Hinfahren und Zuhören

DVD-Serie „Sound Tracker“ – mit einem finnischen Bassisten rund um die Welt


(nmz) -
Wie fängt man den Klang eines Landes ein? Wie kommt man den Musikern näher und erfährt etwas über die gesellschaftlichen Hintergründe ihrer Kunst? Ganz einfach: hinfahren und zuhören. Nach diesem simplen Rezept verfährt der finnische Bassist Sami Yaffa in seiner ursprünglich für das Fernsehen produzierten Serie Sound Tracker, die nun bei Arthaus auf 14 DVDs vorliegt und 12 Länder musikalisch porträtiert.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Der Rockmusiker, der unter anderem bei Hanoi Rocks und Joan Jett ge­spielt hat, verfügt auf eine hemdsärmelige Art über die Gabe, Menschen zum Reden zu bringen. Mit einfachen Fragen nach ihren Wurzeln, nach der Herkunft ihres Musikstils und nach ihrem musikalischen Credo entlockt er ihnen immer wieder Substanzielles. Und weil er sie beim Musizieren genau beobachtet, kann er auch gezielt nachfragen, kann so seine und die Neugier der Zuschauer stillen. Das funktioniert natürlich dann am besten, wenn er sich mit ihnen auf Englisch unterhalten kann, auch mit Spanisch und Portugiesisch (in der Brasilien-Folge) klappt es ganz gut. Aber auch dort, wo er sich nur die Statements anhört, die ihm ganz offensichtlich nicht sofort übersetzt werden, hat man oft das Gefühl, dass er die Essenz der Antworten erahnt und entsprechend nachfragt.

Meist trifft Yaffa bei seinen etwa 50-minütigen Landerkundungen etwa ein halbes Dutzend Musiker oder Gruppen. Wir hören etwas von ihrer Musik, dann Auszüge aus den Gesprächen, dann wieder einen längeren Ausschnitt, den man mit den neuen Informationen ein Stück weit anders wahrnimmt. Dass Yaffa mitunter mit seinem Bass bei spontanen Sessions einsteigt, ist zwar nicht durchweg ein Erkenntnisgewinn, man spürt aber, dass es ihm dabei hilft, ein Gefühl für das Genre zu bekommen und den Kontakt mit seinen Interviewpartnern intensiviert.

Weil Yaffa meist dahin geht, wo die Musiker wohnen und proben, bekommt man allein schon durch dieses Ambiente einen Eindruck von den gesellschaftlichen und ökonomischen Umständen. Inwieweit diese die Musik beeinflussen und wie andererseits die Musik auf diese reagiert, das interessiert Yaffa besonders. Seine aus dem Bauch heraus immer wieder aufgestellte These, dass die spannendste Musik dort entsteht, wo es um diese Umstände nicht zum Besten bestellt ist, wirkt zwar etwas simpel, aber dass im Kern etwas Wahres dran ist, kann man ihm nicht absprechen.

Da die einzelnen Länderporträts einzeln erhältlich sind, mag ein kleiner Überblick helfen, die Höhepunkte und die weniger gelungenen Folgen zu skizzieren: Von den europäischen Sendungen überzeugen die zu Spanien und zu Serbien am meisten. Die Begegnung mit dem als „El Cabrero“ bekannten, legendären Flamenco-Sänger José Domínguez Muñoz und seinen Ziegen ist denkwürdig, das Panorama, das Yaffa vom Tanz über die Lyrik bis hin zum Gitarrenbau aufzeigt, faszinierend. Eine Autofahrt mit Dragan Ristic von der Rock ’n’ Roma Band „Kal“ in ein Roma-Viertel wird sehr sprechend mit einer silikonbrüstigen Turbofolk-Sängerin und ihrem Bodyguard kontrastiert. Der Versuch, in der Türkei-Folge das heikle Verhältnis von Kirche und Staat mitabzuhandeln, geht hingegen nicht ganz auf.

Auf dem amerikanischen Kontinent ist die Farbigkeit des Brasilien-Porträts besonders eindrucksvoll, das zeigt, wie vielfältig die Szene auch abseits von Bossa und Samba ist. Im Fall der soliden Argentinien-Folge wird im DVD-Titel unterschlagen, dass Yaffa zunächst auch dem Tango in Uruguay auf der Spur ist. Die Tanzstunde in Buenos Aires ist naheliegend, aber wenig erhellend. Dass Yaffa sich ausgerechnet in seiner Wahlheimat New York – das einzige Stadtporträt – ein wenig schwer tut, verwundert etwas. Im Gedächtnis bleibt immerhin das Gespräch mit einem Rapper auf einem Basketball-Platz. Die Doppel-DVD zu den USA insgesamt bietet ein schönes Panorama, aber wenig Überraschendes, ein Höhepunkt ist jedoch der Country-Rock-Musiker Alejandro Escovedo, der vor seinem Haus Gitarre und Stimme auspackt. Davon hätte man gerne mehr gehört, als Bonus-Track vielleicht, womit die Serie leider eher geizt. Schön allerdings, dass man von Kabaka Pyramid, einem der vielen ausdrucksstarken Künstler, denen Sami Yaffa in Jamaica begegnet, einen kompletten Song nachgereicht bekommt.

Aus Indien bleiben vor allem die Wüs­tentänze in Erinnerung, mit denen die Schlangenbeschwörer nach dem Verbot dieser Praxis ihre Musik weiterzupflegen versuchen. Die äußerst gehaltvolle Doppel-Folge zu Indonesien gipfelt in den hochkomplexen, auswendig gespielten Stücken eines balinesischen Gamelan-Ensembles und den hypnotischen Tänzen seines Leiters Anom Baris.

In Afrika begibt Yaffa sich zu den senegalesischen Wurzeln der durch den Sklavenhandel nach Amerika exportierten Musikstile und taucht gemeinsam mit tausenden Pilgern in die Gesänge der äthiopisch-orthodoxen Weihnachtsmesse in den Felsenkirchen von Lalibela ein. Ein musikalischer Reiseführer der besonderen Art.

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