Gegenwartsmusik, wie hältst du es mit der Politik?

Das Leipziger Festival „MachtMusik“ stellt die Gretchenfrage


(nmz) -

Alles spricht von Systemen. Auch die Kultur- und Sozialwissenschaften. Sie beschreiben beispielsweise die Politik als ein großes, in sich geschlossenes soziales System, das nach eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Ebenso interpretieren sie die Musik beziehungsweise das Musikgeschäft als etwas Eigenständiges mit Systemcharakter. Eine äußerst spannende, aber leider nur schwer zu beantwortende Frage ist, wie beide Systeme miteinander wechselwirken. Dass sie es tun, scheint jedenfalls unzweifelhaft. Wie sonst hätte das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig e.V. (FZML) auf die Idee kommen können vom 13. bis 23. September ein „Festival für politische Musikkultur“ unter der Überschrift „MachtMusik“ zu veranstalten?

Ein Artikel von Nico Thom

Schon der Titel ließ vermuten, dass die Initiatoren strukturelle Kopplungen zwischen Politik- und Musiksystem voraussetzen. Im Programmtext bestätigte sich dieser Verdacht: „Musik war immer Gradmesser politischer Gegebenheiten. Sie ließ sich häufig mit den Verhältnissen ein, war anbiedernd und machtbesessen oder auch gefährlich und subversiv. Sie wurde genauso benutzt, wie sie verändern wollte, genauso kritisiert, wie sie selbst polemisierte.“

Die zentrale Frage auf der Agenda der Festivalmacher war also nicht, ob es überhaupt eine wechselseitige Beziehung von Musik und Politik gibt, sondern wie sich diese in der Gegenwart gestaltet. Um der Komplexität der Fragestellung gerecht zu werden, setzte man in Leipzig auf eine bewusst undogmatische und ergebnisoffene Diskussion und ließ nicht selten die Musik für sich sprechen. Die Gefahr, die Frage nur zu umkreisen, ohne sie zu beantworten, nahm man damit in Kauf – und das war auch gut so. Bereits die das Festival eröffnende Podiumsdiskussion mit Thomas Christoph Heyde (Komponist/Festivalkurator), Torsten Möller (Musikwissenschaftler/-journallist), Eiko Kühnert (Kulturwissenschaftler/Beauftragter für Extremismus und Gewaltprävention) und Martin Büsser (Publizist) zeigte, dass das Thema viele Facetten und Fallstricke hat, die es zu bedenken und zu vermeiden gilt. Wie zu erwarten war, förderte die Diskussion sehr schnell verschiedene Begriffe von Politik und Musik zutage. Je nach biographischem Kontext redete man entweder über den Punk der 80er-Jahre und die ehemals eindeutige politische Separation von musikalisch sozialisierten Jugendgruppen, die an Bedeutung verloren habe (Büsser), oder man sprach von der Tradition des politischen Komponierens in der Nachfolge Nonos, die bis in die späten 70er-Jahre hinein zu verfolgen sei (Möller), oder ganz allgemein über die musikalischen Mittel zur Umsetzung politischer Inhalte und die Symbole und Codes in politisch-extremen Musikszenen (Kühnert), außerdem aber auch über die Diskurslastigkeit der Neuen Musik und das Problem der Erkennbarkeit von politischen Anspielungen in Werken zeitgenössischer Komponisten (Heyde). Die zaghafte, aber durchaus sachliche Plauderstunde wurde von einem Live-Set des Noise-Electronica-DJs Alec Empire beschlossen, der die physische Wirkkraft von Musik unter Beweis stellte und mit seinen hirnzermarternden Krachattacken ein radikales Statement abgab. Der exakte politische Inhalt seiner Performance erschloss sich aber nur denjenigen, die der akustischen Lebensgefahr trotzten und den Raum nicht verließen.

Laut ging es auch auf dem Konzert der Skeptiker zu, jener legendären deutschen Punkband, die seit 1986 das linke Fußvolk mit Klassikern wie „Wehr dich!“ oder „Klassenkampf“ versorgt. Eindeutige Aussagen über vermeintlich klare Sachverhalte schallten aus den Boxen, allesamt in grobes musikalisches Leinen gehüllt, und sie verfehlten ihre aufreizende Wirkung nicht: Das irotragende Publikum pogte vor der Bühne um die Wette oder stand, wenn schon etwas älter, bierselig und von der Nostalgie tränengerührt im Hintergrund, dabei stets politisch lächelnd.

