Karriereplanung

www.beckmesser.de (2013/06)


(nmz) -
„Wo geht’s denn hier zur Kunst?“ fragt die schweizerische Kulturzeitschrift „Passagen“ in ihrer letzten Nummer. „Lesen Sie in diesem Dossier, wie man als Nachwuchskünstler im Kunstbetrieb Fuß fasst, wie ein Theaterstück seinen Weg auf die Bühne findet und warum das Künstlermetier allen Hindernissen zum Trotz noch immer ein Traumberuf ist.“ Die Zeiten, in denen der genialische, im Verborgenen schaffende Künstler vom renommierten Galeristen aufgespürt wurde, seien definitiv vorbei; heute müsse man sich vernetzen und aktiv auf sich aufmerksam machen.
Ein Artikel von Max Nyffeler

„Karriere ist machbar, Herr Nachbar“, lautet der Tenor des Heftes. Man muss es nur richtig anstellen. Wie der Absolvent einer MBA-Kaderschmiede seinen Weg in die feinen Etagen der Banken und Dax-Konzerne findet, so kann sich auch der Nachwuchskünstler, wenn er bei seiner Selbstvermarktung die richtigen Regeln befolgt, einen sonnigen Platz im Kulturbetrieb ergattern – Unwägbarkeiten natürlich nicht ausgeschlossen.

Als Rollenmodell wird der gängige postmoderne Künstlertyp empfohlen, und zwar in seiner Ausprägung als „soziokultureller Arrangeur“. Dieser Arrangeur sei multikompetent, sowohl „quasiwissenschaftlicher Rechercheur und Selbstkommentator“ als auch „Kurator- und Atmosphäreninitiator“, kurzum: „Agent einer politisch-kulturellen Intervention“. Oder noch kürzer: „Atmosphärenmanager“. Denn er produziere nicht „einfach nur Werke“ im herkömmlichen Sinn, sondern inszeniere Erlebnisse.

Noch einen weiteren wichtigen Tipp hat die Gebrauchsanweisung parat. Nachwuchskünstler müssen sich bei ihrer Karriereplanung genau Rechenschaft ablegen über ihre persönlichen Motivationen: „Ob Erfolg für sie nur ökonomisch definiert ist, oder ob es auch um Anerkennung an sich geht.“ Auch andere Motivationen sind denkbar, etwa die sogenannte Selbstverwirklichung. Bei den vielen Unsicherheitsfaktoren im „Betriebssystem Kunst“ wird von solchen subjektiven Aspekten jedoch eher abgeraten. Wichtig hingegen ist eine „flexible Navigation“, um in der mediatisierten Gesellschaft hinreichend Sichtbarkeit zu erzeugen.

Hier ist von einer Kulturlandschaft, besser: einem kulturellen Ordnungssystem die Rede, in dem der Künstlernachwuchs offenbar keine anderen Probleme hat als zu wählen, wo er andocken soll im vielfältigen Angebot an Karrieremöglichkeiten. Die Schweiz, wo das Gschäftlimache eine so solide Tradition hat wie das Häuslebaue bei den Schwaben, bietet scheinbar gute Voraussetzungen für eine systematische Durchkommerzialisierung der Kunst. Und wenn eine Zeitschrift, die von der staatlich finanzierten Kulturstiftung Pro Helvetia herausgegeben wird, schon die Anfänger dazu ermuntert, sich diesem Denken anzupassen, so zeugt das von einer gewissen Fürsorglichkeit in Bezug auf die soziale Absicherung ihrer zukünftigen Kunden. Sie sollen ja später nicht nur am Tropf der staatlichen Subventionen hängen.

Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Was an diesen Ratschlägen allerdings erstaunt, ist – neben der technokratischen Sprache – die schmerzlose Reduktion des Begriffs Kunst und aller damit zusammenhängender Dinge auf eine rein wirtschaftliche Sehweise. Früher galt der Beruf des Künstlers noch als eine Berufung. Wer sich dafür entschied, folgte seiner inneren Stimme, und viele machten dabei innere Kämpfe durch – komplizierte individuelle Prozesse, die sich im Kunstwerk niederschlugen und zu seiner Einmaligkeit und Aussagekraft betrugen. Das gilt übrigens seit Michelangelos Zeiten. Doch glaubt man den Autoren dieser im internationalen Finanzzentrum Zürich erscheinenden Zeitschrift, so ist das alles nebensächlich. Vor Selbstverwirklichung – gewiss ein überstrapaziertes Wort – wird gewarnt, von inneren Antrieben zur künstlerischen Tätigkeit ist nicht die Rede. Die Frage des Künstlerberufs ist zu schnöden Karriereplanung verkommen, der Erfolg steht obenan.

Wird der Nachwuchs auf der Basis von Maximen herangezüchtet, die ihn nur noch lehren, wie er sich am besten vermarktet, dann kann man seine künftigen Meisterwerke jetzt schon für die Müllentsorgung anmelden. Vielleicht werden sie im „Betriebssystem Kunst“ zuerst noch tüchtig Mehrwert erzeugen, doch ist der Hype an der Kunstbörse dann beendet, sind sie genauso Schrott wie jene zwielichtigen Derivatpapiere, die durch die „Atmosphärenmanager“ der Banken dem Publikum jahrelang als Finanzkunst angedreht worden sind und deren Modell sie gleichen: Glitzernde Verpackung und nichts drin. Nach Jahren des Betrugs hört man heute in der Finanzwelt wieder leise den Ruf nach substanziellen oder nachhaltigen Produkten. Auch in der Kunst gäbe es genügend solche Fragen zum Inhalt, zum Nutzen für den Menschen und damit zum Sinn von Kunst zu diskutieren. Es wäre verantwortungsvoller, den jungen Künstlern solche Überlegungen nahezubringen, statt sie auf eiskalte Marktmechanismen einzuschwören, denen sie nie gewachsen sein werden.

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