Erfolge und Herausforderungen

Die Hauptarbeitstagung des VdM in Oldenburg


(nmz) -
Es galt, zwei Jubiläen zu feiern, einige wichtige Beschlüsse in der Bundesversammlung zu treffen; es galt, ein Grundsatzprogramm zu verabschieden und über zentrale aktuelle Fragestellungen des Verbandes und der Musikschularbeit zu diskutieren: Die Hauptarbeitstagung (HAT) des Verbands deutscher Musikschulen (VdM) in Oldenburg bot ein volles Programm. Daneben konnten die Teilnehmer auch Musik unterschiedlichster Art hören und hatten Gelegenheit, sich mit Kolleginnen und Kollegen über ihre Arbeit und ihre Situation auszutauschen.
Ein Artikel von N.N.

Nicht zum ersten Mal stand die „Inklusion“ im Zentrum der inhaltlichen Diskussionen. Angesichts der Bedeutung und Vielschichtigkeit des Themas, auch angesichts immer neuer Aspekte, die in die theoretische Diskussion wie in die praktische Musikschularbeit Eingang finden, hat die fortlaufende Beschäftigung damit durchaus ihre Berechtigung. So stand der zweite – inhaltliche – Tag der HAT wiederum ganz im Zeichen der Inklusion.

Bundesversammlung

Am ersten Tag stand traditionsgemäß die Bundesversammlung für VdM-Mitglieder an. Im öffentlichen Teil bekannten sich Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann, Annett Schwandner vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, und die Präsidentin des Verbands niedersächsischer Musikschulen, Gabriele Lösekrug-Möller (MdB), zur Bedeutung der Musikschulen. „Unsere Musikschulen sind spitze“, erklärte Schwandner, Lösekrug-Möller sprach von den „erstklassigen Musikschulen“, um dann festzustellen, dass diese eine Aufgabe übernehmen, die eigentlich dem Staat zukomme. Bundesvorsitzender Ulrich Rademacher mahnte in seiner Eröffnungsrede, auch angesichts der in diesem Jahr 25 Jahre währenden „deutschen Musikschuleinheit“ bei aller Freude über das Erreichte den Blick auf das Nicht-Erreichte nicht zu verstellen. Explizit nannte er dabei die prekäre Situation Berliner Musikschullehrer. Rademacher sprach auch von „Herkules-Aufgaben, die uns gerade fordern und beschäftigen“: die Integration von Flüchtlingen und der Weg zur inklusiven Musikschule.

Zum Flüchtlingsthema hatte es so-eben eine zweite Blitzumfrage unter den VdM-Musikschulen gegeben. Beispiele für Projekte und Initiativen finden sich auf den Internetseiten des VdM. Vorstandsmitglied Wolfgang Greth stellte die Umfrage kurz vor und nannte als Aspekte in der Flüchtlingsarbeit unter anderem die Zugänglichkeit der Musikschulen, strukturelle, rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen, Partizipation sowie Kooperationen und Vernetzung.

Er verwies auch auf die Arbeitshilfe, die der VdM derzeit zum Thema Inklusion erstellt und die in wenigen Wochen erscheinen wird. „Spektrum Inklusion“ wird diese Publikation heißen, die in einer Arbeitsgruppe und mit zahlreichen Autoren sorgfältig vorbereitet wurde. Die in dieser Arbeitsgruppe geführte Diskussion habe gezeigt, so Rademacher, „wie wenig selbstverständlich unser Inklusionsbegriff ist“. Ruddi Sodemann, Leiter der Musikschule Hürth, erörterte die drei Dimensionen, die sich im Buch wiederfinden werden: „Inklusive Kulturen schaffen – Inklusive Strukturen etablieren – Inklusive Praktiken entwickeln“.

Grundsatzprogramm

Bereits 2014 hatte der Verband ein Leitbild für die Musikschulen im VdM beschlossen. Dieses fand nun Eingang in ein Grundsatzprogramm, welches eine Art Bodenhaftung für das Leitbild sein soll. Eingebunden in den Leitbildprozess wie in die Erstellung des Grundsatzprogramms waren alle Verbandsebenen, von der einzelnen Musikschule über die Landesverbände bis zur Bundesebene. Friedrich-Koh Dolge, stellvertretender Bundesvorsitzender, zeichnet für den gesamten Prozess verantwortlich und präsentierte das jetzt erarbeitete Grundsatzprogramm vor der Bundesversammlung. Es diene der Verdeutlichung „unserer grundlegenden Werte, unserer Ziele und unserer Identität“ sowie der Orientierung nach innen und außen, so Dolge. Ziel sei die Darstellung grundsätzlicher Überzeugungen wie konkreter Forderungen und eine „deutliche Schärfung unseres Profils und damit Positionierung gegenüber unseren Partnern“. Das Grundsatzprogramm wurde einstimmig verabschiedet. In einer der kommenden nmz-Ausgaben wird es im Detail vorgestellt.

