Hörbare Synthese aus Sport und Musik

Zum Festival „sportstücke“ der Berliner Gesellschaft für Neue Musik


(nmz) -
Neue Musik und Sport trafen sich zu einem ungewöhnlichen Vergleich in dem von der Berliner Gesellschaft für Neue Musik veranstalteten Festival „sportstücke. Neue Musik im Dialog“, welches vom 28. November bis zum 15. Dezember 2012 in Berlin verschiedenste Präsentationsformen der Neuen Musik, von der Live-Performance bis zur Podiumsdiskussion, vereinte.
Ein Artikel von Markus Städing

Das Orchester der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ machte am 28. Dezember mit einem Sinfoniekonzert im Berliner Konzerthaus den Anfang. Am 30. November wurde dann, an die Konzeption des Fes­tivals anlehnend, welche anhand dieses Vergleiches einen Dialog in der Neuen Musik ermöglichen wollte, zuerst einmal mehr diskutiert, als Musik gemacht. Hauptsächlich ging es bei dieser Diskussion, die den Titel „Elfenbeinturm versus Fußballstadium“ trug, um die verschiedenartige Öffentlichkeitswirksamkeit des Sports als Spektakel der Massen auf der einen Seite, und der Neuen Musik als Form der modernen Künste mit Charakter einer Randgruppe auf der anderen Seite.

Beide, Sport und Musik, seien aus denselben rituellen Zusammenhängen entstanden und befriedigen in ihrer archaischen Form die Gier der Massen nach Spektakel. Bei beidem handelt es sich zudem um eine Präsentationsform der körperlichen Ertüchtigung, welche die Muskeln und Sehnen bei Musikern und Sportlern gleichermaßen beansprucht. Dies ist allerdings nur eine allgemeingültige Analogie, wie kann aber ein Vergleich zwischen Leistungssport und der Neuen Musik im Besonderen gezogen werden?

Diesem Thema wandte sich vor allem die Live-Performance „Sportgeräusch und Klangsport“ im TiB-Sportzentrum am 2. Dezember zu. An diesem Abend ermöglichte unter anderem Dodo Schielein mit ihrem Stück „Übertragung“ für zwei Fechterinnern eine hörbare Synthese aus Sport und Neuer Musik. Der Klang der aneinanderrasselnden Säbel wurde in fast natürlicher Weise hörbar gemacht, mit elektronischen Einspielern kunstvoll verändert und mit den Bewegungen der Sportausübenden zu einer Performance verschmolzen.

Am 9. Dezember trafen sich Neue Musik und Leichtathletik im Sportforum Hohenschönhausen zu einer „theatralen Begegnung“, kurz gesagt, zu den Spielen 2012. In der geräumigen Sporthalle wurde ein Parcours mit den unterschiedlichsten Turngeräten aufgebaut. Nachdem junge Leistungssportler des Olympiastützpunktes Berlins an den Geräten ihre Übungen vorgeführt hatten, nahmen die Musiker des Ensemble uniteberlin an ihren Instrumenten Platz und wurden von den Sportlern langsam eingemauert. Es wurden somit Distanz und Vorurteil beider Seiten aufgezeigt. Letztlich jedoch brach die Wand ein und während der Mitte des gut anderthalbstündigen Schauspiels erfolgte eine Annäherung. Einige Musiker traten nun von ihren Instrumenten zurück, gingen selbst voller Tatendrang zu den Geräten und turnten nicht schlecht mit. Das letzte Stück des Abends war die Uraufführung eines Auftragswerks von Jens Joneleit: „Andere Stücke“. Mit seiner kräftigen Rhythmik versetzte das Stück nicht nur Kenner der Neuen Musik in seinen Bann. Wo zuvor noch das Klatschen der Eltern die Musik des Abends begleitete, wann immer ihre Sprösslinge den Raum betraten, so bestaunte die Elternschaft dieses Stück mit fast andächtiger Stille. Neue Musik trat dadurch in den gewollten Dialog am Abendbrottisch der beteilig­ten Familien.

Der letzte Abend am 15. Dezember im Konzerthaus wartete noch einmal mit einem musikalischen Hochkaräter auf: dem ensemble mosaik. Das Konzertprogramm, das wie immer von den Veranstaltern wohlüberlegt zusammengestellt wurde, bestand unter anderem aus den Stücken „Gier“ von Martin Schüttler und „The Art of Entertainment“ von Hannes Seidl. Diese Stücke zeigten noch einmal, wie unterschiedlich Neue Musik sein kann. Wo das Stück von Martin Schüttler auf Soundverarbeitung und Klangverzerrung aufbaute, um die Gier des Menschen in rauschhaften Geräuschclus­tern zu zelebrieren, baute Hannes Seidls „The Art of Entertainment“ auf dem hochgradig perfektionierten Zusammenspiel der Musiker auf, das nur gelegentlich durch Zuspieler aus dem Off verfremdet wurde. „Die Identifikation und der Zauber des Augenblicks“ der Neuen Musik, unter dessen Zeichen dieser Abend stand, wurden dem Zuhörer durchaus vermittelt.

Neue Musik will aus dem Elfenbeinturm, aber auch nicht ins Fußballstadion. Neue Musik ist wohl feinfühliger als das Gebrüll der Stadien, benötigt allerdings ebenso ein Publikum.

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