Geburtstagsgruß mit heiligem Ernst

Das Keith Jarrett Trio gratulierte Manfred Eicher im Münchener Gasteig


(nmz) -
Sollte Keith Jarrett noch einmal eine Klassik-CD aufnehmen wollen, sei ihm Schumann ans Herz gelegt. Am besten als Begleiter in der „Dichterliebe“. Hier könnte er seine Kunst des Nachspiels leuchten und die Liedworte nachklingen lassen, genauso wie er es mit den Texten der Standards macht, die in seinen „Outros“ stumm und doch präsent mitschwingen. Bei seinem Münchner Trioauftritt sind das die Momente, die am stärksten nachhallen.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Vor allem zwei dieser Nachspiele haben diese einzigartige Qualität. In „It never entered my mind“ lässt er die charakteristische Tonwiederholung auf drei Noten reduziert wieder anklingen und deutet die zugrunde liegenden Harmonien noch einmal ganz neu. Tatsächlich scheint Schumann um die Ecke zu blicken. Bei „I thought about you“ ist es eine impressionistische, Debussy nahe Klangfläche, in der er die Essenz des Songs langsam auflöst. Jarrett gelingen solche Momente, weil er seinen Anschlag mit einer Differenzierung abschattieren kann, bei der sich mancher „Klassik-Piano-Star“ noch etwas ablauschen könnte. Für ein singendes Legato braucht er kein Pedal und lässt es bei vielen Soli konsequenterweise weg. Das hat zum einen den Vorteil, dass er dazu seine typische, halb stehende Haltung mit der Lizenz zum Wippen einnehmen kann, in der er sich paradoxerweise dem Inneren des Instruments zu nähern scheint. Vor allem aber schafft das Fehlen jeglicher Form diffuser akkordischer Wolkenbildung Raum für seine Kammerjazzpartner.

Dass dieser Transparenz im Münchner Gasteig das Moment der Wärme fehlte, hatte akustische Gründe, die auch ein Balanceproblem nach sich zog. Jack DeJohnettes pointiertes Spiel versteht jeden einzelnen Teil des Drumsets als eigenständiges Instrument. In vielen von der Snare und der Hi-Hat betonten Passagen nahm es aber die Schärfe von Nadelstichen an, die von den Saalwänden zurückprallten. Gary Peacocks Bass war (wie bisweilen auch Jarretts linke Hand) nur schwer vernehmbar, zu wenig tragfähig war, jedenfalls vom Seitenrang aus, der im Saal ankommende Klang.

Hatte man sich daran gewöhnt, konnte man die rhythmische Freiheit dieses seit 30 Jahren aufeinander hörenden Trios bestaunen. Ohne dass der übergeordnete Puls in Frage gestellt wäre, gibt es Phasen, in denen jeder sich in einem eigenen Rubatofeld zu bewegen scheint, ohne den anderen jemals aus den Augen zu verlieren. Eine reiche Textur schichtet sich aufeinander, die das Potenzial hätte, sich weiter ins Freie hinaus zu bewegen. Doch an diesem Abend bleiben die Songs kompakt in den Ausmaßen, ein wenig vorhersehbar auch im Ablauf, wenn Jarrett etwa bei den Balladen nach zwei, drei Chorussen Peacock den Vortritt lässt, um dann schon das Thema wieder aufzunehmen.

Die in den langsamen Nummern angestaute Intensität (mit „Little man you had a busy day“ ist auch eine Rarität dabei) entlädt sich jeweils in beschleunigtem Blues und Bebop. Ein veritabler Groove entwickelt sich dabei in Jarretts eigenem „Is it really the same“, einem größtenteils in der chromatisch umspielten Tonika verbleibenden Mollblues. Zu Ellingtons „Things ain‘t what they used to be“ liefert Jarrett ein grandioses, gospelartiges Intro, um das offizielle Set dann mit „Answer me my love“ abzuschließen. Sogar daraus – es ist Gerhard Winklers Schnulze „Glaube mir“ – macht das Trio einen würdigen Jazzwalzer.

Im Zugabenblock kam dann Gary Peacocks großer, kleiner Auftritt mit einem intimen Solo zu „When I fall in love“, bevor der über weite Strecken mit heiligem Ernst zelebrierte Abend mit einer kurzen kollektiven Rhythmuszuckung zu „Straight, no chaser“ herrlich skurril ausklang. Ein Luxus-Ständchen für ECM-Chef Manfred Eicher also, zu dessen 70. Geburtstag sich Jarrett, Peacock und DeJohnette in München eingefunden hatten. Nur allzu gerne hätte man gewusst, was er und sein Sitznachbar Arvo Pärt dazu zu sagen hatten…

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