Bündnisse für Bildung

Im April hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Fortführung des Programms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ für weitere fünf Jahre beschlossen. Die Förderrichtlinien sollen bis Herbst 2016 überarbeitet werden, die Förderhöhe ist noch nicht beziffert. Klar ist aber: Die Zusammenarbeit mit den Verbänden soll in der bisherigen Form weitergeführt werden. Der VdM muss seine weitere Teilnahme am Programm noch formal beschließen. Hier gibt es eine klare Forderung aus den Reihen der Mitglieder: den Einsatz fest angestellten Personals in den einzelnen Projekten zu ermöglichen. Bisher laufen diese Projekte ausschließlich mit Honorarkräften. Der Bundesvorstand will sich für diese Forderung beim Ministerium stark machen.

LEOPOLD

Den Medienpreis des VdM für „Gute Musik für Kinder“ gibt es jetzt seit 20 Jahren. Zehn mal wurden bereits Kindermusikmedien mit einer Empfehlung oder mit dem begehrten LEOPOLD ausgezeichnet. Reinhart von Gutzeit, Juryvorsitzender seit Gründung des Preises, präsentierte einige Highlights aus 20 Jahren LEOPOLD-Geschichte, darunter den vielfachen Preisträger „Ritter Rost“ oder die liebevoll gestalteten Musik-Erzählungen aus der Edition Seeigel. Nur einen kleinen Eindruck der Vielfalt und Qualität der ausgezeichneten Produktionen konnten die HAT-Teilnehmer mitnehmen, aber sicher die Überzeugung, dass dieser Preis nicht nur eine wichtige Orientierungshilfe ist, sondern auch zur Qualitätssteigerung im Bereich Kindermedien beigetragen hat.

Bibliotheken

Die „Nürnberger Erklärung“ aus dem Jahr 2014 hat die stärkere Zusammenarbeit von Musikschulen und Musikbibliotheken implementiert. Heinrike Buerke stellte in Kurzform die Arbeit der Musikbibliotheken und Anknüpfungspunkte für die Kooperation mit dem VdM vor. Auch über die Musikbibliotheken in Deutschland wird in einer Herbstausgabe der nmz mehr zu lesen sein.

Bundeselternvertretung

Erfolgsmeldungen aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen hatte Sibylle Gräfin Strachwitz, Vorsitzende der Bundeselternvertretung im VdM im Gepäck und bekannte gleichzeitig: „Ich brenne für die öffentliche Musikschule.“ Dafür lohne es auch Klinken zu putzen, sich den Mund fusselig zu reden und sich auch schon mal eine Nacht um die Ohren zu schlagen. Ihre Botschaft an die anwesenden Musikschulvertreter: „Eltern sind lästig. Aber wenn Sie diese an Ihrer Seite haben, werden Sie auch von der Politik noch ernster genommen.“ Ihr Appell: „Auch mal Danke sagen …“.

Kooperation mit der ALMS

Erstmals war die HAT in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft der Leitenden musikpädagogischer Studiengänge (ALMS) vorbereitet worden. Das zeigte sich am zweiten Tag, an dem Inhaltliches zu den Themen „Inklusion in der Musikschulpraxis“ und „Arbeit mit heterogenen Gruppen“ diskutiert wurde. In den Anfangs-Statements, in der Podiumsdiskussion und als Moderatoren des World-Café waren Vertreterinnen und Vertreter der ALMS aktiv – und es zeigte sich, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen den „Ausbildern“ und den Institutionen der musikalischen Bildung sinnvoll und notwendig ist.

