Heine, Handke und die Folgen


(nmz) -

Von „Zivilisationsbrüchen“ ist gern und oft die Rede. Denn es sind immer die anderen, die sie begehen. Und wenn man sie beklagt und geißelt, setzt man sich selbst in ein helleres, reineres Licht. Ist es aber besonders zivilisiert, immer nur die anderen für böse und sich selbst für gut zu halten? Geschehen nicht längst – und vielleicht schon immer – die schrecklichsten Verbrechen aus dem besten Gewissen heraus? Mussten nicht die Hexen verbrannt werden, um ihre Seele zu retten? War nicht von alters her der besonders böse, ohne „falsche“ Hemmungen, der wusste, dass er es mit dem Bösen zu tun hat?

Ein Artikel von Helmut Hein

Das gute Gewissen gibt einem die Lizenz, zu tun, was immer man will oder für nötig hält – und wenn Blut fließt, sind auf eine besonders perfide Weise die, die bluten, daran schuld. So wird sogar noch der Selbstmord der drei Guantanamo-Häftlinge nicht zum Indiz der Unhaltbarkeit der totalen Entrechtung in einem „Neverland“ der Geschichte, sondern zum „Beweis“ für die Maßlosigkeit des Terrorismus, der selbst die eigene Auslöschung als Waffe einsetzt. Wer der kruden Logik des guten Gewissens und einer hysterischen Selbsterhaltung um jeden Preis folgt, sieht sich zur Folter ermächtigt, weil doch die Zukunft voller Verbrechen ist, die „Unschuldige“ treffen werden: Man muss in Erfahrung bringen, was noch gar nicht geschehen ist, um es zu verhindern – und der Höllenkreis der auslöschenden Schmerzen ist höchstens ein Kollateralschaden des Heils, das man doch anstrebt.

Am Beginn der Zivilisation, im Dekalog, steht das elementare Verbot, ein falsches Zeugnis abzulegen. Es ist ein kategorischer, kein hypothetischer, konditionierter Imperativ. Es heißt nicht: Lege kein falsches Zeugnis ab, es sei denn … Die modernen Demokratien aber sind längst zu Virtuosen des Schlupfloch-Denkens geworden. Alles scheint gestattet, wenn sich nur ein „guter“ Grund für das eigene Handeln finden lässt. Der „gute“ Grund jedoch hat seine Wurzel in der eigenen bösen, paranoiden Phantasie. Man darf sicherheitsverwahren, weil man befürchtet, dass der andere Böses tun könnte. Man darf foltern, weil der andere möglicherweise etwas verschweigt. Und man darf lügen, sofern man nur etwas „Gutes“ im Sinn hat. Der Zweck heiligt die Mittel, das war schon immer die frohe Botschaft der Jesuiten und Jakobiner jeder Couleur.

Ist aber wenigstens die Kultur gegen die teuflische Logik des guten Gewissens gefeit? Keineswegs. Der „diabolos“, also der, der alles verdreht und durcheinanderwirft, ist längst zum Maskottchen der engagierten Intellektuellen geworden – und überhaupt aller guten Menschen, die noch etwas werden wollen. Die Verleihung des Heine-Preises an Peter Handke wurde zu einem Pandämonium der politischen „Correctness“ – was längst zur Bezeichnung für die Mainstream-Meinung geworden ist, die keine Abweichung duldet. Kennen die, die Handke (und die Jury, die ihn wählte) so harsch kritisieren, sein Werk oder zumindest das, was er in den letzten fünfzehn Jahren über den „Balkan“ geschrieben hat? Wissen sie Bescheid über die Ursachen und die „Verlaufsformen“ des Zerfalls dieses Vielvölker-Jugoslawiens? Nein, nicht im mindesten. Und sie würden es als Unverschämtheit empfinden, dass man von ihnen ein solches Wissen als Voraussetzung ihres Urteils fordert. Wer weiß, dass er auf der richtigen, der „guten“ Seite steht, muss sonst nichts wissen.

Selbst Germanistik-Ordinarien fühlen sich befugt, aus Handkes Werken zu „zitieren“, ohne eine Zeile von ihm gelesen zu haben. So wird dann Handke zum „Sänger des serbischen Nationalismus“ – ausgerechnet Handke, der stets voller Wut und Trauer über diese dummen, lügnerischen, berechnenden Nationalismen war. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen? Warum denn nicht, wenn es der guten Sache dient. Mittlerweile ist das Klima der Verdächtigung und der Vorsicht, die sie im Gefolge hat, schon so weit gediehen, dass selbst die, die Handke verteidigen, es nur noch auf eine lügnerische und kriecherische Weise tun (können). Man beansprucht dann für den „großen“ Autor, gleichsam als Voraussetzung seiner Kreativität, das Recht, „groß“ zu irren. Oder man gesteht ihm, als handele es sich dabei um eine lebensgeschichtliche Beschädigung, eine Empfindlichkeit gegen die handelsübliche Presse-Sprache zu. Das aber, was doch der Mindeststandard jeder Form von Öffentlichkeit und die conditio sine qua non jeden Diskurses sein sollte, nämlich die Argumente zu prüfen, das wird ihm auch von seinen „Freunden“ verweigert. Die Zivilcourage der „Anständigen“ zeigt sich darin, dass sie keine abweichenden Meinungen mehr dulden. Die Radikalität des guten Gewissens hat zur Folge, dass sie jede Form von Dissidenz für ein Verbrechen hält. Wie verkommen muss eine „Kultur“ sein, in der die simple Feststellung unmöglich geworden ist, dass Handke nicht ein „spinnerter“ Dichter ist, dem man manches nachsehen muss, sondern dass seine Darstellung der jugoslawischen Zerfallskriege im großen und ganzen – und vor allem in den vielen Details! – schlicht zutreffend ist?! Musste er aber partout zur Beerdigung Milosevics fahren, „durfte“ er es? Auch da war Handke hellhöriger, empfindlicher als der große Rest der Öffentlichkeit. Er verteidigte ein humanes „Essential“, eine unaufgebbare Restanständigkeit gegen die, die selbst dem toten Milosevic seine Ruhe nicht gönnten und ihn am liebsten nur verscharrt hätten. Waren nicht selbst die „primitiven“ Völker schon so weit, dem Leichnam des Feindes seine letzte Ehre nicht zu verweigern?

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