Jugendorchester: Ten points …

Seminar „Jugendorchester-Assistent“ lehrt Grundlagen zum Thema „Führung“


(nmz) -
Wir wollen unser Jugendorchester professioneller organisieren, die Mitglieder neu motivieren, Spielfreude und Gemeinschaftsgefühl steigern und uns nach außen besser präsentieren. Aber wie schaffen wir das? Um junge, engagierte Musiker bestmöglich auf eine verantwortungsvolle Position im Jugendorchester vorzubereiten, entwickelte die JMD ein Kurskonzept auf der Grundlage von Interviews mit Frauke Bernds, Managerin beim Konzertgebouw Orchester Amsterdam, Toni Rack von der Initiative „mu:v – Musik verbindet!“, Daniel Richwien, Orchestermanager des Gewandhausorchesters Leipzig, und Thomas Rietschel, Präsident der Musikhochschule Frankfurt. Denn das Ziel war es, bloß keine trockene Theorie, sondern gelebte Praxis zu vermitteln.
Ein Artikel von Dörthe Hoffrogge, Lea Zalkau

Am 29. Oktober 2010 machten wir uns zu zweit vom Jugendsinfonieorchester Recklinghausen zum ersten Mal auf den Weg in das 400km entfernte, idyllische, kleine Örtchen Weikersheim. Das Seminar begann mit einer Vorstellungsrunde, bei der sich herausstellte, dass die Anwesenden aus ganz unterschiedlichen Orchestern – vom großen Uni-Orchester bis hin zum kleinen Musikschulorches­ter – kamen und somit verschiedenste Erfahrungen und Erwartungen zusammentrafen. Diese wurden von den Dozenten Käthe Bildstein und Tilmann Böttcher mit viel Feingefühl aufgegriffen und in der bunten Zusammenstellung vielfältiger Übungen berücksichtigt. Unsere erste Aufgabe war ein Zukunftsinterview, in dem wir unser Orchester beschreiben sollten, wie es im Mai 2011 beim letzten Seminartermin sein würde. Anschließend definierten wir für uns „gute Führung“, indem wir viele Begriffe an einer Pinnwand sammelten und darstellten, wie die vielen Mitwirkenden rund um ein Jugend­orchester – vom Leiter über den Orches­terwart bis zum Zuhörer – von guter Führung profitieren. Unsere eigene Führungsqualität reflektierten wir, indem wir sie auf einer Skala von 1 bis 10 einordneten und überlegten, wie wir diese um einen Punkt verbessern könnten. Damit war eine wichtige Fähigkeit des Jugendorchester-Assis­tenten bereits kennengelernt: Ziele klar definieren und diese mit kleinen Schritten erreichen.

Nach einem köstlichen Bio-Mittagsmenü im komfortablen Logierhaus und anschließendem Spaziergang im Schlosspark setzten wir uns sehr genau mit uns selbst auseinander. Wir fragten uns: Welche Rollen nehmen wir in unserem Orchester ein? Sind wir Solist? Freundin? Alter Hase? Notenwart? Wie unterscheiden sich unsere verschiedenen Rollen? Und wie schaffen wir es, zwischen uns als Person und unserem Amt zu unterscheiden? Durch intensive, systemische Übungen, die Verdeutlichung unserer unterschiedlichen Rollen mit entsprechenden Gesten und das Nachspielen alltäglicher Orchestersituationen konkretisierten wir unsere Positionen. Besonders prägend für alle Teilnehmer war eine Übung, bei der einer in die Rolle des Orchester-Assistenten schlüpfen und sich vorstellen sollte, einen Schutzmantel zu tragen, an dem alle Beschwerden abprallen. Uns wurde klar, dass ein Amt auch einen Schutz bieten kann. Dieses erste Wochenende wurde abgerundet durch einen informativen Vortrag zum Thema „Fundraising“ von Ulrich Wüster, dem Generalsekretär der JMD.

