Jedem Kind seinen Grundschulunterricht Musik

Stefan Orgass im Gespräch über das Studium „Lehramt Musik an Grundschulen“ an der Folkwang Universität Essen


(nmz) -
Als einzige Musikhochschule in Nord­rhein-Westfalen bietet die Folkwang Universität der Künste den Studiengang „Lehramt Musik an Grundschulen“ (B.A.) an. Die Hochschule wirbt unter anderem mit einer auf Musikprogramme wie JeKi oder JEKISS zugeschnittenen Ausbildung und guten Einstellungschancen. Für die nmz sprach Juan Martin Koch mit dem Studiengangsbeauftragten Dr. Stefan Orgass, Professor für Musikpädagogik/Musikdidaktik.
Ein Artikel von Juan Martin Koch, Stefan Orgass

neue musikzeitung: Wie stellt sich das Studienangebot zum Grundschullehramt Musik an der Folkwang Universität dar?

Stefan Orgass: Das Angebot, Grundschullehramt Musik an der Folkwang Universität zu studieren, gab es seit 1989, und wurde mit der Berufung von Martin Pfeffer, der als Professor für Musikpädagogik/Musikdidaktik auch für die Primarstufe zuständig war, konsolidiert. Bestätigt wurde dies durch die Musikkommission NRW, die 2002 zwar zu dem Ergebnis kam, dass die Gymnasialausbildung grundsätzlich an Musikhochschulen und die Ausbildung für die Primarstufe an den Universitäten stattfinden sollte, die aber gleichzeitig zwei Ausnahmen benannte: die Universität Dortmund für die Sekundarstufe II und die Folkwang Universität – damals noch Folkwang Hochschule – für den Grundschulbereich.

nmz: Martin Pfeffer, der spätere Folkwang-Rektor verstarb 2008 …

Orgass: Ja, und seine Stelle ist immer noch vakant. Das ist ein Manko, die Wiederbesetzung längst überfällig. Wir hoffen, dass bald etwas passiert.

nmz: Mit welchen Argumenten wollen Sie nun vermehrt Studierende für das Grundschullehramt an die Folkwang Universität locken?

Orgass: Neben den Berufsfeldpraktika, in denen wir die Qualität unserer früheren Angebote im Bereich der schulpraktischen Studien in die Bachelor/Master-Ausbildung sozusagen „herübergerettet“ haben, können wir – denke ich – vor allem mit dem Thema „Singen mit Kindern“ punkten. Denn zusätzlich zum Schwerpunkt Chorleitung, den wir vor acht Jahren durch die Berufung von Jörg Breiding gestärkt haben, können wir mit Werner Schepp, der seit 1999 als Lehrbeauftragter tätig war und seit 2011 eine Professur an Folkwang innehat, das Singen mit Kindern und Jugendlichen als Studienschwerpunkt anbieten.

nmz: Welche weiteren Anbindungen an andere Studienrichtungen gibt es?

Orgass: Da wäre zunächst natürlich der ganze Bereich der Musikpädagogik zu nennen, zu dem unter anderem die Studienrichtung Elementare Musikpädagogik (EMP) gehört, aber eben auch der Master Leitung vokaler Ensembles, in dem sich unser Chorschwerpunkt zeigt. Zu den weiteren Kooperationsmöglichkeiten, die auch wirklich im Sinne der für die Folkwang Universität typischen Transdisziplinarität genutzt werden, zählt die Zusammenarbeit mit der Musiktheaterabteilung. Hier ist nicht nur an vertiefende Studien im Bereich des Zentralen Fachs Gesang zu denken, sondern auch im Bereich der Operndidaktik.

nmz: Ein weiteres Argument dürfte das Verfahren in Sachen Numerus Clausus sein, nehme ich an?

Orgass: In der Tat gibt es eine Aufwertung des Numerus Clausus für die an der Universität Essen-Duisburg zu studierenden Zusatzfächer Deutsch und Mathematik um 0,8 Punkte für diejenigen, die bei uns die Eignungsprüfung bestanden haben. Das ist nicht zu unterschätzen, da dieser NC oft ein Hindernis darstellt.

nmz: Der Bedarf muss offenbar groß sein …

Orgass: Das ist die Überschrift über allem, worüber wir hier sprechen. Drei Viertel des Musikunterrichts an Grundschulen fällt aus oder wird durch fachfremd Lehrende angeboten. Der Handlungsbedarf ist riesig, vor allem wenn man bedenkt, dass in diesem Alter die Grundlagen für alles weitere gelegt werden, was musikalische Bildung betrifft. Wenn man hier die Situation nicht verbessert, verschiebt man das Problem nur.

nmz: Gibt es zu wenige Bewerber, oder wurde in der Vergangenheit falsch eingestellt?

