Große Musik für die Kleinsten

Ein Gespräch über phantasievolle frühkindliche Musikvermittlung in Orchestern auf der Leipziger Buchmesse


(nmz) -
Um „Große Musik für die Kleinsten – phantasievolle frühkindliche Musikvermittlung in renommierten Orchestern“ ging es auf einem Panel im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2019 am Stand des ConBrio Verlages. Partner war die Robert Bosch Stiftung mit dem Förderprogramm „Kunst und Spiele“, beteiligt waren die Programmleiterin von „Kunst und Spiele“, Natalie Kronast, Simone Siwek von den Münchner Philharmonikern, Kristin Lovsky von der Kammerakademie Potsdam und Isabel Stegner, Musikvermittlerin für das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, nmz-Redakteurin Ursula Gaisa moderierte.
Ein Artikel von Ursula Gaisa

neue musikzeitung: Frau Kronast, seit 2013 gibt es das Programm „Kunst und Spiele“, und seit 2013 sind Sie auch dabei.  Können Sie ganz kurz umreißen, worum es der Robert Bosch Stiftung hauptsächlich geht?

Natalie Kronast: Die Zielgruppe des Programms sind Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren. In der Praxis fokussiert sich die Arbeit der geförderten Einrichtungen überwiegend auf das Alter 3 bis 5, 4 bis 6, auch die beteiligten Orchester konzentrieren sich auf diesen Altersbereich. Wir wollen genau diese Altersgruppe über Kunst- und Kultur-einrichtungen erreichen – nicht in den Kindertheatern oder Kindermuseen, sondern in „erwachsenen“ Kultureinrichtungen bundesweit, an denen man die Anwesenheit junger Kinder normalerweise nicht selbstverständlich voraussetzt. Wir wollen Kita-Kinder erreichen und haben momentan 18 Kunst- und Kultureinrichtungen bundesweit in der Förderung, darunter eben die drei Orchester, deren Vertreterinnen jetzt hier sind und Musiker der Kammerakademie Potsdam, die uns heute schon einen praktischen Einblick in ihre Arbeit gegeben hat. (Video unter nmz.de/media)

nmz: Was sind die Bedingungen für eine Förderung durch die Stiftung?

Kronast: „Kunst und Spiele“ ist kein klassisches Projekt-Förderprogramm oder -instrument, wir erwarten von den geförderten Häusern keine komplett fertige Projekt-Idee, wenn sie sich bei uns bewerben. Wir erwarten aber eine Vision und wollen wissen, warum und wie sie ihre Türen für die Allerkleinsten aufmachen wollen. Und dann darf im Rahmen von „Kunst und Spiele“ ganz viel passieren: Die Idee wird in konkrete Methoden umgesetzt, mit denen die Altersgruppe erreicht werden kann. Bis die Einrichtungen dahin kommen, wird sehr viel erprobt und konzeptionell gearbeitet, immer auch in Kooperation mit Bildungseinrichtungen, das heißt mit Kitas oder Grundschulen.

nmz: Frau Siwek, bei den Münchner Philharmonikern spielt die Musikvermittlung schon seit vielen Jahren eine große Rolle. Warum? Und wie sind Sie in „Kunst und Spiele“ involviert?

Simone Siwek: Für unseren Intendanten Paul Müller ist die Education-Arbeit Teil des Kerngeschäfts und nicht nur „nice to have“, also ein Anhängsel der Presse- und Marketingabteilung.  Das hilft sehr, außerdem gibt es drei Orchestermusiker, die ehrenamtlich bei mir im Team mitarbeiten und unsere Ideen an den Rest weitergeben. Ich bin sehr glücklich, dass unser Orches-ter so kooperativ ist. Wir erreichen mit zirka 150 Education-Veranstaltungen im Jahr über 35.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und haben vor einigen Jahren damit angefangen, unser Programm für  verschiedenste Zielgruppen aufzusplitten, um möglichst allen etwas anbieten zu können, vor allem auch Erwachsenen und jungen Erwachsenen. Als das Programm „Kunst und Spiele“ auf unserem Schreibtisch landete, waren wir genau in der Phase, in der wir erkannt haben, dass wir sehr viel Neues für junge Erwachsene entwickelt haben, aber jetzt wieder die Allerkleinsten zum Zug kommen sollten. Wir brauchten dringend wieder eine neue Initiative. Natürlich bieten wir Instrumenten-Demos, Kinderkonzerte oder Familienkonzerte, aber unser Anliegen war es, gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung ein ganz neues Projekt zu konzipieren. Deswegen kam das genau im richtigen Moment.

nmz: Und wie genau kann man sich dieses Projekt vorstellen?

Siwek: Seit 2015 arbeiten wir mit einer Grundschule und deren ersten und zweiten Klassen, die jeweils ein eigenes Lied gestalten. Der Workshop heißt daher „Ein Lied für jede Klasse“ und folgt den Prinzipien der „Community Music“. „Community Music“ möchte integrativ und voraussetzungslos  verschiedene Musik- und Kulturformen in Verbindung bringen und mit den Teilnehmern gemeinsam etwas Neues entwickeln, nicht ein fertiges Konzept oder Programm abspielen. Über mehrere Monate hinweg sind Musiker von uns mit einem Musiktherapeuten in der Klasse. Es beginnt mit der Suche nach einem Thema, das die Kinder betrifft. Dann beginnt darum ein kreativer Prozess, der die Ideen der Kinder in den Mittelpunkt rückt und schließlich in einer musikalischen Performance mündet, bei der die Klasse dem Publikum „ihr Lied“ präsentiert.

nmz: Frau Lovsky, Sie und die Kammerakademie Potsdam sind seit 2017 mit im Boot und im Tandem mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Kristin Lovsky: Die Initiative kam von Isabel Stegner, Projektleiterin beim RSB

Isabel Stegner: Ich bin nach wie vor aktive Musikerin bei der Kammerakademie Potsdam, aber gleichzeitig beim RSB für die Musikvermittlung zuständig und Programmleiterin für „Kunst und Spiele“. Wir sind mit dem RSB schon 2013 in der ersten Förderrunde in das Programm eingestiegen und haben eine Kinderkonzertreihe entwickelt: „Rapauke macht Musik“. Inzwischen spielen wir jedes Konzert sechsmal, die komplette Abo-Reihe ist immer schon nach wenigen Tagen ausverkauft. Wir haben eine echte Marktlücke entdeckt, der Bedarf ist enorm. Nachdem das nun in Berlin so gut lief und wir nach zwei Förderphasen aufgefordert wurden, einen Tandempartner mit ins Boot zu holen, habe ich natürlich an mein „anderes“ Orchester gedacht. So gelangte die Kammerakademie mit in die Förderung.

nmz: Und war es eine gute Idee, Frau Lovsky?

Lovsky: Auf jeden Fall! Wir genießen  dieses Tandem nun seit über einem Jahr und können durch die Doppelfunktion von Isabel einerseits aus ihrem musikvermittlerischen Wissen schöpfen, gleichzeitig ist sie als Musikerin nah dran an den Kollegen und kann so vor Ort einfach ihr Wissen direkt weitergeben. Das ist ein Segen.

nmz: Was macht es mit Ihren Häusern, dass Sie an solchen Projekten beteiligt sind? Was sind die Auswirkungen?

Stegner: Es setzt sich immer mehr die Einstellung durch, dass Programme für die Allerkleinsten nicht Programme für die Zukunft, sondern Programme für jetzt sind. Wir haben lange mit diesem „Um zu“-Gedanken gekämpft: „Wir machen jetzt etwas, damit die dann später in die „richtigen“ Konzerte kommen“. Es ging also meist darum, dass man für die Zukunft etwas erreichen will. Inzwischen hat sich doch die Auffassung durchgesetzt, dass die „Kleinen“ genauso unser Publikum von heute sind wie die „Großen“, und wir für sie ein genauso hochwertiges Angebot machen wollen.

Kronast: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil Sie ja vorhin fragten, „warum machen wir das eigentlich?“  Es geht weniger um die Frage „wer ist die Zielgruppe?“, sondern darum, was wir bei der Zielgruppe bewirken. Und da geht es überhaupt nicht um das Publikum von morgen, da sind wir ganz empfindlich, wenn wir das in einer Bewerbung lesen – glücklicherweise kommt das kaum mehr vor. Es geht natürlich um das Publikum, aber nicht im Sinne von „wir wollen das zukünftige Bildungsbürgertum heran erziehen“, sondern wir wollen – das ist inzwischen eine fast schon überstrapazierte Formulierung, aber so wichtig – kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, und das gelingt in dieser Altersgruppe wunderbar.

nmz: Gibt es bereits Erfahrungen, was das Programm mit den Kindern macht, eine „Langzeitwirkung“?