Spektrum Inklusion

Mit drei Eingangs-Statements startete der VdM in den zweiten Tag der Veranstaltung. Volker Gerland, Leiter der Musikschule Dortmund und Mitglied des Bundesvorstands, zeigte sich als „Überzeugungstäter“ in Sachen musikalische und kulturelle Bildung und formulierte die derzeitige Herausforderung als Frage: „Wie muss ich mich als Musikschule aufstellen, um ohne Einschränkung durch Vorbildung, soziale oder ethnische Herkunft, Alter, mögliche persönliche Handicaps oder andere Dinge möglichst vielen Menschen den Zugang zum beglückenden Erlebnis des Musizierens zu ermöglichen? – Wenn ich das nicht tue, werde ich als Überzeugungstäter unglaubwürdig.“ Die Musikschulen, so Gerland, hätten Nachholbedarf, wenn es um die Übernahme von gesellschaftlicher Bildungsverantwortung in ihrer ganzen Breite gehe. „Wir sind aber, wie ich spätestens seit unserer Potsdamer Erklärung finde, auf einem guten Weg.“ Schließlich erinnerte Gerland an die Verantwortung der öffentlichen Hand. „In einer Zeit, in der die Reichen immer reicher und die öffentliche Hand immer ärmer wird, werden auch eigentlich zentrale gesellschaftliche Aufgaben wie die Förderung von Kultur und kultureller Bildung an den Rand gedrängt, in Frage gestellt und in den Bereich privaten Engagements abgeschoben.“

Michael Dartsch, Professor für Elementare Musikpädagogik und Instrumentalpädagogik an der Musikhochschule Saar, beschäftigte sich in seinem Kurzvortrag mit dem Thema „Heterogenität in Gruppen“ und dessen Behandlung im Studium sowie mit dem Wechsel eines pädagogischen Paradigmas: weg von der Vorstellung, dass Homogenität in Lerngruppen nötig und möglich sei, hin zur Erkenntnis, Homogenität sei Illusion, Heterogenität wiederum könne besondere Lernchancen bieten. Im Studium, so Dartsch, müsse das Thema Heterogenität sowohl wissenschaftlich-didaktisch als auch in Praxisveranstaltungen bearbeitet werden.

Robert Wagner schließlich, Leiter der Musikschule Fürth und Vorsitzender des Bundesfachausschusses Inklusion, erläuterte noch einmal kurz den Inklusionsbegriff des VdM, um dann in einem Film eindrucksvolle Bilder von erfolgreicher inklusiver Musikschularbeit zu zeigen. „Einfach machen“, lautet Wagners Appell im Film. Ob das so „einfach“ ist, wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion mit Volker Gerland, Michael Dartsch und Eva Krebber-Steinberger, bis vor kurzem wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Dortmund in der Fakultät Rehabilitationswissenschaften und Mitglied des Bundesfachausschusses Inklusion, weiter erörtert. Dabei ging es auch um die Zusammenarbeit zwischen Musikschulen und Musikhochschulen und um die Bedeutung der Didaktik in musikpädagogischen Studiengängen.

Im „World Café“, das folgte, waren alle Teilnehmer gefragt, sich in wechselnden Formationen über Inklusion und heterogene Gruppen auszutauschen. Die vielfältigen Ergebnisse wurden anschließend präsentiert und werden als Grundlage für die weitere Beschäftigung mit den Themen innerhalb des Verbands dienen. Mehrfach wurden hier neue pädagogische Modelle, die Öffnung der Musikschule als „Lernort“ und eine Veränderung des Lehrer-Rollenverständnisses als Voraussetzung für gelingende inklusive Musikschularbeit genannt.

In verschiedenen Arbeitsgruppen konnten sich die HAT-Teilnehmer dann über praktische Aspekte und konkrete Fragen austauschen. So ging es in der AG „Inklusion und kulturelle Vielfalt“ um die Sorge von Eltern und Lehrern, im Rahmen der Flüchtlingsintegration könnten andere Musikschülerinnen und -schüler Nachteile erwarten, oder um konkrete Probleme bei der Zusammenarbeit mit den Kommunen. Über „Leitbild und Grundsatzprogramm des VdM als Handlungsauftrag“ diskutierten abschließend Vertreter des VdM mit den Teilnehmern der Hauptarbeitstagung.

Goldene Stimmgabel

Last but not least: Im Rahmen der Bundesversammlung wurde an 25 Jahre erfolgreiche Arbeit als gesamtdeutscher Verband erinnert. Entscheidender Motor der Vereinigung von DDR- und BRD-Musikschulen kurz nach dem Mauerfall war Ulrich Marckardt, zu dieser Zeit Leiter der Musikschule „Leo Spies“ im Ostberliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Für sein Engagement und seine Verdienste für die kooperative und relativ problemlose Vereinigung wurde ihm vom VdM-Vorsitzenden die Goldene Stimmgabel des Verbands überreicht. „Es gibt noch manches zu tun“, erklärte Marckardt in seinem Dank. „Aber wir haben in diesen 25 Jahren auch Tolles geschafft.“ 

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