Kälbermarsch


(nmz) -

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber“, wetterte Edmund Stoiber neulich in einer Wahlkampfrede und meinte die ostdeutschen Wähler, die seiner Meinung nach der Linkspartei auf dem Leim kriechen. Etwas Schöneres kann in der Sauregurkenzeit und dazu noch im Wahlkampf nicht passieren. Es war tagelang das große Thema in den Medien. Scharen von Politikern aller Sorten beklagten scheinheilig diese ungeheure Beleidigung der Menschen in Ostdeutschland, staatstragende Empörung wurde gemimt und die moralischen Saubermänner riefen nach dem in solchen Fällen üblichen Entschuldigungsritual. Es war, als ob eine riesige bayerische Weißwurst über Deutschland geplatzt wäre und sich alle die Spritzer von der Backe wischen müssten. Einzig der Bundeskanzler fühlte sich bei der ganzen Geschichte sauwohl, obwohl er ja eigentlich Currywurst lieber mag.

Ein Artikel von Max Nyffeler

Erstaunlich am ganzen Theater ist nicht die inszenierte Aufregung, die höchstens von denen ernst genommen wird, auf die der Spruch zutrifft. Erstaunlich ist, dass alle so tun, als ob er bisher nicht existiert hätte und es sich dabei um die persönliche Fantasie eines Politikers handle, die nur durch einen Ausrutscher in die Öffentlichkeit gelangt wäre. Sozusagen als ultrapeinliche Fehlleistung, durch die sich das notorische bayuwarische Querulantentum ein für alle Mal als unanständig entlarvt hat. Man wusste ja schon immer, dass in diesen Bierzelten die nackte Unkultur herrscht! Doch diese triumphierende Entrüstung gehört zur allgemeinen Schmierenkomödie.

In Wahrheit ist der Ausspruch, und zwar in der verschärften Formulierung als „allerdümmste Kälber“, Teil einer handfesten, genuin deutschen Tradition der politischen Auseinandersetzung. Er hat seine Wurzeln in der Weimarer Zeit, wenn nicht noch früher. Brecht hat ihn, wenn auch vermutlich nicht erfunden, so doch öffentlichkeitswirksam benutzt, John Heartfield machte dazu eine satirische Fotomontage, in der ein Nazi-Metzger in Erwartung der Wähler genüsslich sein Messer wetzt. Hanns Eisler komponierte für Brechts Schauspiel „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ den Kälbermarsch als Parodie auf das Horst-Wessel-Lied: „Der Metzger ruft. Die Augen fest geschlossen, das Kalb marschiert mit ruhig festem Tritt. Die Kälber, deren Blut im Schlachthof schon geflossen, sie ziehn im Geist in seinen Reihen mit.“

Soweit die Geschichte. Das blutrünstige Bild ist inzwischen zur Moritat verblasst und in den allgemeinen Volksmund eingesickert. Gibt man bei Google den Suchbegriff „allerdümmste Kälber“ ein, gehen die Treffer in die Hunderte. Der Blick auf eine echte Volkskultur tut sich auf. Mit dem Zitat schmücken sich Redner und Schreiber jeder Couleur: Politiker, Publizisten, Psychologen, Anarchisten, Kiffer, Nicht-wähler, Linke, Rechte, Neoliberale, Arbeitslose und unzählige Blogger. Es geht gegen Kommunisten, Kapitalisten, Toscanalinke und Reaktionäre, Juden und Muslims, gegen Brüssel, Bush und Westerwelle. Der Schönhuber Franz wettert damit gegen die Osterweiterung, die Kommunistische Plattform gegen die Volksvertreter, Reinhard Bütikofer gegen einen politisch nicht gefügigen Betriebsrat, und ein Bauernvertreter im Zürcher Kantonsrat schließt seine Rede mit den Worten: „Ich persönlich halte es mit dem Sprichwort ,Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber’. Folgen Sie deshalb dem Antrag des Regierungsrates und lehnen Sie diese Initiative ab. Ich danke Ihnen.“

Ein untrügliches Zeichen, dass der Ausspruch zur Folklore geworden ist, ist die zunehmende Unklarheit über seine Urheberschaft. Als Autor gilt neben Brecht auch Wilhelm Busch, für Heribert Prantl von der SZ ist es ein Frankfurter Sponti-Spruch, und viele sehen in ihm einfach eine „alte Volksweisheit“. Inzwischen gibt es auch Varianten wie „Nur die allergrößten Kälber brau’n ihr Bier nicht selber“ nebst Übersetzungen ins Französische und Englische: „Les veaux les plus bêtes choisissent eux-mêmes leurs bouchers“ und „The most stupid of all cows choose their own butcher.“ Das klingt ja auch ganz hübsch, doch fehlen hier der Reim und der leiernde Rhythmus, zwei Eigenschaften, die sich gut für politische Slogans eignen.

Die Vox populi lässt sich einiges einfallen bei der Verwendung blumiger Sprüche. Aus dem sprachlichen Humus, der so entsteht, zieht mancher professionelle Wortproduzent seinen Nutzen. Doch wehe, wenn heute ein Politiker, und dazu noch in Wahlkampfzeiten, dem Volk aufs Maul schaut und sich einige derbere Sätze ausleiht! Man drischt politisch korrekt so lange auf ihm herum, bis er einknickt und wieder in den allgemeinen Säuselchor der Leisetreter einstimmt.

Der Tonfall des politischen Diskurses wird heute von angeheuerten Kommunikationsberatern und Sprachdesignern bestimmt. Wer sich dem aalglatten Newspeak dieser neuen Sprachwarte nicht fügt, gilt in der Medienbranche als „nicht kommunizierbar“. Doch je cleaner eine Sprache wird, desto inhaltsleerer und langweiliger wird sie auch. Da wirkt ein Ministerpräsident, der unerschrocken ins Fettnäpfchen tritt, schon wieder wie ein blendender Rhetoriker. Eines hat er jedenfalls erreicht: Alle haben ihm zugehört.

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