Kronast: Ich glaube, alle Einrichtungen können davon berichten. In die Kunsthalle Bremen bringen zum Beispiel Kinder ihre Eltern mit, Eltern, die normalerweise nie ins Museum gegangen wären. Oder wir haben das Deutsche Filminstitut in Frankfurt mit im Boot, das mit dem Mini-Filmclub bereits Vierjährige anspricht – nicht mit Disney-Filmen oder Zeichentrickfilmen, sondern mit Autorenfilmen der 1920er-Jahre, mit Avantgarde-Filmen. Diese Filme sind inzwischen selbstverständlich auch in die Kita eingezogen, stehen neben den Lieblingsbilderbüchern.

Stegner: Bei uns ist im Laufe der Jahre eine Art Vakuum entstanden. Die „Rapauke“-Konzerte sind eine Abonnementreihe für Kinder von drei bis sechs Jahren. Wir haben dann gemerkt, dass die Kinder, die mit sechs Jahren Abonenten waren, mit sieben Jahren immer noch kamen, weil wir kein Anschlussangebot hatten. Also hat „Rapauke“ jetzt eine große Schwester namens „Tubadur“ bekommen, verbunden mit einer neuen Reihe für die Sieben- bis Zehnjährigen. Heute sind die Kinder, die damals die ersten Abonnenten waren, um die acht Jahre alt, vielleicht gibt es ja bald eine Reihe für die Elfjährigen. So bleiben sie uns als Konzertbesucher erhalten. 

Siwek: Bei „Ein Lied für jede Klasse“ beziehen wir die Lehrkräfte stark mit ein und unsere Musikerinnen und Musiker arbeiten gemeinsam mit Musiktherapeuten. Themen sind dann zum Beispiel auch Mobbing oder Ausgrenzung, Migration, Umweltverschmutzung. Was bleibt, ist das ganz eigene Lied, das sie auch nach wie vor in diesen Situationen benutzen können. Die Aufführungen finden bewusst immer erst in der Schule statt, damit andere Schüler und auch Lehrer teilhaben können.

Die Lehrer merken, dass es den Kindern viel Selbstbewusstsein gibt und es auch den Umgang und die Atmosphäre in einer Klasse beeinflussen kann. Wir selbst spüren deutlich, dass die Konzentration auf den Prozess, den die Kinder selbst gestalten und bei dem ihre Ideen im Mittelpunkt stehen, einen besonders persönlichen und nachhaltigen Bezug zum Lied und zu der Erfahrung in diesem Projekt schafft.

nmz: Wie ist das beim RSB oder in der Kammerakademie? Stehen die Musiker hinter diesen Konzepten und sind sie involviert?

Stegner: Ich habe 2013 als Musikvermittlerin von außen beim RSB angefangen, vorher haben die Musikerinnen und Musiker die Vermittlung selbst betrieben,  sich selber organisiert. Es gab sehr engagierte Kollegen, die sich weitergebildet hatten, dann an ihre Grenzen stießen und mit Absicht mich als Musikerin dazu geholt haben. Wir planen die Projekte alle zusammen, auch weil wir nicht so viel Man-Power haben. Ganz wichtig ist, dass die Musiker sich wohlfühlen und dafür brauchen sie eben auch zusätzlichen Input.

nmz: Das Thema Netzwerken ist wahrscheinlich auch ein ganz wichtiger Faktor bei „Kunst und Spiele“. Frau Kronast, es gibt doch bestimmt Treffen und Fortbildungen, wie sieht da die Situation aus? Gibt es eigentlich genügend Fachkräfte, die so etwas überhaupt können und vermitteln können?

Kronast: Das ist für uns ein ganz wichtiger Punkt, beziehungsweise eine ganz wichtige Fördersäule: dass wir einerseits Fördermittel für jede Einrichtung oder eben für Tandem-Kooperationen geben, damit Methoden und Formate entwickelt und verankert werden. Aber natürlich geht es uns auch darum, im Netzwerk zu arbeiten und uns gemeinsam fortzubilden. Das Netzwerk von „Kunst und Spiele“ umfasst inzwischen über 100 Personen. Vor zwei Monaten hatten wir unser 9. Netzwerktreffen und haben zum ersten Mal festgestellt, dass wir gar nicht mehr so viel Expertise von außen brauchen. Wir haben in der sechsjährigen Förderung inzwischen im Bereich frühkindliche, ästhetische und kulturelle Bildung so umfangreiche Erfahrungen gesammelt, dass wir die nur „anzapfen“ müssen und den Kolleginnen und Kollegen weitergeben können.

nmz: Frau Siwek, nochmal zum Stichwort Community Music: Sie gehen ja wirklich auch in „Randbezirke“ der Gesellschaft, kann die Musik da etwas bewirken?

