Glosse

Heute back‘ ich, morgen brau ich …


(nmz) -
Zum zweiten JeKits-Jahr
Ein Artikel von Wanda Wundamich

Wer kennt nicht den Spruch von Rumpelstilzchen aus dem bekannten Märchen der Brüder Grimm? Wie viele der Märchen verweist auch dieses in eine lang zurückliegende Vergangenheit. Doch ist die Aussagekraft der Märchen nach wie vor aktuell. Die Figuren sind Prototypen des wirklichen Lebens: die missgünstige Stiefmutter, die böse Hexe oder die gute Fee. So auch Rumpelstilzchen. Es soll das Versprechen einer Hochstaplerin einlösen, die, um Karriere zu machen (Königin zu werden), vorgibt, aus Stroh Gold spinnen zu können.

Als Gegenleistung verspricht sie eilig, als sie unter Druck gerät, als künftige Königin ihrem Komplizen ihr erstgeborenes Kind. Im Märchen wird dieser üble Plan vereitelt: Rumpelstilzchen wird enttarnt, vernichtet sich selbst – und das Königskind darf wohlbehalten aufwachsen.

Anders ist die aktuelle kulturpolitische Fassung. Die Landesregierung hat die Rolle der Königin inne. Sie verspricht vollmundig, durch das Je- Kits-Programm innerhalb eines Jahres Grundschulkinder in Fünfergruppen zum Instrumentalspiel zu führen. Überdies soll bei diesen Instrumentalanfängern im selben Jahr durch das zusätzliche Ensemblespiel mit anderen Instrumenten (die aber wiederum von Anfängern desselben Jahrgangs gespielt werden) auch noch das Feuer der Musikleidenschaft und Spielfreude entfacht werden.

Dieses Ansinnen ist weiß Gott märchenhaft: Hier soll Stroh zu Gold gesponnen werden. Musikpädagogen als Rumpelstilzchen, denen man mit eilig entwickelten didaktischen Konzepten und zweifelhaften Fortbildungen magische Zauberkräfte verleihen will. Die verschacherten Kinder werden zum Opfer schulpolitischer Hochstapelei. Anders als im Grimm’schen Märchen wird es kein gutes, sondern ein trauriges Ende haben, denn in unseren Tagen interessiert sich keiner dafür, den geheimnisvollen Namen zu erraten, keiner hat ein Interesse daran, den bösen Plan zugunsten der Kinder zu durchkreuzen. Nein, es ist sogar umgekehrt: Aus dem königlichen Gold der kindlichen Begabung und Neugierde wird das kulturpolitische Stroh des musikalischen Dilettantismus.

Das könnte Sie auch interessieren: