beliebig. Eine Dialektik von Hier und Jetzt, die im NOW!-Festival auch an anderer Stelle zutage trat.

Offene Fragen bescherte insbesondere ein kombinierter Abend an der Folkwang-Hochschule. Mit „Dressur − Schlagzeugtrio für Holzinstrumente“ erlebte man einen eigentlich ziemlich performativen Kagel-Klassiker, dessen Aufsässigkeit durch akademische Korrektheit leider völlig ausgetrieben wurde; Ratlosigkeit produzierte ferner eine live-elektronisch verstärkte, via Kamera als Großbild mitzuerleidende „Tatoo-Performance“, eine Komposition, deren Altern dann auch in Echtzeit mitzuverfolgen war. Groß waren die Erwartungen schließlich an „Untier“, die kombinierte Tanz/Musik-Arbeit von Thomas Neuhaus und Henrietta Horn. Der Ansatz, vielversprechend: mit Flöte und Kontrabass zwei Musiker auf der Bühne, die von Tänzern angespielt wie diese selbst von den Instrumenten zum zappeln gebracht werden. Was fehlte, war das letzte Quentchen Mut, den es braucht, um die Konvention aus Elektronik/Zuspiel/Video, diesen ewig gleichen Dauergästen in unseren Tanz/Musik-Formaten, einmal in die Pause zu entlassen. Apropos Mut. Was die in Essen so vorbildlich gepflegten Schlüssel- und Meisterwerke angeht − in dieser Hinsicht liegt noch manches, gerade auch in Essen, ungehoben. Eine ganze Debussy-Oper ließe sich beispielsweise mit vereinten NOW!-Kräften auf die Bühne respektive aufs Podium hieven. Die Suchworte wären: La chute de la maison Usher, Allende-Blin, Essen. Einfach mal nachgoogeln.

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