Beim ersten der beiden Konzerte mit avantgardistischer Kunstmusik hätte man zwar ebenso emotional-ausgelassen Anteil nehmen dürfen, das musikalische Material legte jedoch eine besinnlichere Rezeptionsweise nahe. Kammermusikalische Werke von Henze, Lachenmann, Schenker und Nono standen auf dem Programm und das Forum Ensemble beziehungsweise diverse Solisten trugen sie vor. Die Sopranistin Stefanie Wüst zum Beispiel intonierte Luigi Nonos Komposition „La fabbrica illuminata“ aus dem Jahre 1964, welche auf Texten von G. Scabia und C. Pavese basiert und den Arbeitern/-innen einer italienischen Fabrik gewidmet ist. Die frühe 4-Kanal-Komposition verwertet Geräusche eines Walzwerkes ebenso wie gesprochene, gesungene und geflüsterte Passagen eines Arbeiter/-innen-Chores. Stefanie Wüst deklamierte darüber mit viel Feingefühl eindringliche Worte zur menschenunwürdigen Situation eben jener Arbeiter/-innen und belebte die mehr als vierzig Jahre alte schaurig-schöne Komposition zu neuem Leben. Wie aus weiter Ferne vernahm man das rastlose Rufen des wohl politischsten Komponisten der Nachkriegsgeneration und machte sich unweigerlich Gedanken über den Status quo politisch-engagierter Kunstmusik.

Diesem konnte man im Rahmen ei-nes zweiten Konzertabends nachspüren, bei dem das Ensemble Mosaik neuere Werke zeitgenössischer Komponisten/-innen aufführte. Die vorgestellten Stücke von Helmut Oehring, Olga Neuwirth, Rolf Riehm und Chaya Czernowin bedienen sich allesamt abstrakter Sujets und lassen politische Intentionen nur auf den zweiten oder dritten Blick erkennen, wenn überhaupt.

Auch das uraufgeführte Stück „3 x kurz – 3 x lang, simple pieces for opportunists“ des Festivalkurators Thomas Christoph Heyde verzichtet auf einen klar benennbaren Polit-Kontext. Es bezieht sich stattdessen auf den international bekannten SOS-Morsecode sowie auf einen eher ideellen „Notruf der Ungehörten“. Mit MC Torch hatte man einen deutschen HipHoper der ersten Stunde geladen, der einst mit außergewöhnlich politischen Texten auf sich aufmerksam machte. Merkwürdigerweise lieferte er in Leipzig nur einen szenetypischen „Ich-bin-der-Größte“-Auftritt ab, der zwar Stimmung unter den anwesenden Graffiti-Kids verbreitete, aber mit Politik wirklich nichts zu tun hatte. Um die kümmerten sich junge Poeten aus dem gesamten Bundesgebiet, die sich auf einem Poetry Slam vereinten und verschiedene Formen der Sprechkunst durchexerzierten. Leider fehlte diesen Beiträgen nun wiederum der musikalische Bezug.

Die schwierige Balance zwischen Wort, Musik und Politik gelang schließlich am letzten Abend des Festivals. Der „Wettbewerb Politisches Lied/Song“ führte Musiker/-innen aus dem In- und Ausland zusammen, die im Vorfeld von einer Jury ausgewählt worden waren und sich nun in den Sparten E- und U-Musik um Kopf und Kragen spielten. Am Ende gewann Diego Uzal aus Chile mit der Uraufführung seiner Komposition „Work in Progress: Manifest. Etüde zu „avoir l’apprenti dans le soleil“ in der Rubrik E-Musik und die deutsche Band „Fön“ mit dem Song „Sonst noch Wünsche“ den U-Musik-Preis der Jury. Den Publikumspreis nahm das Duo Die Aebte mit nach Hause, weil sich dessen „Klapperstorch“-Song durchgesetzt hatte.

Eigentliche Gewinner waren jedoch die Mitglieder der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot, die den Wettbewerb musikalisch-beschwingt und politisch-heiter begleiteten. Der ironisch-bissige Frontmann der ungewöhnlichen Berliner Blaskapelle hatte kurzerhand die Moderation der Veranstaltung übernommen und ließ nichts, aber auch rein gar nichts unkommentiert. Mit einem persönlichen und nicht ganz unernsten Fazit brachte er schließlich die Besonderheit des Festivals auf den Punkt: „Ich glaube, dass die wahrhaft politische Tat dieses Festivals darin besteht, dass man E- und U-Musik gleichberechtigt zusammenführt, denn es geht ja letztlich auch im Musikbusiness um Macht, und nicht nur in der Politik.“

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