Genozidales Potenzial?

Uraufführungen 2021/7-8


(nmz) -
Alles Neue übt Kritik an Bestehendem. Auch in neuer Musik manifestiert sich kritischer Geist, jedoch meist nicht eindeutig und direkt greifbar, sondern auf unterschiedliche Weise, auf verschiedenen Ebenen, in mehrere Richtungen, thematisch unbestimmt, strukturell variabel, vielgestaltig, assoziativ, auratisch, schillernd, vage, traum- und rätselhaft. Der Innovationsdrang der westlichen Moderne führt folglich – könnte man denken – zu wachsender Ausdifferenzierung, Pluralität und Uneindeutigkeit. Die Kunsthistoriker Christian Saehrendt und Steen T. Kittl schreiben daher in ihrem Buch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ (2016) der Kunst insgesamt die Fähigkeit zu, eben das auszubilden, „was die Psychologen ,Ambiguitätstoleranz“ nennen – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, unlösbare Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten, nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst.“ Das klingt vielversprechend. Doch stimmt es auch? Wird die helfende Kraft von Kunst, „eine differenziertere Gefühlskultur zu entwickeln“, womöglich idealisiert?
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Der Semitist, Germanist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer beschreibt in „Die Vereindeutigung der Welt“ (2018) im Gegenteil gerade einen in allen Lebensbereichen grassierenden „Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“. Seit 1800 ging der Vogelbestand in Deutschland um 80 Prozent zurück. Ebenso gravierend ist der Schwund an Insekten allein während der letzten 25 Jahre. Von einst zwanzigtausend Apfelsorten kommt heute kaum mehr ein halbes Dutzend in die Läden. Weltweit gelten 70 Prozent aller Pflanzenarten als gefährdet. Und während der kommenden Jahrzehnte wird fast ein Drittel der rund 6.500 auf der Welt gesprochenen Sprachen aussterben. Das sollte uns alarmieren: Gibt es womöglich eine Disposition der Moderne zur Vernichtung von Vielfalt? Eignet auch dem westlichen Fortschrittsdenken in Kultur, Kunst, Musik ein solches „genozidales Potential“? Schließlich wirken auch hier Rationalismus, Funktionalismus, Determinismus, Technisierung, Digitalisierung, Globalisierung, allesamt ambiguitätsintolerante Mechanismen, die das menschliche Bedürfnis nach eindeutiger Bedeutung und Benennung befriedigen.

Bauer diagnostiziert das Schwinden von Diversität und Ambiguität gerade inmitten des herrschenden Reichtums und Überangebots. Denn das bloß Viele garantiert noch lange keine Vielfalt und Vieldeutigkeit. Das belegen die zahllosen Fernsehprogramme, die alle nur Krimiserien zeigen, deren Plots alle nur darauf angelegt sind, den Täter zu fassen. Identifikatorisches Schubladendenken bestimmt auch die sowohl linkspluralen als auch rechtskonservativen Festlegungen eines jeden Menschen auf genau eine Nation, Kultur, Hautfarbe, Geschlechtlichkeit und sexuelle Vorliebe. Jedem Töpfchen sein Deckelchen. Das aktuelle Modewort „Authentizität“ verdeckt dabei systemische Konformität. Der ästhetische Imperativ „Zeige Dich als Du selbst!“ fördert oft kaum mehr zu Tage als unreflektiert reproduzierte Rollenbilder, Klischees, Alltäglich- und Durchschnittlichkeit, die man zum vorgeblich Wesentlichen, Eigentlichen essenzialisiert. Die Bedeutungslosigkeit von Kunst und Musik wird dann durch Politisierung kaschiert, also erneut mit inhaltlicher Vereindeutigung beantwortet statt mit Vieldeutigkeit. Laut Bauer findet bereichernde Ambiguität aber „nur zwischen den Polen Eindeutigkeit und unendlich vielen Bedeutungen statt. Es kommt auf das rechte Maß an“. Vielleicht treffen dieses „rechte Maß“ die im Sommer uraufgeführten Kompositionen?

Uraufführungen (weiterhin mit Vorbehalt):

  • 02.07.: Elena Kats-Chernin, Der Wind in den Weiden – Kinderoper, Staatstheater Kassel
  • 08.07.: Olli Mustonen, Inventio für Vio­loncello, Kammermusikfest Lockenhaus
  • 26.07.: Clemens K. Thomas, Lucia Kilger, Ria Rehfuß, neue Werke zu „Berühren // Nicht-Berühren in Zeiten von physischer Distanz“ für ensemble scope, Kurhaus Titisee
  • 31.07.–08.08.: Sommerliche Musiktage Hitzacker mit zehn neuen Werken, u.a. von Iris ter Schiphorst, Clemens von Reusner und Aigerim Seilova
  • 04.08.: Carl Orff/Paul Leonard, Die Bernauerin in reduzierter Fassung, Kloster Andechs
  • 18.08.: Nikolaus Brass, Haydn-Mauer für Capella Augustina, Haydn-Festival Schloss Augustusburg Brühl
  • 28.08.: Zeynep Gedizlioglu, Entlang der Lieder für Campus-Projektorchester und Bundesjugendorchester, Beet­hovenfest Bonn im Staatenhaus Köln

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