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Magnet für Musikpädagogen: die 27. Bundesschulmusikwoche des VDS in Stuttgart


(nmz) -
Die Einladungskarte der Landesregierung von Baden-Württemberg zur Eröffnung der 27. Bundesschulmusikwoche lud versehentlich zur 27. Bundesmusikschulwoche ein. Diese redaktionelle Fehlleistung deutete unbewusst auf ein Novum dieses bedeutendsten Kongresses der Schulmusik hin. In einer besonderen Veranstaltungsschiene wurde gemeinsam vom Verband deutscher Schulmusiker (VDS) und dem Verband deutscher Musikschulen (VdM) ein eigenes Veranstaltungsprogramm geboten. Zu den Themen Musikschule und Strukturwandel der allgemein bildenden Schule mehr im unten stehenden Artikel von Matthias Pannes.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Im Gegensatz zur Einladung enthielt die Eröffnungsrede von Ministerpräsident Günther H. Oettinger im Weißen Saal des Stuttgarter Neuen Schlosses keine Flüchtigkeitsfehler und war von Sachkenntnis geprägt. Dass Oettinger das Musikland Baden-Württemberg in den schönsten Farben malte, konnte man ihm nicht verdenken. Wer würde von einem Ministerpräsidenten ernstlich erwarten, dass er öffentlich Kritik an den Institutionen seines Landes übt? Wieder einmal durften die 30 Prozent „Jugend musiziert“-Gewinner aus Baden-Württemberg als Kriterium für den hohen Stellenwert der Musik im Lande herhalten. Man habe, so der Ministerpräsident weiter, im Land ein flächendeckendes Musikschulnetz, und keine der öffentlichen Musikschulen sei heute mehr durch Mittelkürzungen in ihrer Existenz bedroht. Ein Faktum, das Baden-Württemberg einigen anderen Bundesländern voraus hat. Oettinger erwähnte die hervorragende Arbeit der fünf Musikhochschulen in Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, Mannheim/Heidelberg und Trossingen. Die Qualität der Institute machte er insbesondere an der hohen Zahl ausländischer Studierender fest, ein ganz spezifischer Beitrag zur baden-württembergischen Exportbilanz. Die Information, dass für den nationalen Markt der Orchestermusiker ein Überangebot herrscht und zudem ein Mangel an Lehrpersonen – in Baden-Württemberg im Wesentlichen nur im Grund- und Hauptschulbereich, eine Ausbildungsdomäne der Pädagogischen Hochschulen – ließ er unter den Tisch fallen. Stuttgarts Kulturbürgermeisterin Su­sanne Eisenmann sprach in einer Pressekonferenz vergleichsweise Klartext. „Es hat sich als großer Fehler herausgestellt, bei der letzten Bildungsreform das Fachlehrerprinzip in Grund- und Hauptschule im Bereich Musik aufzugeben. Der Grund ist erschreckend einfach. Fast 80 Prozent der in diesem Fächerverbund Unterrichtenden haben keinen Bezug mehr zu ihrer Stimme und zu aktivem Singen, aktiver Musikausübung.“

Ihrer Aufgabe einer konstruktiven Kritik an der Bildungspolitik sowohl des „Musterländles“ als auch der übrigen 15 Bundesländer kamen erwartungsgemäß die VDS-Verbandsvertreter nach. Tilman Heiland, Landesvorsitzender des VDS Baden-Württemberg, machte etwa die verstärkte Stundenbelastung im achtjährigen Gymnasium oder reduzierte Stundentafeln für Musik als Ursache für einen schmerzlich feststellbaren Rückgang der Teilnahme an Schulensembles aus. Ortwin Nimczik, Bundesvorsitzender des VDS, äußerte sich besorgt über die gesamtdeutsche Situation der Musikerziehung. So unterrichten an einer allgemein bildenden Schule nur durchschnittlich 1,37 Musiklehrer. Baden-Württembergs Staatssekretär Georg Wacker sprach sich für flächendeckende Ganztagsschulen aus. Ein bestechendes Schulmodell in der Theorie, von dem sich vor allem der Kooperationspartner VdM einiges verspricht. Doch die Praxis der Strukturreform sieht ernüchternd aus: Entweder sehen die Eltern die musischen Überstunden ihrer Kinder als Karrierebremse an, oder die Schulen können sich einfach keine Kooperationspartner leisten und sind auf preisgünstige Angebote aus dem Laienbereich angewiesen. Lehrer, die sich fürs Management der Ganztagsschule engagieren möchten, werden nicht nur durch löchrige Budgets, sondern auch durch fehlende Lehraufträge ausgebremst. Die Lage ist einigermaßen verwirrend, da von Land zu Land verschieden.

