Keil-Teil

Juan Martin Koch über Konzerthäuser von der Stange und die aktuelle Ausgabe der neuen musikzeitung


(nmz) -
Kommt Ihnen das Bild auf dieser Titelseite auch bekannt vor? Zwangsrekrutierte Mitglieder der Gesellschaft, die als entrechtetes Hörvieh ihr Dasein in einem fensterlosen, offenbar der Musikdarbietung dienlichen Saal fris­ten? Nur ein Modell, sagen Sie? Umso schlimmer – da werden die Experimente am lebenden Objekt offenbar akribisch vorbereitet! Am effizientesten lässt sich das Publikum nach neuesten Erkenntnissen anscheinend durch eine Anordnung akustisch knechten, die einem Weinberg nachempfunden ist. Die Metapher sitzt: Wenn man auf allen Plätzen gleich gut hört, kann man die Brieftaschen des zahlenden Publikums auch gleichmäßig entsaften …
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Wie dem auch sei, dass Konzertsaalbauten sich innen immer stärker einander annähern, daran hat man sich mittlerweile gewöhnt. Dass sie sich nun aber auch in ihrer äußeren Erscheinungsform zu ähneln beginnen, gibt doch zu denken. Schlagen Sie mal die Seiten 10/11 auf: Fesch, wie sich der Typus „Zerborstener Keil“ mühelos jeder Umgebung anpasst! Ob in den Tiroler Voralpen oder am Rande der Pariser Stadtautobahn – das Ding macht einfach was her. Und da in beiden Fällen auch finanziell alles in Butter zu sein scheint, drängt sich die Frage auf, warum es woanders um neue Säle immer so ein unsägliches Gedöns gibt.

Wo bleibt die Firma, die das Geschäftsmodell „Konzerthaus von der Stange“ endlich konsequent anpackt? Die den Münchnern, den Bochumern, den Saarbrückern (siehe Seite 10 unten) und all den anderen Zauderern und Jammerlappen das Keil-Teil mit Weinberg-Funktionalität einfach zum Fixpreis hinstellt? Auch neue Märkte ließen sich ganz schnell erschließen. Flugs ist undercover ein Förderverein gegründet, der in einer Stadt oder Gemeinde so lange auf die Pauke haut, bis man dort das günstige Pauschal­angebot mit Kusshand nimmt. Und für den Fall dass dann niemand so recht weiß, was man mit dem neuen Dingsda eigentlich anstellen soll, gibt’s noch das optional buchbare Programmpaket mit Lang-Lang-Garantie obendrauf.

Wie meinen? Publikum zum Beschallen und Entsaften gibt’s da möglicherweise gar nicht? In diesem betrüblichen Fall hilft nur noch eins: Der steinige Weg der Nichthörer-Forschung muss beschritten werden (siehe Seite 17). Sollte sich beim Schließen dieser wissenschaftlichen Lücke herausstellen, dass diese bedauernswerte Bevölkerungsschicht den Besuch keilförmiger Gebäude grundsätzlich ablehnt, müsste das Firmenportfolio eben ausnahmsweise um eine architektonische Variante erweitert werden.

Falls Sie sich wundern, warum diese Gebrauchsanweisung für das Start-up eines künftigen Erfolgsunternehmens auf Seiten der nmz-Ausgabe verweist, die Sie gerade in der Hand halten, so hat das vor allem einen Grund: um Ihnen die Orientierung in unserer Zeitung zu erleichtern, die wir gemäß den Ergebnissen unserer langjährigen Leser- und Nichtleserforschungen ein wenig umgestaltet haben. Diese haben nämlich ergeben, dass sich ein Musikfachblatt idealerweise in vier Bücher in der Rhythmisierung lang-kurz-lang-kurz gliedert und im 70er-Raster gedruckt ist. Wir hoffen, sie liest sich von allen Plätzen aus gleich gut.

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