Entdeckungsreise in unbewältigte Vergangenheit

Fred K. Priebergs „Handbuch Deutscher Musiker 1933–1945“


(nmz) -

Mit dem zehnten Transport des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) aus Belgien trafen 1048 Juden aus dem Lager Malines ein. Nach der Selektion auf der Ausladerampe von Ausschwitz werden 230 Männer und 101 Frauen als Häftlinge in das Lager eingewiesen. Die übrigen 717 Deportierten werden in den Gaskammern ermordet. Unter ihnen ist Henri Hinrichsen, 74 Jahre alt, Geheimer Kommerzienrat, Stifter der Hochschule für Frauen als erste Einrichtung dieser Art in Deutschland (1911), Begründer des Musikinstrumentenmuseums Leipzig, Musikverleger, bis 1939 Inhaber des Verlages C. F. Peters und des Rieter-Biedermann-Musikverlages. Nach dem Überfall Hitlers auf Belgien im Mai 1940 wurde er in Brüssel verhaftet und nach Au
schwitz deportiert.

Ein Artikel von Peter Brixius

Von seinem Schicksal seit 1933 wüsste man nur wenig, gäbe es nicht das neue „Handbuch Deutscher Musiker 1933–1945“ von Fred K. Prieberg, erschienen zusammen mit dem „Archiv-Inventar Deutsche Musik 1933–1945“ auf zwei CD-ROMs im Selbstverlag (150 Euro, Information, Kontakt und Bestellmöglichkeit im Internet: www.fred-prieberg.de).
Prieberg folgt seinem Lebensweg seit 1933 akribisch, mit Angabe aller erreichbaren Quellen. Es fing mit einem Boykott des Peters-Verlags bei einer Notenausstellung zur Tagung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) an, gegen den Hinrichsen über Havemann bei Staatskommissar Hinkel um Hilfe ansuchte.

Hinrichsen wies darauf hin, dass die Maßnahmen des Dritten Reichs die deutschen Autoren schädige. Dieser Hilferuf führte vorübergehend zu einem Sonderstatus.

Knebelvertrag

Kurt Herrmann, ein Jagdgenosse Görings, machte ein erstes Kaufange-
bot für den Verlag mit einer Million Reichsmark und einer freien Ausreise Hinrichsens in die Schweiz. Der Druck verschärfte sich, nachdem Hinrichsen im November 1938 „ausgegliedert“, SS-Standartenführer Noatzke als kommissarischer Leiter des Verlages eingesetzt und Hinrichsen verboten wurde, die Verlagsräume zu betreten. Mit einem Knebelvertrag übernahmen die Gesellschafter Hermann als Finanzier und Petschull, frisch entlassener Prokurist bei Schott, als Verleger C.F. Peters. Die Kosten des Kaufes lagen weit unter dem wirklichen Wert, um die schäbige Abfindung wurde Hinrichsen mehrfach betrogen, die Auszahlung immer wieder hinausgeschoben, so dass der Sohn Hans den neuen Inhaber Petschull um eine pünktliche Abwicklung anflehen musste, da sonst schon wieder ein Ausreisevisum verfallen werde. Am 28. Januar 1940 reiste Hinrichsen nach Belgien aus, wo ihn die SS-Schergen bald erreichten. Sein Sohn Hans starb 1940 im französischen Internierungslager St. Cyprien an Typhus, sein Sohn Paul war vorübergehend im Isrealitischen Kinderheim untergebracht, dann wurde er Zwangsarbeiter in Fürstenwalde, 1943 wurde er in Auschwitz ermordet.

Dokumente, Kommentare

Prieberg dokumentiert nicht nur reichhaltig das Geschehen, er kommentiert es auch, schreibt mit Zorn und Eifer. Er füllt die Lücken, die andere Nachschlagwerke haben, ergänzt die nachlässig geführten Werkverzeichnisse von Komponisten, vervollständigt die Lebensläufe von Musikwissenschaftlern, nennt die Archive, die Quellen, zitiert ausführlich – ein unentbehrliches Werk für alle, die sich mit dieser Zeit beschäftigen. Es bleibt auch keineswegs bei 1945 stehen, sondern verfolgt die aufgezeigten Fäden, deckt Geschichtsfälschungen auf, nennt Namen und Zusammenhänge. Es ist eine aufregende Entdeckungsreise in ein Land, das man noch immer viel zu wenig kennt.

Da liest man von Professor Gerber, der in seinem Aufsatz über die „Musik der Ostmark“ Mahler als einen „tschechischen Ghetto-Juden“ bezeichnete, der „eine Ära des äußeren und inneren Verfalls“ einleitete. Gerber war auch Mitarbeiter des Sonderstabes Musik, des Unternehmens „Schau und Klau“, das Plünderungen von Kunstschätzen in Westeuropa organisierte.

Man erfährt von dem Komponisten Ottmar Gerster, dessen Oper „Die Hexe von Passau“, ein Stück aus dem Bauernkrieg, 1941 in Düsseldorf aufgeführt wurde. Für die Oper erhielt er 1941 den Robert-Schumann-Preis der Stadt Düsseldorf – „nicht Einzellos, sondern Volksschicksal […] eine Oper, die vom ersten bis zum letzten gegenwartsnah ist.“ (Heinzen in der Besprechung der Uraufführung) Nach 1945 wurde Gerster sozialistischer Komponist in der DDR – nun war seine „Hexe von Passau“ ein aufrührerisches Werk, das „von den faschistischen Behörden wieder abgesetzt, wurde“ (Czerny: Opernbuch). Prieberg dokumentiert Aufführungen in Bremen und Magdeburg, Essen, Liegnitz und so weiter.

Priebergs „Handbuch Deutscher Musiker 1933–1945“ ist ein umfangreiches, ein wichtiges Werk, das mit seinen Hinweisen vieles nur Geahntes zum gesicherten Wissen macht und wieder neue Fragen stellt. Das fast 10.000 Seiten umfassende Werk möchte man gerne gedruckt in Händen halten. Die digitalisierte Form, in der es nun vorliegt, befriedigt aus vielen Gründen nicht.

Statt sich etwa der Möglichkeiten der Digitalen Bibliothek zu bedienen, die ein solches Werk gut nutzbar machen könnten, liegt das Handbuch in einer pdf-Datei vor, die nur ungenügend indiziert ist (der Buchstabe „G“ hat zwar das Lesezeichen „Ge“, aber da braucht es schon Zeit, um zu Gerber zu kommen – sich bis Gerster durchzuscrollen, ist schon eine Zumutung – da ist das Stichwort „Gerigk“ dazwischen). Zitate sind nicht per „copy and paste“ zu übernehmen, es gibt keine Verlinkung zwischen den Artikeln – nur einen langen Text.

Prieberg: „Handbuch Deutscher Musiker 1933–1945“

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