Und über allem schwebt drohend die Pensionierungswelle, die die letzten noch vorhandenen Schulmusiker in den Ruhestand schwemmen wird – was vom Fach Musik übrig bleibt, ist ungewiss. Horrorszenarien sind schnell gezeichnet, ihnen steht nach wie vor das Engagement und die Bildungs- beziehungsweise Fortbildungswut der Lehrer gegenüber. Mehr als 1.000 Lehrer besuchten dreieinhalb Tage lang mehr als 200 Veranstaltungen, gehalten von zirka 140 Referenten. Ein geballter Wissens- und Erfahrungstausch, der sich da in den Räumen von Musikhochschule, städtischer Musikschule und im Gymnasium Königin Katharina Stift vollzog.

Im Vordergrund stand das musikalische Tun, nach wie vor versprechen sich die sonst im Kollegium vereinsam­ten Musikpädagogen Tipps, Tricks und Rezepte für den Unterrichtsalltag. Darüber hinaus wurde aber auch in kompetent besetzten Diskussionsforen reflektiert und natürlich auch viel Musik gehört, denn Musizieren ist zuallererst Hören.

Kein Zufall war es, dass die Leo-Kestenberg-Medaille, die der VDS seit 1998 an herausragende Persönlichkeiten des Musiklebens verleiht, an den Programmchef von WDR 3, Karl Karst, ging. Der profilierte Kulturradio­macher ist Gründer der „Initiative Hören“, die sich an Kinder und Jugendliche wendet. „Annähernd jeder vierte Jugendliche in Deutschland ist mittlerweile irreversibel hörgeschädigt – durch zu lautes Hören von Musik. Die präventive Arbeit von Karst in Bezug auf Hörschäden und seine kreative Schule des Hörens befördert die musikpädagogische Basisarbeit und sendet Signale in die kulturpolitischen Entscheidungsgremien. Somit hat sie höchste bildungspolitische Relevanz“, so Nimczik in seiner Laudatio. Das Zuhören, aber auch das In-sich-Hineinhören war etwa Gegenstand des Konzertes der Komponistin und Präsidentin des Forums Klanglandschaft, Gabriele Proy. Sie präsentierte eigene Hörbilder und Arbeiten von Yoshihiro Kawasaki oder Bernadette Johnson aus Naturgeräuschen und elektronisch weiterverarbeiteten konkreten Klängen.

Herausragend das Konzert des SWR Vokalensembles unter Marcus Creed mit Werken von Carter, Messiaen und Wagner. Herausragend nicht nur wegen der Leistung der 34 Vokalsolisten, sondern auch deshalb, weil das Spitzen­ensemble im Rahmen von Netzwerk Süd Eigenkompositionen von Karlsruher Schülern mit einem jungen Schulchor des Helmholtz Gymnasiums Karlsruhe aufführte.

Doch die Ohren wurden nicht nur für Neue Musik geöffnet. Dass bei der Verleihung des VDS Medienpreises der Raum aus allen Nähten platzte, verdankte der VDS nicht allein seinen Preisen, sondern dem Vokaltrio Acoustic Instinct, das die Kunst des Human Beatboxing beherrscht, bei dem mit dem Mund Schlagzeuge, Drum-Computer und andere Instrumente nachgeahmt oder individuelle Sounds und Alltagsgeräusche kreiert werden. In den Ovationen für das Trio gingen beinahe die eigentlichen Hauptdarsteller unter. Dies soll in diesem Bericht nicht der Fall sein: Die Preisträger des VDS Preises 2008 waren eine Produktion der Universal-Edition (Wien), sowie zwei Produktionen des Helbling Verlages (Esslingen). Empfehlungen gingen des Weiteren an WDR 5 (Köln), an den NDR (Hamburg) sowie Schott Music (Mainz).

Zu Beginn des Textes war schon einmal von Kooperationen die Rede. Diese fand in Stuttgart nicht nur zwischen VdM und VDS statt, sondern auch in einer weiteren Hinsicht: Unter der Leitung von Christian Rolle tagte anlässlich der Bundesschulmusikwoche die Föderation musikpädagogischer Verbände, die sich in ihrer Jahressitzung einen Rahmen stärkerer Kontinuität gegeben hat.

Angestrebt wird damit die Möglichkeit der Vertretung aller musikpädagogischen Verbände auf europäischer (EAS) und internationaler Ebene (ISME). Höchste Zeit, dass die Musikpädagogik ihrem Gegenstand in Sachen Internationalität und Grenzüberschreitung gerecht wird.

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