Geschmeidige Übergänge

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Neues von Death Cab for Cutie, DORO, ME + MARIE, Gorillaz und Florence and the Machines.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Da hat sich was angestaut über den Sommer. Emotionen, Gefühle, Kräfte. Ziemlich gut klar damit kommen Death Cab for Cutie auf ihrem Album „Thank you für today”. Natürlich, wenn man so einen überragenden Songwriter wie Ben Gibbard sein Eigen nennt. Wiederum überzeugt die Band aus Washington mit einer Form des alternativen Rocks, des unabhängigen Pop, des freigeistigen Blicks. Lakonie aus allen Rohren. Süße Melodien, die sich lavaartig ausbreiten, erst nicht wollen, aber dann alle Rezeptoren besetzen und kompromisslos in den Gehörgang drängen. Und, daran erkennt man ja stets gute Alben und Musik: Es ist ein Album, das zum Ausklang des Sommers ebenso passt wie zur Hipster-Party im New Yorker Loft, in dem sich all die Wannabes versammeln und sich die langen Bärte kraulen. Anspieltipps: When we drive, Northern Lights, Near/Far. (Atlantic Records)

Je länger Mann oder Frau im Geschäft ist, desto aufdringlicher werden die vergebenen Zusatztitel. DORO (Doro Pesch), die „letzte“ Frau im Heavy Metal-Genre, bleibt davon nicht verschont. Ikone, Legende, Institution. Hat man alles schon gelesen. Interessanter ist da vielmehr ihr Weg. Begonnen als Sängerin bei „Warlock“, seit Jahrzehnten aber nun als DORO solo und sehr erfolgreich unterwegs. Ein Weg, der nun mit dem Album „Forever Warriors // Forever United” ein weiteres Kapitel schreibt. Nach sechs Jahren Pause gibt es also ein Doppelalbum. Teil 1 eher laut und stampfend, Teil 2 eher etwas besonnener und ruhiger. Dass Doro Pesch das Rad im Heavy Metal nicht neu erfunden hat, weiß man seit langem. Und so bekommt man eben von DORO immer die gleiche, aber eben auch die gleiche herzblutige Metalmahlzeit serviert. Viele Songs sind an manchen Ecken und Stellen austauschbar, aber Doros Präsenz und ihre Überzeugung machen die manchmal maue musikalische Kost definitiv wett. Ein sehr ordentliches Album, das prima zu all den anderen DORO-Alben passt. Anspieltipps: Bastardos, Don’t break my heart again, Be strong, 1000 years. (Nuclear Blast)

Wenn das mal kein Überraschungs- und „Album des Jahres“-Anwärter ist. ME + MARIE, ein Duo (Maria de Val, u.a. Schlagzeug, Gitarre und Gesang mit Roland Scandella, Gitarre und Gesang) lassen es auf „Double Purpose“ mal richtig krachen und die emotionalen Hosen herunter. Sind das schöne Songs zwischen Krach, Melodie, Süffisanz, Gitarren, Knarzigkeit, Demut, Schöngeist, Verlustangst und Freiheit. Die beiden sind zunächst großartige Songwriter mit Gespür und Intuition. Das schmiegt sich ganz zärtlich an die Umsetzung der Songs, es ist laut, wenn man es erträgt, es wird leise, wenn man es will. Wirklich ganz großartig umgesetzt. Musikalisch nicht so opulent instrumentiert. Hat man zumindest vordergründig den Eindruck. Dahinter steckt schon was. Aber wir hören es nicht. Und dann tut es gut. Dem Song. Dem Hörer. Der Hörerin. Es gibt hier auch keine Vergleiche, man kann nicht sagen, klingt wie soundso. Ein Überraschungsalbum, obwohl „One Eyed Love“, das Album aus dem Jahr 2016, ganz kleine Hinweise hatte, das ME + MARIE mehr als Potential haben. Nämlich Hingabe. Anspieltipps: Still Water, Nothing At All, The Only Ones. (Blanko­musik)

Gegründet 2001 von Damon Albarn (Blur) und Comiczeichner Jamie Hewlett treibt die einzige virtuelle Band der Welt, die Gorillaz, weiterhin ihr Unwesen. „The Now Now“ turtelt ganz angenehm vor sich hin. Es ist freilich Pop, der sich vieler Beispiele aus den 80ern bedient, der auf wiederholende Redundanz setzt, ein bisschen zu viel will und ab und an, zumindest auf diesem Album, die exakte Richtung verliert. Vielleicht ist ein wenig zu viel Damon Albarn im Album zu hören, das an vielen Stellen so klingt, wie man es ebenso von Blur erwarten könnte. Solide also, aber kein erneutes Highlight, da etwas zu verspielt. Anspieltipps: Kansas, Lake Zurich, Fire Flies. (Parlophone Label Group)

Ein neues, wiederum sehr schönes Album gibt es von Florence and the Machines. Je öfter man „High as Hope“ hört, desto mehr verliebt man sich in dessen Melodien. Desto mehr lässt man sich in diesen oft unüberwindbaren Strudel hinunterreißen, der opulent aber zugleich klar wirkt, der laut, aber zugleich leise klingt, der mäandernd aber zugleich ausgedörrt blüht. Ein unglaublich schönes Album. Anspieltipps: Hunger, Big God, Grace. (Virgin)

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