Zwar waren wir etwas überrascht, dass der Schwerpunkt des Seminars eher auf systemischen und persönlichen Übungen und nicht auf theoretischem Input und organisatorischen Aufgaben lag, dennoch hatten wir viel gelernt und machten uns mit vielen Anregungen und überschäumend von Ideen auf den Heimweg. Wir hatten tolle Menschen kennengelernt und neue Fertigkeiten erworben, die wir direkt erproben wollten. Dadurch erledigte sich die Hausaufgabe – das Jugendorchester auf der Skala von 1 bis 10 einzuordnen und durch entsprechende Maßnahmen um einen Punkt höher steigen zu lassen – wie von selbst. Wir beide nahmen uns vor, die Stimmung und die Motivation in unserem Jugendsinfonieorchester Recklinghausen zu verbessern, indem wir eine Weihnachtsfeier planten, einen Geburtstagskalender anlegten und eine Umfrage zu sämtlichen Aspekten rund um unser JSO durchführten und auswerteten.

Unsere Planungen und deren Wirkung präsentierten wir zu Beginn des zweiten Wochenendes in Weikersheim. Auch die anderen erzählten von tollen Projekten, und jeder hatte bereits etwas verändert in seinem Orchester. Der Schwerpunkt im zweiten Seminar lag auf der Gesprächsführung. Zunächst lernten wir verschiedene Gesprächsarten kennen – vom Smalltalk auf der Orchesterparty bis hin zum Gespräch mit einem möglichen Sponsor –, die wir in diversen Übungen erprobten. Dafür tauschten wir immer wieder die Rollen, beobachteten unser Gegenüber sehr genau, spiegelten Reaktionen und analysierten Gesprächsverläufe als „stiller Beobachter“. Dies sollte uns nicht nur helfen, unser Gesprächsverhalten gegenüber möglichen Sponsoren zu professionalisieren, sondern auch die Mitglieder in unserem Orchester leichter in Gespräche mit einzubeziehen und dadurch die Gemeinschaft zu stärken. Auch in unserer Seminargruppe waren deutliche Wirkungen der Übungen zu bemerken: Es war eine fantastische Gemeinschaft entstanden, in der jeder gerne und gut, mit viel Spaß und völlig unbefangen mit jedem anderen zusammenarbeiten konnte. Den theoretischen Teil des zweiten Wochenendes stellte ein Vortrag von Käthe Bildstein zum Thema „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ dar.

Anfang Mai fuhren wir zum dritten und vorerst (!) letzten Mal nach Weikersheim und sahen uns mit der Aufgabe konfrontiert, unser Orchester bestmöglich nach außen hin zu präsentieren. Wir sollten herausstellen, was genau unser Orchester ausmacht und welche konkreten Ziele wir für unser Orchester haben. Durch die Personifizierung – vom barfüßigen Clown in Pumphosen, über eine hyperaktive 18-Jährige mit Asthma bis hin zu einem gesetzten, alten Mann – und ein lockeres Gespräch über die Geschichte unseres Orchesters gelangten wir schließlich zu drei Kernsätzen, die unser Jugendorchester bestmöglich beschreiben. Den theoretischen Block übernahm diesmal Tilmann Böttcher, der uns erklärte, was ein gelungenes Konzertprogramm ausmacht – glücklicherweise stellten wir fest, dass wir viele der genannten Aspekte bereits bei unseren Planungen berücksichtigt hatten. Den krönenden Abschluss des Wochenendes und auch des gesamten Seminars bildeten individuelle Präsentationen aller Teilnehmer, in denen sie ihre im Laufe der acht Monate gesammelten Erfahrungen darstellten. Dabei wurde deutlich, wie sich jeder einzelne und damit auch die verschiedenen Orches­ter dank des Seminars weiterentwickelt und verändert hatten. Wir freuen uns darauf, unsere Fähigkeiten an unsere Orchestermitglieder weitergeben zu können und somit langfristig in unserem Jugendsinfonieorchester etwas zu bewirken!

Dörthe Hoffrogge und Lea Zalkau, JSO Recklinghausen

Das könnte Sie auch interessieren: