Image abstauben, Konzertleben gestalten

Musikvermittlung als Gegenwartsaufgabe und Zukunftschance im Musikverein


(nmz) -
In Deutschland existiert eine vielfältige Vereins- und Orchesterlandschaft im Bereich des instrumentalen Laienmusizierens – insbesondere bei den Blasorchestern. Mit dem klassischen Musikbetrieb scheint der Amateurbereich der sogenannten Musikvereine dabei nicht viel gemein zu haben. Bei einer näheren Betrachtung stellt man allerdings fest: die Blasorchester der Musikvereinsszene bieten einen breiten Nährboden, aus dem der Nachwuchs für die Spitze erwachsen kann. Ein weiterer Vergleich zeigt, dass die ehrenamtlichen Musikvereine und die professionellen Kulturinstitutionen angesichts der demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Beide benötigen Antworten und Lösungen auf die Frage, wie sie dem existenziellen Thema der Nachwuchs- und Publikumsgewinnung begegnen können.
Ein Artikel von Markus Bruschke

In der professionellen Musiklandschaft dient der Begriff Musikvermittlung inzwischen als die zusammenfassende Bezeichnung für eine Fülle und Vielfalt an Veranstaltungsformen, mit der vor allem junge Menschen durch geeignete, altersgerechte Konzepte an klassische Musik herangeführt und dafür nachhaltig begeistert werden sollen. Kinder und Jugendliche sind längst nicht mehr nur das Publikum von morgen, sondern von heute. Doch wie sieht die Realität in den ehrenamtlich geführten Musikvereinen aus – sind Kinder schon das Publikum von heute beziehungsweise gibt es Konzepte für eine künftige Bindung dieser wichtigen Zielgruppe an den Verein?

Die Bestandsaufnahme der aktuellen Situation zum Thema Musikvermittlung im Musikverein zeigt, dass die Nachwuchsarbeit im Jugendbereich einen hohen Stellenwert bei den Musikvereinen einnimmt. Die meisten Musikvereine unterhalten – ähnlich wie im Sport – eigene Jugendensembles und bieten darüber hinaus Musikalische Früherziehung, Bläserklassen sowie Instrumentalunterricht für Kinder und Jugendliche an. Der Gruppen- und Einzelunterricht wird inzwischen vielerorts von Profis übernommen, die im Hauptberuf entweder in einem Orchester angestellt sind oder als Lehrer an einer Musikschule arbeiten. Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, dass das musikalische Niveau in den Musikvereinen in den vergangenen Jahren beachtlich gestiegen ist.

Dennoch haben die Musikvereine ein Nachwuchsproblem. In einer Gesellschaft, in der sich der traditionelle familiäre und schulische Bildungskanon immer mehr auflöst, der Freizeitstress zunimmt und das allgemeine Interesse für Kultur sowie die aktive Beschäftigung mit Musik abnimmt, steigt der Handlungsbedarf für die Vereine. Wer an alten Strukturen festhält, wird in Zukunft nicht mehr existieren. Die Kernfrage für die Musikvereine lautet: Mit welchen zusätzlichen Mitteln kann es gelingen, auch künftig den zum Überleben notwendigen Nachwuchs zu sichern? Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, hat der Autor mögliche Musikvermittlungsformate des klassischen Musikbetriebs auf ihre Tauglichkeit in der Laienmusik überprüft – mit dem Resultat, dass professionelle Musikvermittlungsmodelle im Musikverein eine geeignete Möglichkeit zur Nachwuchsgewinnung und zur Erschließung neuer Publikumsschichten darstellen. Insgesamt resultieren aus der Überprüfung sieben Handlungsempfehlungen, die jedem Musikverein einen Leitfaden für die praktische Umsetzung „vor Ort“ geben und eine Anregung darstellen, die eigenen „Spielräume“ neu zu gestalten:

1. Professionalität zeigen: Das Publikum ist von kommerziellen Kulturanbietern professionelles Auftreten und einen reibungslosen Ablauf gewohnt. Entsprechend erwartet es auch bei kulturellen Veranstaltungen im ehrenamtlichen Musikbereich einen gewissen Grad an Professionalität. Daher gilt: Auch unter Amateuren dürfen bestenfalls beim Musizieren Fehler passieren – und auch da nicht zu viele. Die Organisation sollte professionell funktionieren.

2. Publikum und Konzerte differenzieren: Die Konzerte und Veranstaltungen von Musikvereinen werden meistens von einem gemischten Publikum jeden Alters besucht, die oft aufgrund familiärer oder freundschaftlicher Beziehungen in die Konzerte gehen. Um vorhandenes Publikum zu binden und neues hinzuzugewinnen, sollten die Musikvereine ihr Publikum in verschiedene Interessen- beziehungsweise Besuchergruppen teilen und unterschiedliche Veranstaltungen je nach Erwartungen und Anforderungen der Zielgruppe durchführen. Die zielgerichtete Ansprache ist eine wichtige Voraussetzung für eine langfristige Bindung an den Verein.

3. Kinderkonzerte zur Nachwuchs- und Publikumsgewinnung durchführen: Kinderkonzerte lassen sich nach dem Vorbild der klassischen Musikvermittlung ohne Probleme auf die Musikvereinszene übertragen. Sie sollten künftig ebenso wie Instrumentenvorstellungen unbedingt als Musikvermittlungsangebot zur Nachwuchs- und Publikumsgewinnung genutzt werden. Damit kommen die Musikvereine den veränderten Ansprüchen an eine kulturelle Breitenarbeit entgegen und schaffen eine neue Plattform, die kennzeichnende Jugendarbeit der Szene einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Hinzu kommt, dass sich häufig auch die Eltern durch professionell gemachte Kinderkonzerte begeistern lassen, was nicht zu unterschätzen ist, da diese einen wichtigen Einfluss auf das Kulturinteresse ihrer Kinder ausüben und für die Heranführung der Kinder und Jugendlichen an Kunst und Kultur eine entscheidende Rolle übernehmen.

4. Künstlerische Kooperationen eingehen: Bei dem Vorhaben neue Zielgruppen zu gewinnen und den Publikums-kreis zu erweitern empfiehlt es sich für die Musikvereine, künftig verstärkt
Kooperationen auf zwei Ebenen einzugehen: mit anderen ehrenamtlichen Vereinen und Institutionen auf der einen Seite sowie mit Ensembles aus dem professionellen Musikbereich auf der anderen Seite. Hier kann beispielsweise durch Orchesterpatenschaften ein Schulterschluss zwischen Laienmusik und Profibereich stattfinden.

5. Konzerte neu gestalten: Die Entwicklungen in der Gesellschaft und die veränderte Erwartungshaltung des Publikums führen dazu, dass gegenüber der Veranstaltungsform Konzert nicht nur im professionellen, sondern auch im ehrenamtlichen Musikbereich neue Wünsche, Anforderungen und Bedürfnisse entstehen, auf die mit neuen Formen reagiert werden muss. Die Konsequenz für die Verantwortlichen in den Musikvereinen besteht darin, sich langfristig viel intensivere Gedanken über die entsprechenden Methoden der Konzertvermittlung in Bezug auf die musikalische Auswahl, die Moderation, visuelle Elemente im Konzert, Mitmachaktionen und Requisiten zu machen, um zukünftige Konzerte noch mehr an den Wünschen der Besucher auszurichten.

6. Neue Konzertorte suchen: Abwechslung kann dadurch entstehen, dass sich Musikvereine neue Konzertorte suchen, um ihren Besuchern etwas Besonderes und Außergewöhnliches zu bieten. Damit schaffen die Vereine nicht nur Aufmerksamkeit in der Bevölkerung, sondern entsprechen auch dem Bedürfnis nach einem besonderen Freizeiterlebnis und einem außergewöhnlichen Event. Die Durchführung von Konzerten an Orten außerhalb des traditionellen Rahmens kann künftig helfen, ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln und das Image in der öffentlichen Wahrnehmung nachhaltig zu verändern. Dabei bieten vor allem Konzerte in sozialen und caritativen Einrichtungen eine sehr gute Möglichkeit, sich aus der Masse der anderen Kultur- und Freizeitanbieter herauszuheben. Mit Auftritten in Altersheimen, Krankenhäusern, Hospizen et cetera unterstreichen die Musikvereine ihr gesellschaftliches Engagement in der Region und erreichen Zuhörergruppen, die aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität ansonsten nicht in den Genuss eines Konzerterlebnisses kommen würden. Die Stärkung des sozialen Engagements kann den Musikverein nachhaltig in den Köpfen der Bevölkerung verankern und ihn als einzigartige und unverwechselbare Marke neben den professionellen Kulturanbietern etablieren. Von großer Bedeutung ist, dass sich der Musikverein entgegen seinem „angestaubten“ Image als weltoffener und moderner Zusammenschluss präsentiert. Das ist die ideale Basis für die Umsetzung von kreativen und innovativen Ideen.

7. Fachleute einbinden: Im Rahmen einer Professionalisierung der Vereinslandschaft sollten die Musikvereine den Bereich Musikvermittlung in Konzerten genauso selbstverständlich nutzen und in die Bildung und Ausbildung der Jugendlichen mit einfließen lassen wie die musikalische Früherziehung, den Instrumentalunterricht und das Ensemblespiel im Jugendorchester. Auch in der Musikvermittlung ist den Vereinen grundsätzlich die Einbindung von Fachleuten zu empfehlen. Bei den Dirigenten und Instrumentallehrern wurde in den letzten Jahren künstlerisch und pädagogisch ein sehr guter Weg beschritten, den es im Bereich Musikvermittlung weiter zu verfolgen gilt. Gelingt dies, dann eröffnet sich den hauptamtlichen Musikvermittlern ein neues Betätigungsfeld in einem verknappten Kulturarbeitsmarkt – umgekehrt stellt die Blasorchesterjugend eine interessante Zielgruppe für das klassische Konzertleben dar, die Orchestermanager und Musikvermittler unbedingt erkennen sollten.

Zusammenfassend und ausblickend lässt sich festhalten, dass den Musikvereinen mit dem Praxisfeld Musikvermittlung eine neue Tür offen steht, um dem Nachwuchsproblem zu begegnen, die Arbeit des eigenen Orchesters attraktiver zu gestalten und an den neuen gesellschaftlichen Entwicklungen und Anforderungen auszurichten – insbesondere an einem veränderten Freizeitverhalten und an dem gestiegenen Bedarf aller Zielgruppen nach Professionalität. Die Verantwortlichen in der professionellen Kulturszene sind aufgefordert über die bisherigen Modelle hinaus zu denken und angesichts der großen Herausforderungen für die Kultur in der Musikvermittlung neue Anknüpfungspunkte zum ehrenamtlichen Musikbereich zu schaffen. Wenn alle an einem Strang ziehen, kann Deutschland als Kulturstandort nur davon profitieren.
  

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