Siwek: Zum Glück ja. Wir haben ein ergänzendes Projekt im Bereich Community Music, ein Community Music-Orchester. Das haben wir 2015 als generationenübergreifendes Stadtteilprojekt gegründet, parallel zum Start in der Förderung der Robert Bosch Stiftung. Allerdings ist das ein generationenübergreifendes Projekt, sodass es in diese Förderung nicht passte. Da ist es tatsächlich so, dass es für die Musiker schwierig ist, sich komplett vorbehaltslos mit Laien zu einem Orchester zusammenzufügen. Zudem ist das natürlich kein Orchester, wie man sich das jetzt vielleicht vorstellen mag. Aber es sind immer so zwischen 20 und 40 Personen, die sich jeden Montagabend in einem Gebäude in Sendling treffen, das im Moment zur kulturellen Zwischennutzung zur Verfügung steht. Im Vordergrund steht auch hier der Prozess und die Beziehungen zwischen Menschen, die dabei entstehen. Zum Teil kommen ganze Familien, um gemeinsam in der Gruppe zu musizieren.

Kronast: Die Kammerakademie Potsdam ist mit dem Engagement in Drewitz auch genau in diesem Feld tätig. Man denkt ja immer Potsdam – Günther Jauch und Villen am See. Aber Potsdam hat eben auch andere Ecken, und da ist die Kammerakademie auch mit ihrem „Kunst und Spiele“-Engagement stark vor Ort.

Lovsky: Im Bereich gesellschaftliches Engagement oder Community Music ist die Kammerakademie seit über zehn Jahren in Potsdam Drewitz aktiv. Das ist ein sozial benachteiligter Stadtteil – DDR-Baugebiet mit Plattenbauten. Und ich glaube, alles begann mit einer Klasse in einer Grundschule, der Grundschule am Priesterweg, und hat sich in den letzten fünf, fast sechs Jahren zu einem Programm entwickelt, was sich „Musik schafft Perspektive“ nennt. In dieses Programm ist die Schule involviert, die sich zusammen mit dem Begegnungszentrum „oskar“ zu einer Stadtteilschule entwickelt hat, und der dritte Kooperationsartner ist die Kammerakademie Potsdam. Die drei Einrichtungen bilden zusammen den „Drewitzer Dreiklang“. Innerhalb dieses „Dreiklangs“ soll jetzt, mit Hilfe der Robert Bosch Stiftung und natürlich auch des Tandempartners, eine Kita-Konzertreihe etabliert werden, die nächste Saison starten soll – mit vier Konzerten genau dort vor Ort.

nmz: Frau Kronast, das klingt alles toll. Könnte es noch toller werden? Was ist Ihre Vision für die nächsten zehn Jahre?

Kronast: Klar, man sollte unbedingt immer langfristig denken. Natürlich ist die Vision einerseits, dass wir über die jetzige Anzahl der „Kunst und Spiele“-Teilnehmer hinaus weitere Einrichtungen erreichen und anstecken. Das ist auch immer eine Frage der Leitung, also wie eine Leitung, eine Intendanz oder eine Direktorin die Schwerpunkte ihres Hauses definiert. Und es ist leider nicht überall so, dass es – wie bei den Münchner Philharmonikern – zum Kerngeschäft gehört. Da wollen wir hin. Und wenn wir uns etwas wünschen dürften, wäre es, dass es an jedem Museum, bei jedem Orchester und in jedem Theater in Deutschland und darüber hinaus selbstverständlich ist, dass man auch die ganz junge Zielgruppe im Auge behält. Und das eben nicht nur mit einem expliziten Kinderprogramm, sondern mit dem Mut, sie auch für die „Welt der Erwachsenen“, für die Musik und Kunst der Erwachsenen zu begeistern. 

Blaues Gespenst mit Geige: Musikerinnen und Musiker der Kammerakademie Potsdam zeigten Auszüge aus dem „Blauen Konzert“, das im Rahmen von „Kunst und Spiele“ entwickelt wurde, auf der Bühne des Musikcafés in Leipzig.

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