Orgass: Es ist eine Kombination aus beidem. Es gibt eine unsägliche Einstellungspraxis der Bezirksregierungen, die an den Hochschulen vorbei verfügen, dass Absolventinnen und Absolventen mit abgeschlossener Instrumentalausbildung nur noch ein wenig Chorleitung nachstudieren müssen, um Lehrer/-in zu werden.

nmz: Der Landesmusikrat NRW hat Ende vergangenen Jahres diese Quereinsteiger-Praxis kritisiert.

Orgass: Ja, da ging es ganz konkret um Kirchenmusikabsolventen, die mit einem kleinen Zusatz Lehrer werden können. Das geht aus unserer Sicht gar nicht. Insgesamt ist dieses Thema Ausbildung/Einstellung natürlich ein Dauerzankapfel zwischen der Politik und den Musikhochschulen. Die Politik wirft uns vor, wir bildeten zu wenige Musiklehrer aus, und mahnen an, der Output müsse vervielfacht werden. Das reibt sich natürlich mit unseren künstlerischen Standards. Im Bereich der Grundschulausbildung haben wir aber in der Tat auch ein Defizit an Bewerbern, und das betrifft offenbar nicht nur uns.

nmz: Ist der hohe künstlerische Anspruch nicht auch eine Hemmschwelle?

Orgass: Das mag sein, aber wir haben den Fehler, den wir früher selbst gemacht haben, nämlich die hochkarätige instrumentale Ausbildung als das Maß der Dinge für die Sekundarstufe II anzusehen und dann einfach bis zur Grundschule hin abzustufen, abgestellt. Stattdessen haben wir nun eine Spezialisierung und Differenzierung umgesetzt. So spielt im Bereich der Sekundarstufe I die Arbeit mit Bands und BigBands eine wichtige Rolle und in der Primarstufe, wie gesagt, das Singen mit Kindern.

nmz: Inwiefern reagieren Sie mit diesem Studienangebot auf Programme wie „Jedem Kind ein Instrument“ (JeKi) oder „Jedem Kind seine Stimme“ (JEKISS)?

Orgass: Zunächst einmal muss eines klar gestellt werden: Es kann nicht sein, dass diese Programme als Ersatz für den Unterricht gewertet werden. Das ist im übrigen auch nicht die die Linie gewesen, die seinerzeit durch den Initiator von JeKi, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, in der Öffentlichkeit kundgetan wurde. JeKi sollte den Unterricht flankierend ergänzen. Inzwischen sieht die Wirklichkeit anders aus, aber alles was musikalische Bildung im Sinne einer kulturellen Orientierung ausmacht, wird von JeKi nicht abgedeckt. Ganz abgesehen von den ganzen internen Problemen, die ich hier gar nicht zum Thema machen möchte. Musikunterricht in der Grundschule ist vom Ansatz her viel umfassender. Der zweite Punkt ist, dass JEKISS von uns favorisiert wird, um die Musikalisierung auf breiter Basis voranzutreiben. Das, was die Kinder mitbringen, ist ihre Stimme.

nmz: Bereitet die Grundschullehramtsausbildung konkret auf die Zusammenarbeit mit JeKi oder JEKISS vor?

Orgass: Das Studienangebot „Singen mit Kindern“ ist ein ausgewiesenes künstlerisches Fach, relevant ist in diesem Zusammenhang außerdem der Aspekt der Didaktischen Analyse, und dann ist da natürlich das Praxissemester, in dem forschendes Lernen seitens der Studierenden auch in Bezug auf den Bereich Singen mit Kindern stattfinden soll. Aber es gibt keine JeKi-Spezialausbildung im Rahmen dieses Studienfaches, das wollen wir auch gar nicht. Was wir wollen, ist eine Ausbildung, die das, was JEKISS anbietet, auf musikpädagogisch vernünftige Beine stellt.

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