Jazzliebe und Schlagerlaufbahn

Jazzneuheiten, vorgestellt von Marcus Woelfle


(nmz) -
Vor allem in Deutschland hegten Jazzfans und Kritiker lange das Vorurteil gegen Vokalisten, sie hätten den Jazz nur als Leiter zu einer ertragreicheren Karriere missbraucht. Wer sich in die Niederungen des Schlagers begab, wurde mit Verachtung gestraft. Abgesehen von der verqueren Moral, ein Künstler solle lieber verhungern als Erfolge zu feiern, übersah die „Jazzpolizei“ dabei zweierlei: Wer seine Karriere in der Swing-Ära startete, empfand Jazz als einen Teil der Unterhaltungsmusik mit Massenpublikum, daher nahm und nimmt man in den USA die Grenzen zwischen Jazz und Pop nie so genau; andererseits ließen die Plattenfirmen wenig künstlerische Freiheiten, hüben wie drüben.
Ein Artikel von Marcus A. Woelfle

Bei Inge Brandenburg, die 1960 auf dem Jazzfestival in Antibes zur bes­ten europäischen Jazzsängerin gekürt wurde, hatte die nur hierzulande gültige strikte Trennung zwischen Kunst und Kommerz tragische Konsequenzen. Sie, eine Vollblutjazzerin ohne kommerzielle Ambitionen, wurde von den Plattenfirmen zur Aufnahme oft recht schlechter Schlager verurteilt, mit denen sie nicht einmal eine relativ breite Resonanz oder Wohlstand erreichen konnte. Man hätte darüber getrost den Mantel des Vergessens gebreitet, wären die Schlager nur unter einer Fülle von Jazzaufnahmen untergegangen. Doch zu Lebzeiten produzierte man von ihr nur eine Jazz-EP und eine Jazz-LP! Die Enttäuschungen mit dem Musikbusiness und auch ein Alkoholproblem führten dazu, dass sie sich weitgehend aus der Jazz-Szene zurückzog. Vor zwanzig Jahren starb sie verarmt. Der Erfolg des Dokumentarfilms „Sing, Inge, Sing!“, der gleichnamigen CD und der gleichnamigen Bio­grafie von Marc Böttcher, brachten Inge posthum Preise und Platzierungen in den Jazz-Charts ein. Unter dem Titel „I Love Jazz“ hat er zum 20. Todestag und 90. Geburtstag nun eine neue CD mit 18 herrlichen, bislang unveröffentlichten Fundstücken der Jahre 1959 bis 1971 herausgebracht, die eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass sie in der Tat die First Lady des deutschen Jazzgesangs war: Wer sonst konnte wie sie blue notes so herrlich schräg und berührend platzieren („Was weißt du von der Liebe“) oder in wenigen Takten so eine Fülle von Klangfarben hervorbringen („Summertime“)? Wer besaß dieses unerhört raffinierte time feeling, diese Ausdruckskraft, die uns Schauer über den Rücken jagt („Round Midnight“)? Auf einem Drittel der Aufnahmen wird sie von Erwin Lehn und dem Südfunk-Tanzorchester begleitet, im Übrigen von Größen wie Klaus Doldinger, Michael Naura, Paul Kuhn und Kurt Edelhagen. Inge hat – auch wenn dies kaum bekannt ist – lange bevor andere dies taten, schon sehr früh in ihrer Karriere auch Jazz auf Deutsch gesungen, ja sie hat sogar deutsche Lyrics geschrieben. Es ist ein Verdienst der CD „I Love Jazz“, drei ihrer eigenen Lieder und auch andere mit deutschen Texten zu dokumentieren. (Unisono Records)

Während Inge frühe Erfolge in Schweden feierte, war die Schwedin Alice Babs in unseren Breiten populär – als Schlagersängerin. In den Jahren 1952 bis 1955 wirkte sie an Rundfunkaufnahmen mit, die nun in der Reihe „Vocal Heroes“ auf der CD „Alice Babs Meets Erwin Lehn“ vorliegen und zum 100. Geburtstag des swingendsten deutschen Bandleaders der 1950er-Jahre erscheinen. Im Gegensatz zu Inge war Babs kommerziell sehr erfolgreich und genießt bis heute in Deutschland vor allem den Ruf des Schlager trällernden „Schwedenmädels“. Doch auch sie war im Grunde ihres Herzens Jazzerin, was sie später oft an der Seite von Duke Ellington beweisen konnte. Mehr noch als des Scat war sie eine Meisterin der Vokalisen („No Word Blues“). Ihre Drei-Oktaven-Stimme ist allenthalben glockenrein, klar, kultiviert und von echter Heiterkeit durchströmt. Ihr überragendes Können und ihre spürbare Freude am Singen macht sogar, dass man ihr einen kindischen Unsinn abnimmt wie „Tack-Tack-Tack“, wo sie zwischen Pfeifen, Donald Duck-Imitation und Gejodel abwechselt. (Jazzhaus) 

Das könnte Sie auch interessieren: